AFA-Directrice Camille Boyer, Mitbegründerin und Direktorin der Austrian Fashion Association, im Talk über Verantwortung, Förderung und die Zukunft österreichischer Mode.
Seit mehr als einem Jahrzehnt prägt Camille Boyer mit ihrer Arbeit in der Austrian Fashion Association die österreichische Kultur- und Kreativszene maßgeblich. Unter ihrer Leitung hat sich die Institution zu einer zentralen Plattform und Förderinstitution für zeitgenössisches Modedesign entwickelt – mit klarer internationaler Perspektive und einem besonderen Blick auf gesellschaftlich relevante Gestaltung.
Frau Boyer, Sie begleiten und unterstützen seit über einem Jahrzehnt die österreichische Modeszene. Wenn Sie auf diese Zeit blicken – was hat sich im Selbstverständnis österreichischer Designer am stärksten verändert?
In den vergangenen Jahren hat sich das Selbstverständnis österreichischer Designer spürbar verändert. Wo früher die Orientierung an internationalen Modemetropolen dominierte, steht heute ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Handschrift und den kulturellen Kontext im Vordergrund. Viele begreifen Österreich als Labor für progressive Ideen zwischen Handwerk, Nachhaltigkeit und Kunst. Dieses wachsende Vertrauen in die eigene Position hat eine neue Unabhängigkeit hervorgebracht, die sich nicht über Trends, sondern über Haltung definiert.
Seit der Gründung der Austrian Fashion Association hat sich die Arbeit österreichischer Designer mehrfach gewandelt. Noch vor rund zwanzig Jahren stand ein unabhängiger Designer für kreative Autonomie abseits des großen Marktes, mit Raum für Experiment und konzeptionelles Denken. Mit der Demokratisierung von Mode und dem Aufstieg sozialer Medien entstanden jedoch neue Spannungsfelder: Plötzlich mussten Designer nicht mehr nur gestalten, sondern zugleich produzieren, verkaufen, kommunizieren und sich selbst vermarkten, also viele unterschiedliche Berufe in einer Person vereinen.
Der Wettbewerb mit globalen Marken brachte unrealistische Erwartungen an Preis, Qualität und Sichtbarkeit mit sich, bei ungleichen Ressourcen. Die Krisen der letzten Jahre, von der Pandemie bis zur wirtschaftlichen Unsicherheit, haben diese Dynamik verstärkt.
Viele Designer reagieren darauf, indem sie ihre Arbeit neu verorten – nicht mehr nur als Produktentwicklung, sondern als kulturelle Praxis, als Form von Forschung, Reflexion und ästhetischer Positionierung. Zugleich ist das Bewusstsein für ökologische, soziale und kulturelle Verantwortung heute ein selbstverständlicher Teil zeitgenössischer Gestaltung.
Die Austrian Fashion Awards gelten als das wichtigste Forum für zeitgenössisches Modedesign in Österreich. Welches Signal möchten Sie an diesem Abend setzen?
Unser Ziel ist es, Sichtbarkeit zu schaffen für eine Generation von Designern, die Mode als Teil eines größeren gesellschaftlichen und ästhetischen Diskurses begreift. Die Awards sind ein Ort des Austauschs, aber auch der Anerkennung für mutige Positionen, die neue Perspektiven eröffnen. Wir wollen zeigen, dass österreichisches Modedesign international relevant ist, und zwar nicht durch Anpassung, sondern durch Eigenständigkeit und Haltung. Dabei ist Mode immer ein Gemeinschaftsprozess. Hinter jedem Designer steht ein Netzwerk aus Künstlern, Stylisten, Fotografen, Performern, Filmemachern und vielen weiteren Kreativen. Dieser Abend würdigt die Community und schafft eine Plattform für Begegnung, Vernetzung und Inspiration.
Zahlreiche Designer, die im Rahmen der Austrian Fashion Association arbeiten, hinterfragen gesellschaftliche Strukturen und Produktionsbedingungen. Welche Rolle spielt Mode für Sie als kulturelles Medium – als Sprache, die gesellschaftliche Themen sichtbar macht?
Mode ist immer ein Kommentar zur Gegenwart. Sie erzählt von Identität, Geschlecht, Körper, Herkunft und Macht auf eine sinnliche, direkte Weise. Gerade junge Designer nutzen Kleidung heute als Medium, um gesellschaftliche Fragen zu verhandeln: Wer darf sichtbar sein? Wie wird produziert? Welche Werte stecken in Material und Schnitt? In diesem Sinn ist Mode längst nicht mehr nur ästhetisches Produkt, sondern kulturelles Statement.
Als Förderorganisation verstehen wir Mode als Kulturgut. Die AFA setzt sich für eine künstlerische, experimentelle und verantwortungsvolle Designpraxis ein und unterstützt Designer dabei, nachhaltige Praktiken zu entwickeln – unabhängig davon, ob sie kommerzielle oder künstlerische Ziele verfolgen. Dabei betrachten wir Mode als ein kreatives Netzwerk: Jede Rolle, von Designern über Fotografen und Stylisten bis hin zu Künstlern und Performern, trägt zur Innovationskraft und Lebendigkeit der Szene bei. Unser Ziel ist eine vielfältige Modeszene, in der das gesamte Ökosystem sichtbar und wirksam wird.
Junge Designer stehen heute unter großem Druck: Nachhaltigkeit, Digitalisierung, wirtschaftliche Unsicherheit. Welche Fähigkeiten werden in Zukunft entscheidend sein?
