Mit der Ankündigung der John Galliano Retrospektive, die nächstes Jahr im Zentrum des Costume Institutes stehen wird, ist die kommende Met Gala, die wie immer am zweiten Montag im Mai stattfinden wird, bereits jetzt in aller Munde. Die Schau über den prämierten Designer ist nur jedoch nur eine von vielen, die in den kommenden Monaten den Kulturkalender definieren wird. Von Fendi und die Antwerp Six bis zu Azzedine Alaïa und Vivienne Westwood stellen wir die wichtigsten Modeausstellungen vor, die definitiv eine Reise wert sind.
Spätestens seit dem „Alexander McQueen: Savage Beauty“ Rückblick im Metropolitan Museum of Art 2011 gelten Modeausstellungen als verlässlichen Publikumsmagneten im Programm großer Museen. Inzwischen bestimmen sie selbst den Takt der Häuser. Archive werden geöffnet, Laufstegbilder kulturhistorisch gelesen und einzelne Kleidungsstücke mit derselben Genauigkeit untersucht wie Architektur, Malerei oder Design.
Die kommenden Monate zeigen, wie weit das Spektrum mittlerweile reicht. In Rom wird aktuell eine wegweisende Fendi-Ausstellung aus dem Jahr 1985 rekonstruiert (wir berichteten), Antwerpen feiert seine berühmtesten Modeschöpfer und London widmet einem einzigen Mantel eine eigene Schau. Azzedine Alaïas Entwürfe treffen in San Francisco auf Skulpturen, während sich das Met auf die bereits jetzt viel diskutierte John-Galliano-Retrospektive vorbereitet, die auch den schwierigen Fragen rund um den Designer nicht ausweichen will.
The Antwerp Six: Sechs Namen, eine modische Revolution
1986 fuhren sechs junge belgische Designer mit ihren Kollektionen nach London. Dirk Bikkembergs, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee präsentierten ihre Arbeiten bei der British Designer Show und machten Antwerpen beinahe über Nacht zu einer internationalen Modestadt.
Vierzig Jahre später widmet das MoMu der Gruppe erstmals eine große gemeinsame Ausstellung. „The Antwerp Six“ zeichnet ihren Weg von der Königlichen Akademie der Schönen Künste bis zu sechs eigenständigen Karrieren nach. Historische Looks, Fotografien und Archivmaterial machen sichtbar, wie unterschiedlich ihre Entwürfe waren – und weshalb die gemeinsame Herkunft dennoch eine neue Vorstellung belgischer Mode entstehen ließ.
Die Schau erzählt zugleich von einer seltenen Konstellation: einer kleinen Stadt, einer kompromisslosen Ausbildungsstätte und einer Generation, die internationale Aufmerksamkeit gewann, ohne sich den Regeln von Paris, Mailand oder London anzupassen.
MoMu – ModeMuseum Antwerpen
bis 17. Januar 2027
Fendi und Karl Lagerfeld: Als Mode das Museum eroberte
Heute gehören Retrospektiven großer Modehäuser zum internationalen Museumsbetrieb. 1985 sorgte eine solche Präsentation in Italien noch für Diskussionen. Mit „Un percorso di lavoro. Fendi / Karl Lagerfeld“ zeigte die römische Galleria Nazionale damals eine Ausstellung, die den Entstehungsprozess von Mode in den Mittelpunkt stellte.
Unter dem Titel „After. Un percorso di lavoro. Fendi / Karl Lagerfeld 1985“ wurde diese Schau nun möglichst originalgetreu rekonstruiert. Skizzen, Musterbretter, vorbereitende Leinwände, Papiermodelle, Filme und fertige Kreationen führen durch jene Arbeitsschritte, die von der ersten Idee bis zum Kleidungsstück reichen.
Die Neuauflage blickt damit auf einen entscheidenden Moment der Modegeschichte zurück. Fendi und Lagerfeld präsentierten Kleidung nicht als flüchtiges Saisonprodukt, sondern als Ergebnis von Recherche, Materialexperiment, Technik und Handwerk. Die historische Presseschau am Ende erinnert daran, wie umstritten dieser Gedanke vor vier Jahrzehnten noch war.
