Von der „Kulturinsel“ zum größten Kulturareal Europas: Gespräch mit Kurator Andreas Nierhaus über seine Ausstellung zum 25. Jubiläum des MQ.
Das MuseumsQuartier war ein Meilenstein in der Wiener Stadtentwicklung. Zum 25. Jubiläum zeichnet eine große Ausstellung den schwierigen Weg zum größten Kulturareal Europas nach. Kurator Andreas Nierhaus erzählt im Gespräch, dass ursprünglich weit Kühneres geplant war und ein Kulturzentrum ständige Weiterentwicklung braucht.
Interview mit Andreas Nierhaus, Kurator des MQ
Herr Nierhaus, das MQ war ja nicht nur das größte Kulturprojekt der Zweiten Republik, sondern auch eines der umstrittensten. Die Diskussionen zogen sich über Jahrzehnte. Wo genau setzen Sie mit Ihrer Ausstellung an? Inwieweit beleuchten Sie auch die Vorgeschichte?
Die Ausstellung legt ihren Schwerpunkt auf die Zeit, als Überlegungen aufkamen, dort etwas Kulturelles zu machen – eine „Kulturinsel“, wie das auch genannt wurde. Es geht vorwiegend um die architektonischen Projekte, die dafür entworfen wurden, aber wir gehen auch kurz auf die Anfänge des Areals ein: die Errichtung der Hofstallungen und die spätere Widmung als Messepalast, weil das wesentliche Voraussetzungen sind, sowohl architektonisch als auch von der Nutzung her, um das Spätere zu verstehen. Eigentlich setzt die Ausstellung schon vor 300 Jahren an.
Gab es damals eigentlich auch Streitereien oder hat der Kaiser die Errichtung der Hofstallungen einfach anordnen können?
Das war tatsächlich gar nicht so einfach: Sogar der Kaiser musste um Genehmigung ansuchen, weil die Hofstallungen zum allergrößten Teil auf dem Areal des Glacis standen, das ja zur Verteidigung diente. Es gab hier ein strenges Bauverbot; der Hofkriegsrat, also die obersten Militärs, mussten diesen Plan überhaupt erst genehmigen und haben das nur ausnahmsweise getan. Das Projekt der Hofstallungen ist deshalb so wichtig, weil das im frühen 18. Jahrhundert das erste und eigentlich einzige Mal war, dass man über die Stadtmauern hinausgedacht und auch gebaut hat. Damit hat man eigentlich auch das aufgespannt, was später mit dem Kaiserforum und letzten Endes auch mit der Idee des MuseumsQuartiers weiterverfolgt wurde. Also eine große Achse zwischen der Hofburg, der inneren Stadt und dem Rand des Glacis. Fast logisch, dass das Areal später zu einem solchen Kulminationspunkt kulturpolitischer Überlegungen wurde.
Im 20. Jahrhundert machten die Hofstallungen dann Karriere als Messepalast. Wann ging es denn mit der kulturellen Nutzung los?
Der Messepalast war nach dem 1. Weltkrieg ein Ort großer und sehr publikumsträchtiger Präsentationen – nicht nur künstlerischer, sondern auch sehr breiter, populärer Inhalte. Zur Schau „Wien und die Wiener“ im Jahr 1927 beispielsweise kamen 600.000 Besucher – das muss man sich einmal vorstellen! Er war eines der Standbeine der Wiener Messe, die damals neu gegründet wurde, und diente auch außerhalb der Messezeiten als wichtiger Ausstellungsort. Das ging so bis in die 1930er Jahre. Und in der NS-Zeit wurde der Messepalast dann auch für ziemlich unappetitliche Propaganda-Schauen verwendet. Da haben die Nazis tatsächlich Politik und Demagogie mit dem Medium Ausstellung betrieben.
Nach dem Krieg wurde der Messebetrieb wieder aufgenommen. Kam auch gleich die Kultur zurück? Oder erst später mit den Wiener Festwochen?