Neben Kreativität braucht es heute vor allem unternehmerisches Denken, Resilienz und strategische Klarheit. Wer Mode macht, muss lernen, zwischen Kunst und Markt zu navigieren – ohne sich dabei zu verlieren. Es geht darum, langfristig zu denken und Systeme zu entwickeln, die zirkulär, fair und kooperativ funktionieren.
Designer stehen heute vor der Herausforderung, ein schwieriges Gleichgewicht zu halten: zwischen künstlerischer Freiheit und wirtschaftlicher Realität, zwischen Experiment und Marktanforderung. Viele Labels überstehen die ersten Jahre nicht, weil die Investitionen hoch und die Wege unsicher sind. Aber wer diesen Weg schafft, kann Mode nicht nur gestalten, sondern auch kulturell prägen und so Teil einer Generation werden, die ästhetische, gesellschaftliche und intellektuelle Fragen neu verhandelt.
Wenn Sie sich ein ideales kreatives Ökosystem für Mode, Kunst und Design in Österreich vorstellen könnten – wie sähe das aus?
Ich wünsche mir ein Umfeld, in dem kreative Arbeit als gesellschaftlich relevant anerkannt wird; dazu gehören Räumlichkeiten, Infrastruktur und finanzielle Stabilität für experimentelles Arbeiten. Es braucht Orte der Begegnung zwischen Wirtschaft, Kunst und Forschung und eine Politik, die kulturelle Innovation langfristig unterstützt.
Deshalb möchten wir das AFA Center for Contemporary Fashion ins Leben rufen, Österreichs erstes stationäres kulturelles Zentrum für zeitgenössisches Modedesign, das als Plattform für internationalen kulturellen Austausch, Katalysator für kreatives Wachstum und Zuhause für die Modecommunity Österreichs dienen soll. Um dies realisieren zu können, braucht es aber nicht nur visionäre Konzepte, sondern auch Partner und politische Entscheidungsträger, die das Potenzial von Mode als kulturelle und wirtschaftliche Kraft erkennen und mittragen.
Inwiefern hat sich das heimische Modedesign im letzten Jahrzehnt verändert? Gibt es einen klaren Wandel von der Designsprache früherer Gewinner wie Arthur Arbesser und Petar Petrov zu jener der diesjährigen Teilnehmer?
Ja, der Wandel ist deutlich spürbar. Während Designer wie Arthur Arbesser und Petar Petrov stark mit Form, Material und Eleganz gearbeitet haben, sieht man heute vermehrt konzeptuelle Ansätze – oft mit sozialpolitischem oder ökologischem Bezug. Die aktuelle Generation denkt Mode stärker als Prozess: Kleidung wird performativ, genderfluid, teilweise digital erweitert. Das Handwerk bleibt wichtig, aber es wird von einer intellektuellen Ebene begleitet, die Fragen stellt, anstatt Antworten zu liefern.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der österreichischen Mode – und für die Menschen, die sie gestalten?
Ich wünsche mir für die österreichische Mode vor allem Eigenständigkeit und Beharrlichkeit, die Freiheit, eigene Wege zu gehen, das Eigene zu kultivieren und langfristig daran arbeiten zu können. Unsere Kreativen brauchen stabile Strukturen, aber auch Mut zur Kooperation und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Gerade in einem kleinen Land wie Österreich ist gegenseitige Unterstützung entscheidend, um das volle kreative Potenzial zu entfalten. Gleichzeitig ist es wichtig, den Blick über die Landesgrenzen zu richten, internationale Standards zu kennen und sich auf Augenhöhe mit der Welt auszutauschen, ohne dabei die eigene Stimme zu verlieren. Denn Mode ist mehr als Kleidung – sie kann kulturelle Debatten prägen, gesellschaftliche Fragen sichtbar machen und neue Perspektiven eröffnen. Wer diesen Anspruch versteht und lebt, trägt nicht nur zur Weiterentwicklung der Branche bei, sondern stärkt auch Österreichs Rolle in einem global vernetzten, kulturell geprägten Designverständnis.
Zum Abschluss noch ein Blick auf Helmut Lang: Welche jungen Designer sollten wir uns heute merken – wer prägt aus Ihrer Sicht die nächste Generation?
Auch wenn die Fragestellungen sich ähneln, arbeitet die junge Generation österreichischer Designer heute unter Bedingungen, die kaum mit der Zeit Helmut Langs vergleichbar sind: Damals war Mode noch eine Nische; experimentelle Labels hatten Raum für Entfaltung ohne den heutigen globalen Druck. Heute ist das Feld übersättigt, international vernetzt und besonders für kleine Labels ein ständiger Wettkampf. Gerade in diesem Spannungsfeld entstehen jedoch besonders faszinierende Positionen: Designer und Labels wie Lore, Gatto oder Laura Andraschko begreifen Mode als kritisches und kulturelles Medium, hinterfragen Ästhetik, Narrative und Konventionen, experimentieren mit Formen, Materialien und Konzepten und entwickeln zugleich neue Denkweisen, Produktionsprozesse und Strategien für eine nachhaltige Zukunft. Sie sind nicht nur Modemacher, sondern Wegbereiter für kulturelle und nachhaltige Entwicklungen und zeigen damit, dass österreichisches Design durch Eigenständigkeit, Haltung und Innovationskraft international relevant bleibt.
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