Galleria Nazionale d’Arte Moderna e Contemporanea, Rom
bis 25. Oktober 2026
The Burberry Trench: Ein Mantel wird Museumsstück
Nur wenige Kleidungsstücke lassen sich aus der Entfernung so schnell erkennen wie der Burberry-Trenchcoat. Das V&A widmet dem britischen Klassiker anlässlich des 170-jährigen Bestehens des Hauses eine eigene Präsentation.
„The Burberry Trench: Crafting an Icon“ verfolgt seine Entwicklung von funktionaler Oberbekleidung und militärischer Ausrüstung bis zum globalen Modezeichen. Historische Kataloge und selten gezeigte Stücke aus den Archiven treffen auf jüngere Laufstegversionen, die zeigen, wie häufig der Trench verändert wurde, ohne seine charakteristischen Merkmale zu verlieren.
Zu sehen sind etwa ein Mantel des britischen Designers Hardy Amies, ein pinkfarbener Seidentrench aus dem Jahr 2013 und neuere, mit Prints, Stickereien oder ungewöhnlichen Materialien bearbeitete Modelle. Die kostenlose Schau findet in der Prince Consort Gallery des V&A South Kensington statt.
Victoria and Albert Museum, London
21. September 2026 bis 3. Januar 2027
The 90s: Als Kunst und Mode ihre Grenzen verloren
Die Neunzigerjahre werden häufig auf Minimalismus, Supermodels und Britpop reduziert. „The 90s: Art and Fashion“ will das Jahrzehnt umfassender betrachten. Gastkurator Edward Enninful verbindet in der Tate Britain Fotografie, Malerei, Skulptur, Mode und Design.
Auf der Liste der beteiligten Namen stehen unter anderem Tracey Emin, Damien Hirst, Alexander McQueen, Juergen Teller und Corinne Day. Neben bekannten Bildern rückt die Ausstellung Stimmen in den Vordergrund, die außerhalb etablierter kultureller Strukturen arbeiteten. Fragen nach Klasse, Herkunft, Sexualität, der Aidskrise und der wachsenden Bedeutung unterschiedlicher Perspektiven gehören wesentlich zu dieser Erzählung.
Die Ausstellung dürfte besonders dort interessant werden, wo sie vertraute Bilder von Kate Moss, Young British Artists und Londoner Clubkultur aus der nostalgischen Rückschau löst. Viele Mechanismen, die Mode und Popkultur heute bestimmen, nahmen in diesem Jahrzehnt Gestalt an.
Tate Britain, London
8. Oktober 2026 bis 14. Februar 2027
Azzedine Alaïa: Mode als Skulptur
Azzedine Alaïa studierte zunächst Bildhauerei in Tunis. Auch als Couturier blieb sein Blick auf den menschlichen Körper von dieser Ausbildung geprägt. Stoff wurde bei ihm gezogen, geformt, gespannt und geschnitten, bis Kleidung und Körper wie eine präzise komponierte Einheit wirkten.
„Azzedine Alaïa: Sculpting Fashion“ ist die erste große US-Retrospektive des französisch-tunesischen Designers. Rund 80 Kleidungsstücke dokumentieren seine Karriere, darunter Entwürfe, die von Tina Turner, Grace Jones, Rihanna und weiteren prominenten Trägerinnen bekannt wurden.
Ergänzt werden sie durch Werke aus Alaïas eigener Sammlung, darunter Mode von Madame Grès, Cristóbal Balenciaga und Charles James. Die Präsentation in einem Kunstmuseum ist bewusst gewählt: Im Legion of Honor treten seine körpernahen Silhouetten in einen direkten Dialog mit der dortigen Skulpturensammlung.