Viele Veranstalter haben sich hier eingemietet und diese riesigen Räume eigentlich ganz logisch bespielt. Die Winterreithalle war ein sehr beliebter Konzertsaal, und insofern hat man dort ganz selbstverständlich Konzerte, Theater und Ausstellungen veranstaltet. Schon in dem Wissen, dass sich da etwas ändern wird, dass die Wiener Messe ausziehen wird und hier ein Kulturzentrum entstehen soll.
Was war dann tatsächlich der zündende Funke?
Eigentlicher Anlass war die Suche nach einem Quartier für das Museum moderner Kunst, das 1978 durch die Leihgaben der Sammlung Ludwig und die Aussicht auf eine dauerhafte Kooperation Platz für die Präsentation gebraucht hat. Die Bundesmuseen litten damals allesamt unter großen strukturellen Problemen, und so wurde 1985 ein neues Museumskonzept erarbeitet – und auf dem Cover des Konzepts waren schon die Hofstallungen zu sehen. Man hat dann bald realisiert, dass ein solches Quartier ohne große Neubauten nicht funktioniert und hat daher 1986 einen österreichweiten Architekturwettbewerb ausgeschrieben.
Den haben dann bekanntlich Manfred und Laurids Ortner gewonnen. Wie sehr unterscheidet sich ihr ursprünglicher Entwurf von dem, was wir heute haben?
Ja, das ist eigentlich der Kern der Ausstellung, nämlich verständlich zu machen, warum das MuseumsQuartier so aussieht, wie es aussieht. Ich habe mit jungen Menschen gesprochen, die beispielsweise noch nie davon gehört hatten, dass es auch den Plan eines Leseturms gegeben hat, und das war für mich dann der Antrieb, die ganze Geschichte noch einmal aufzurollen. Das war auch der Wunsch von MQ-Direktorin Bettina Leidl: zu zeigen, was da wirklich passiert ist, denn die Unterschiede zwischen Plan und Realität sind schon gravierend.
Inwiefern?
Das Museum moderner Kunst hat ursprünglich den größten Raum beansprucht und sollte dort stehen, wo sich jetzt das Leopold Museum befindet. Gegenüber – also an der heutigen Position des mumok – sollte die Kunsthalle errichtet werden. Und hinter der historischen Winterreithalle sollte ein Veranstaltungssaal untergebracht werden. Die Winterreithalle wäre zum weitläufigen Verteiler oder Zentralfoyer für die großen Institutionen geworden, ähnlich wie im Centre Pompidou, nur noch viel großzügiger, also eine durchaus ansprechende Lösung. Zudem sah die architektonische Gestaltung ganz anders aus, mit zum Teil viel höheren markanten Gebäuden sowie modernen, sehr technisch anmutenden Materialien. Der Architekturkritiker Walter Zschocke hat von „wilden Kerlen“ gesprochen, die sich da hinter dem Fischer von Erlach-Trakt gebärden – und das finde ich eine ganz gute Beschreibung für diese sehr selbstbewusste Architektur des ursprünglichen Projekts …
… mit dem 65 Meter hohen Leseturm als markantem Ausrufezeichen. Daran haben sich aber bald die öffentlichen Diskussionen entzündet, die größtenteils über die Boulevardmedien geführt wurden. Lag der Widerstand nicht auch daran, dass die Funktion des Turms nicht wirklich klar definiert worden ist?
Ich denke, das ist auch ein Grund, warum er bisher nicht gebaut wurde: weil man sich eine Bibliothek auf vielen Stockwerken übereinander rein funktional kaum vorstellen kann. Der Turm war von den Architekten als künstlerisch notwendiges Objekt in die Planung integriert worden, aber die Funktion war nicht überzeugend, und das war ein wichtiger Punkt für die Gegner. Vor allem aber ging es um die Höhe des Objekts. Die einen sahen das Stadtbild ernsthaft in Gefahr, die anderen fürchteten schlicht um ihre schöne Aussicht aus den Wohnungen dahinter. Bald war im Boulevard wechselweise vom „Museumsmonster“ oder „Monstermuseum“ die Rede. Nicht nur der Leseturm wurde verhindert, auch die Museumsgebäude wurden deutlich niedriger.
