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In Berlin stolpert man an jeder Ecke über sie: Bunt beklebte, leicht ramponierte Kästen mit rotem Vorhang und grellem Blitzlicht. Doch wer sich hineinsetzt, sucht heute weniger ein Passbild als ein Gefühl: Nähe, Zufall, ein Stück analoger Magie. 2025 wird der Fotoautomat 100 Jahre alt – und feiert seine Renaissance zwischen Kunstgeschichte und Kultobjekt.

Mein Wochenende beginnt im 25hours Hotel Bikini Berlin – gleich beim Check-in blitzt der erste Automat. In der Markthalle 9 wartet der nächste, am Abend im Crackers landet der schmale Streifen als Erinnerung in meiner Tasche. Selbst im Concept Store Willa hängt ein Automatenbild an der Wand. Und im Hamburger Bahnhof, wo ich Klára Hosnedlovás Installation embrace sehe, steht wieder einer. Vielleicht, weil mich das Thema seit Wochen begleitet – vielleicht aber auch, weil Berlin weiß, dass der Fotoautomat gerade wieder in Mode ist. 8 Minutes of Fame spielt übrigens auf Andy Warhols legendäres Zitat von den 15 minutes of fame“ an – und auf die Tatsache, dass man 1925 in Josephos erstem Photomaton in New York genau acht Minuten auf seine acht Bilder wartete: ein magischer Moment zwischen Performance und Papier, Langsamkeit und einem Hauch von Ruhm.

Von New York in die Welt

Am Anfang stand Anatol Marco Josepho, ein sibirischer Auswanderer, der 1925 am Broadway den ersten Photomaton eröffnete. Acht Fotos in acht Minuten, für 25 Cent – ohne Fotograf, ohne Studio. Die Warteschlangen waren legendär, das Prinzip simpel: Münze einwerfen, Blick in die Linse, Vorhang zu. Millionenfach kopiert, wurde die Kabine zum demokratischen Porträtstudio – ein Vorläufer des Selfies, lange bevor es Smartphones gab.

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Jarred Kyle/Unsplash ©
Ein Fotoautomat in Paris

Vom Passbild zur Pop-Ikone

Kaum stand der Automat in Paris, entdeckten die Surrealisten sein Potenzial: Breton, Dalí und Co. posierten mit geschlossenen Augen – als wollten sie die Maschine träumen lassen.

Andy Warhol nutzte 1963 Photobooth-Streifen als Vorlage für seine Siebdrucke: Er ließ Personen wie Ethel Scull im Fotoautomaten porträtieren und übertrug die Bilder anschließend auf Leinwand – standardisierte, emotionslose Gesichter, die doch Intimität verrieten.

Arnulf Rainer verzog sein Gesicht vor der Linse, während Cindy Sherman Jahre später die Idee der Selbstinszenierung weiterführte – nicht im Automaten, sondern in ihren ikonischen Untitled Film Stills (1977 – 1980), die das Spiel mit Rollenbildern und Identität prägten.

Der Fotoautomat wurde zur Projektionsfläche – zwischen Kunst, Pop und Persönlichkeit.

Liz Rideal: Zeichnen mit Licht und Haar

Eine Generation später machte die britische Künstlerin Liz Rideal den Fotoautomaten zum Werkzeug. Zwei Jahrzehnte lang arbeitete sie ausschließlich in der Kabine, choreografierte Bewegungen, Stoffe und Haare – Zeichnungen“ im Vier-Bild-Rhythmus. Ihre Werke finden sich heute in bedeutenden Sammlungen: Das Metropolitan Museum of Art New York besitzt Yellow (Self-Portrait) (1994 – 2008). Weitere Arbeiten sind im V&A Museum, der Tate, dem British Museum und dem Philadelphia Museum of Art vertreten. Rideal zeigt, dass die Maschine malen kann – mit Belichtungen statt Pinseln, mit Zeit statt Farbe.

Yellow Self Portrait Unique Liz Rideal
Collection Metropolitan Museum of Art, NY ©
Liz Rideal, Yellow (Self-Portrait), 1994–2008: Selbstporträt als Bewegung: Das Haar wird zum Pinsel, der Vorhang zur Fläche.

Von Wien bis Edinburgh

Weltweit gibt es nur noch rund 200 analoge Automaten, doch sie sind gefragter denn je. In Wien feierte der analoge Fotoautomat 2009 sein Comeback – als Kunstprojekt des Fotografen Georg Schlosser, der gemeinsam mit Freunden ein Originalgerät aus den USA importierte, restaurierte und in der Pratersauna installierte. Was damals viele für eine fixe Idee hielten, wurde zum urbanen Phänomen. Schon bald folgten Standorte im MuseumsQuartier und im 25hours Hotel, wo heute der einzige analoge Automat Österreichs noch in Betrieb ist.

Seit 2015 baut das Team eigene Kabinen aus Originalteilen der 1950er- und 60er-Jahre – Unikate, die jedes Foto durch Chemie, Temperatur und Tagesverfassung leicht anders entwickeln. Für Schlosser ist der analoge Fotostreifen das Gegenstück zur digitalen Unendlichkeit“ – fünf Minuten Dunkelkammerrauschen statt sofortigem Upload, jedes Bild ein haptisches Original.

Und im schottischen Edinburgh wurde 2024 der Stillsautomat eröffnet – die einzige vollanaloge Kabine des Landes, betrieben vom Stills Centre for Photography. Hier entstehen keine biometrischen Fotos, sondern kleine Kunstwerke – kontrastreich, unberechenbar, einzigartig.

Die analoge Renaissance

Warum fasziniert uns das heute wieder? Vielleicht, weil man in einer Welt endloser Selfies für einmal nichts korrigieren oder löschen kann. Der Fotoautomat ist langsam, unperfekt, echt. Er schenkt keine Kontrolle, sondern Zufall – und vielleicht ist genau das sein Geheimnis: ein paar Minuten Ungewissheit, bevor das Papier warm aus der Maschine fällt – ein kleiner Moment Ewigkeit im Streifenformat.

100 Jahre Fotoautomat

  • 1925 New York: Anatol Marco Josepho eröffnet den ersten Photomaton
  • 1928 Paris: Die Surrealisten entdecken die Kabine als Kunstwerkzeug
  • 1963 New York: Andy Warhol produziert seine berühmten Photobooth Pictures
  • 1970 Wien: Arnulf Rainer nutzt Automatenporträts für seine Face Farces
  • 1985 – 2005 London: Liz Rideal verwandelt Photostrips in abstrakte Collagen
  • 2025 London: Ausstellung Strike a Pose! 100 Years of the Photobooth, Photographers’ Gallery (10 Okt 202522 Feb 2026)
  • Heute: Rund 200 analoge Kabinen weltweit – von Wien bis Edinburgh

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