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Gelbe Taxis werden zu Schleifen, Straßenlaternen zu skulpturalen Knoten und vertraute Stadtmöbel verlieren plötzlich ihre Funktion. Mit seinen jüngsten Installationen für Dior in New York und Beverly Hills hat Alex Chinneck einmal mehr gezeigt, warum er zu den interessantesten Künstlern an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Design zählt.

Der britische Künstler beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was geschieht, wenn vertraute Dinge ihre gewohnte Form verlieren. Häuser scheinen zu schmelzen, Fassaden öffnen sich wie Stoffbahnen und Gebäude widersetzen sich scheinbar den Gesetzen der Schwerkraft. Was auf den ersten Blick wie digitale Bildmanipulation wirkt, entsteht mit großem technischem Aufwand und einer bemerkenswerten Präzision im Umgang mit Material und Konstruktion.

Geboren 1984 und ausgebildet am Chelsea College of Arts in London, gehört Chinneck heute zu jener Generation von Künstlern, die den öffentlichen Raum als ihr Atelier begreifen. Statt Werke für Museen oder Galerien zu schaffen, arbeitet er bevorzugt dort, wo Menschen ihnen zufällig begegnen: auf Straßen, Plätzen oder an Gebäuden, die Teil des Alltags sind. Seine Kunst beginnt nicht im abgeschlossenen Ausstellungsraum, sondern mitten im Leben.

1 Alex Chinneck Image by Charles Emerson
Charles Emerson ©
Alex Chinneck

Bekannt wurde Chinneck mit Arbeiten, die vertraute Architektur aus dem Gleichgewicht bringen. In Margate ließ er die Fassade eines leerstehenden Hauses scheinbar in den Vorgarten rutschen. Für ein weiteres Projekt errichtete er ein Gebäude aus Wachsziegeln, das langsam in sich zusammensank. Internationale Aufmerksamkeit erhielt auch eine Installation, bei der sich die Fassade eines Hauses wie ein überdimensionaler Reißverschluss öffnete. Was seine Arbeiten verbindet, ist weniger die Illusion selbst als die Irritation, die sie auslöst. Für einen Moment erscheint das Vertraute plötzlich unzuverlässig.

Dabei besitzen Chinnecks Werke eine bemerkenswerte Zugänglichkeit. Sie verlangen kein kunsthistorisches Vorwissen und keine komplexen Erklärungen. Jeder versteht intuitiv, dass ein Haus nicht schmelzen, eine Fassade nicht aufreißen und ein Taxi nicht wie ein Band verknotet werden kann. Genau aus diesem Widerspruch entsteht die Kraft seiner Arbeiten. Sie spielen mit Erwartungen, ohne dabei rätselhaft wirken zu wollen.

Die Zusammenarbeit mit Dior zeigt, wie selbstverständlich sich Chinnecks Bildsprache inzwischen zwischen Kunst, Architektur, Design und Mode bewegt. Für die Schaufenster der Flagship-Stores in New York und Beverly Hills entwickelte er eine Serie großformatiger Skulpturen, die urbane Symbole neu interpretierten. Gelbe Taxis, Straßenlaternen, Verkehrszeichen und Uhren wurden zu skulpturalen Objekten, die gleichermaßen an Stadtlandschaften und Couture erinnerten. Die Arbeiten greifen die visuelle Sprache von Dior auf, bleiben dabei aber unverkennbar Alex Chinneck.

Gerade darin liegt seine besondere Qualität. Chinneck erschafft keine fremden Welten, sondern verändert die Welt, die wir bereits kennen. Er nimmt Häuser, Straßenlaternen, Autos oder Fassaden und verschiebt sie nur so weit, dass sie plötzlich unmöglich erscheinen. Für einen Augenblick geraten unsere gewohnten Vorstellungen ins Wanken – und genau dieser Moment des Staunens macht seine Arbeiten so eindrucksvoll.


5 weitere herausragende Projekte von Alex Chinneck

Von Häuserfronten, die von der Fassade rutschen, über Wände, die sich per Reißverschluss öffnen bis hin zu einer Ziegelmauer, die entzwei bricht – Alex Chinneck spielt in seiner Arbeit stets mit den Limitationen klassischer Architektur und versetzt sein Publikum mit jedem einzelnen Projekt ins Staunen.