Ein weiterer Streitpunkt war in der Folge die Ausgestaltung der Höfe und Begegnungszonen. Die Architekten wehrten sich strikt gegen Grünzonen und Mobiliar. „Nur ja keine Bäume“, hieß es, das würde die Architektur zerstören. Das hat sich in Zeiten von Klimawandel und Erderwärmung aber doch ein wenig geändert …
Ja, es sind heute ganz andere Zeiten als 2001. Ich glaube, damals ging es vor allem darum, einen großzügigen Platzeffekt zu erzeugen – das sind ja auch ganz bestimmt dimensionierte Platten, die da verlegt wurden, und es sollte eine mediterrane Atmosphäre erzeugt werden. Heute ist das Thema Grün in der Stadt ein ganz anderes. Und die Konsequenz daraus ist ja auch, dass man voriges Jahr begonnen hat, wirklich Ernst zu machen und in den Höfen Bäume zu pflanzen. Damit ist ein Schritt gesetzt, der diesen neuen Anforderungen entspricht – und die Architektur, denke ich, hält das aus.
Grundsätzlich sollte das MQ laut Konzept der Architekten ja nie eine abgeschlossene Sache sein, sondern sich stetig weiterentwickeln. Was tut sich denn da – abgesehen vom geplanten Haus der Geschichte?
Das stimmt – die Architekten haben das MQ schon vor der Eröffnung als Work in Progress bezeichnet und die Planungen so angelegt, dass das Areal ständig erweitert werden kann und substanzielle Veränderungen möglich sind. Die Libelle auf dem Dach des Leopold Museums und das geplante Haus der Geschichte sind sicher die auffallendsten Entwicklungen. Manfred und Laurids Ortner haben jetzt für das Jubiläumsjahr nochmal neue Vorschläge für eine Weiterentwicklung gemacht. Dazu zählen etwa ein Photovoltaiksystem, das sie in den kleinen Höfen implementieren möchten, ebenso wie ein besserer neuer Zugang zur Kunsthalle – und auch den Leseturm haben sie noch nicht ganz aufgegeben. Wir wollen in der Ausstellung auch anhand von visionären Entwürfen zeigen, wie es weitergehen könnte.
Sehen Sie das MQ im internationalen Vergleich als Erfolgsmodell?
Natürlich gibt es ikonischere Bauten, perfekte kristalline Objekte, die wahrscheinlich fotogener sind – aber auch in sich geschlossen. Das war aber nie die Idee für das MuseumsQuartier. Es sollte ein möglichst offener Ort der Begegnung sein, der auch weiter wachsen kann. Ich denke mal, der Erfolg gibt dem MuseumsQuartier Recht, und die Diskussionen, wer von den Besuchern jetzt wirklich Eintritt für die Museen bezahlt, sind wahrscheinlich müßig. Wichtiger ist wohl das Gesamtbild und die Tatsache, dass der Ort wirklich angenommen wurde – das hat bei der Eröffnung ja niemand geglaubt. Da stand in einer Zeitung: „Operation gelungen, Patient tot!“ Und heute gibt es kaum einen lebendigeren Ort in Wien.
Vision und Widerstand – Wie das MuseumsQuartier Wien veränderte
MQ Freiraum
30.06.2026 – 25.01.2027
25 Jahre nach der Eröffnung des MQ blickt die Ausstellung auf die konfliktreiche Geschichte eines der weltweit größten Kulturareale zurück.
Kuratiert von Andreas Nierhaus.
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