Die Moderne feiert im Jahr 2026 ein besonderes Doppeljubiläum: Vor genau einem Jahrhundert, im Jahr 1926, skizzierte Mart Stam erstmals die Idee des hinterbeinlosen Stuhls, während zeitgleich das Bauhausgebäude in Dessau seine Tore öffnete.
Lange Zeit war unser Bild dieser Epoche von einer fast unterkühlten Sachlichkeit geprägt – dominiert von glänzendem Stahlrohr und strengem schwarzen Kernleder. Doch pünktlich zum 100. Geburtstag korrigiert Thonet dieses Bild mit der Einführung der „Soft“-Variante der Klassiker S 33 und S 34. Diese neue Edition ist weit mehr als eine zeitgemäße Produktpflege; sie ist eine Reminiszenz an die ursprüngliche Farbigkeit und Haptik der frühen Moderne.
In der kollektiven Erinnerung existiert das Bauhaus oft nur in Schwarz-Weiß-Fotografien, was den Blick auf die tatsächliche Gestaltung jener Zeit verzerrt hat. Wer heute in die Archive in Frankenberg blickt, entdeckt, dass die frühen Stahlrohrmöbel keineswegs nur auf Leder setzten. Tatsächlich waren viele Erstentwürfe mit dem sogenannten Eisengarnstoff bespannt – einem extrem belastbaren Material, das am Bauhaus von Visionärinnen wie Margaretha Reichardt für die hohen Zugkräfte der Freischwinger optimiert wurde. Diese Textilien leuchteten in kräftigen Rot‑, Blau- und Grüntönen und verliehen der radikalen Konstruktion eine menschliche, wohnliche Komponente.
Mit der „Soft“-Variante bringt Thonet dieses Gefühl der Geborgenheit nun zurück in die Gegenwart. Um die klare Silhouette der Entwürfe von Mart Stam zu bewahren, ohne die typischen Schwächen einfacher Stoffbespannungen wie das Ausbeulen in Kauf zu nehmen, wurde in rund einjähriger Entwicklungsarbeit eine komplexe Sandwich-Konstruktion geschaffen. Ein unsichtbares Trägermaterial stabilisiert dabei den Stoff und sorgt dafür, dass die Sitzfläche auch bei intensiver Nutzung ihre Form behält. Diese technische Finesse erlaubt es, fast jedes Textil der Thonet-Kollektion – von festen Geweben bis hin zu weicheren Strukturen – auf das ikonische Gestell zu bringen.
Besonders in Kombination mit farbig pulverbeschichteten Stahlrohrrahmen bricht der Freischwinger so aus seinem Image als rein funktionales Büromöbel aus. In der Fertigung in Frankenberg zeigt sich dabei das ungebrochene Zusammenspiel von industrieller Präzision und handwerklichem Geschick: Jede Bespannung wird individuell genäht und mit viel Erfahrung auf die gebogenen Rahmen geschoben. So erzählt Thonet 100 Jahre nach der ersten Skizze eine alte Geschichte neu und beweist, dass die wahre Meisterschaft des Bauhauses darin lag, radikale Innovation mit einer tiefen Wertschätzung für Materialität und Farbe zu verbinden.
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