Genialer Kniefall

Alex Chinneck, A Week at the Knees, London
Charles Emerson ©
Alex Chinneck, A Week at the Knees, London

Wenn Häuser plötzlich weich werden, Fassaden in sich zusammensacken und Architektur scheinbar ihre physikalischen Regeln ignoriert, ist Alex Chinneck meist nicht weit. Der britische Künstler gilt als Meister architektonischer Illusionen und bringt Kunst bewusst aus Museen direkt in den öffentlichen Raum. Für die Clerkenwell Design Week 2025 schuf er mit A Week at the Knees“ eine spektakuläre Installation im Londoner Charterhouse Square: eine georgianische Backsteinfassade, die scheinbar erschöpft in die Knie geht“. Rund zwölf Tonnen schwer und doch fast schwerelos wirkend, bewegt sich das Werk irgendwo zwischen Ingenieurskunst, Skulptur und Poesie.

Haus mit Rutscheffekt

1 Alex Chinneck From the knees of my nose to the belly of my toes Image by Stephen O Flaherty
Stephen O'Flaherty ©
Alex Chinneck, From the knees of my nose to the belly of my toes (l.), inszeniert in der englischen Küstenstadt Margate (r.) (Photo: Annie Spratt via Unsplash)

Alex Chinneck gelang 2013 mit From the Knees of my Nose to the Belly of my Toes“ in der englischen Küstenstadt Margate der internationale Durchbruch. Für das Werk ersetzte er die Fassade eines seit Jahren leerstehenden georgianischen Stadthauses durch eine spektakuläre Illusion: Die Backsteinfront scheint wie ein Teppich nach vorne zu rutschen und legt dabei das verfallene Dachgeschoss frei.

Architektur, entzippt

Alex Chinneck, Open to the Public, Ashford
Marc Wilmot ©
Alex Chinneck, Open to the Public, Ashford

2018 verwandelte Alex Chinneck mit Open to the Public“ ein verlassenes Bürogebäude im englischen Ashford in eine spektakuläre Illusion. Ein gigantischer Reißverschluss scheint die Fassade regelrecht aufzubrechen, während sich Gebäudeteile wie Stoff zur Seite falten und den Blick ins Innere freigeben. Die Arbeit verweist zugleich auf die industrielle Vergangenheit des Ortes, an dem einst Leder- und Textilproduktion stattfand. Wie viele seiner Werke war auch diese Installation nur temporär – und verschwand mit dem Abriss des Gebäudes wieder.

Brick Illusion

Alex Chinneck, Six Pins and Half a Dozen Needles, LondonAlex Chinneck neu3
Charles Emerson ©
Alex Chinneck, Six Pins and Half a Dozen Needles, London

Mit Six Pins and Half a Dozen Needles“ realisierte Alex Chinneck 2017 sein erstes dauerhaftes Kunstwerk im öffentlichen Raum. An der Fassade eines Londoner Bürogebäudes scheint die Backsteinwand dramatisch aufzureißen und sich wie ein Blatt Papier nach vorne zu biegen. Die Arbeit greift bewusst die Geschichte des Ortes auf: Über Jahrzehnte befand sich hier ein Verlagshaus; die Fassade erinnert an eine herausgerissene Buchseite. Hinter der spielerischen Illusion steckt höchste Präzision – und eine Ingenieursleistung von monumentalem Ausmaß.

Hinter der Fassade

Alex Chinneck, „IQOS World Revealed“, Milan Design Week 2019
Marc Wilmot ©
Alex Chinneck, IQOS World Revealed, Milan Design Week 2019

Als eines der meistfotografierten Highlights der Milan Design Week 2019 sorgte IQOS World Revealed“ für internationale Aufmerksamkeit. Im Mailänder Tortona-Viertel scheint ein monumentaler Reißverschluss eine historische Fassade wie Stoff nach unten zu öffnen und gibt den Blick auf ein surreal leuchtendes Inneres frei.

Während viele Künstler neue Formen suchen, genügt Alex Chinneck oft ein anderer Blick auf die bestehenden. Vielleicht ist das das Geheimnis seiner Arbeiten: Sie zeigen nicht, wie fremd die Welt sein kann, sondern wie überraschend die Welt ist, die uns jeden Tag umgibt.


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