Legion of Honor, San Francisco
21. November 2026 bis 11. April 2027
Peggy Guggenheim: Die Erfindung einer Sammlerin
Streng genommen ist „Peggy Guggenheim in London: The Making of a Collector“ keine Modeausstellung. Dennoch passt sie in diese Auswahl. Guggenheims Erscheinung, ihr Umgang mit Künstlern und ihre konsequent inszenierte Persönlichkeit machten sie selbst zu einer kulturellen Figur. Unterstützt wird die Ausstellung zudem von Bottega Veneta.
Im Zentrum stehen die Londoner Jahre von 1938 bis 1939 und Guggenheim Jeune, ihre erste Galerie. Innerhalb von nur 18 Monaten veranstaltete sie dort mehr als 20 Ausstellungen und förderte Künstlerinnen und Künstler aus Surrealismus, Abstraktion und moderner Skulptur.
Werke von Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Barbara Hepworth, Sophie Taeuber-Arp und weiteren Positionen rekonstruieren jene kurze Phase, in der Guggenheim ihre spätere Rolle als Sammlerin und Mäzenin entwickelte. Nach der aktuellen Station in Venedig reist die Ausstellung nach London und anschließend weiter nach New York.
Royal Academy of Arts, London
21. November 2026 bis 14. März 2027
Vivienne Westwood & Jewellery: Die Krone, der Orb und der Punk
Schmuck war bei Vivienne Westwood nie bloße Ergänzung. Perlen, Kronen, Kreuze, Ketten und der berühmte Orb verdichteten historische Referenzen zu einer eigenen Bildsprache. Oft wirkten sie aristokratisch und respektlos zugleich.
Das V&A Dundee präsentiert im Frühjahr 2027 die britische Premiere von „Vivienne Westwood & Jewellery“. Vier Jahrzehnte Archiv- und Laufstegschmuck werden erstmals als zusammenhängende Sammlung gezeigt. Die vom Modehaus kuratierte Schau untersucht, wie Westwood Schmuck einsetzte, um den Körper zu betonen, Bedeutungen zu verschieben und ihre Kollektionen erzählerisch zu schärfen.
Auch die Beziehung zu Schottland erhält einen eigenen Schwerpunkt. Archivlooks und Textilien greifen Westwoods langjährige Beschäftigung mit Tartans, schottischer Tradition und historischer Kleidung auf. Ein Ende der Laufzeit wurde bislang nicht bekannt gegeben.
V&A Dundee
ab 26. März 2027
John Galliano: Eine Retrospektive ohne einfache Antworten
John Gallianos Werk ist geprägt von historischen Zitaten, aufwendiger Recherche, spektakulären Laufstegbildern und außergewöhnlicher Schneiderkunst. Seine Karriere lässt sich allerdings kaum von den antisemitischen und rassistischen Äußerungen trennen, die 2011 zu seiner Entlassung bei Dior führten.
Das Costume Institute des Metropolitan Museum widmet Galliano 2027 die erste große Museumsausstellung über sein gesamtes Schaffen. „John Galliano: Horizons“ beginnt bei seiner Abschlusskollektion am Central Saint Martins College im Jahr 1984 und führt über sein eigenes Label, Givenchy und Dior bis zu Maison Margiela und der viel beachteten Artisanal-Kollektion für Frühjahr/Sommer 2024.
Kleidungsstücke, Accessoires, Skizzen, Toiles, Recherchebücher und Archivmaterial sollen Gallianos Arbeitsweise offenlegen. Zugleich kündigt das Museum an, sein Fehlverhalten und dessen Folgen ausdrücklich zu behandeln. Kurator Andrew Bolton plant damit keine klassische Heldenbiografie, sondern eine Untersuchung darüber, wie ästhetische Leistung, persönliche Verantwortung und institutionelle Anerkennung miteinander verknüpft sind. Gerade diese Spannung könnte „Horizons“ zu einer der meistdiskutierten Modeausstellungen des Jahres machen.
The Metropolitan Museum of Art, New York
9. Mai 2027 bis 9. Januar 2028
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