In einer Welt voller Filter und Vorgaben wirkt sie fast provokant: die leere Seite. Für viele eine Bedrohung, für Künstlerinnen eine Bühne – roh, offen und voller Möglichkeiten.
Wir alle kennen sie, die Angst vor dem weißen, leeren Blatt. Und sei es nur die Erinnerung an den ersten Liebesbrief, den man geschrieben hat. Wie anfangen? Wie soll man Gefühle, die stürmisch aus dem Herzen drängen und das Hirn lahmlegen, zu klaren Gedanken formen? Vieles lässt sich nicht in Worte fassen. Gottlob. Doch dafür haben wir die Kunst. Um das Unsagbare auszudrücken. Um das Wesenhafte zu ergründen. Um den Weg vom Hirn zum Herzen zu finden.
Für Künstlerinnen und Künstler ist das weiße Blatt tägliche Herausforderung. Wie anfangen? Welche Idee entwickeln, welchen künstlerischen Ausdruck wählen? Das Hoffen auf den Geistesblitz, auf den einen genialen Einfall kann zur Qual werden – oft führt Mühsal zu wahrer Meisterschaft. Oder man beginnt einfach und lässt sich treiben, von seinem Körper, von seiner Hand. Intuition und Zufall sind keine unwesentlichen Kriterien bei der Entstehung von Kunst. Kunst ist geistige Arbeit, aber auch Handwerk.
Und dann kommen auch noch die Medien daher und sagen: Mach was, lass dir was einfallen! Dass Künstler eingeladen werden, Zeitschriften und Zeitungen mitzugestalten ist nicht neu. Zumeist bleibt es aber bei rein illustrativen Aufgaben, um Texte zu begleiten. Signature versucht einen anderen Weg zu gehen. Künstlerinnen und Künstler sollen einen Teil der Ausgabe völlig frei gestalten – ohne Vorgabe der Inhalte oder künstlerischen Mittel. Sie sollen Themen bearbeiten, die ihnen unter den Fingernägeln brennen. Sie sollen Aussagen treffen, die ihnen gesellschaftspolitisch wichtig erscheinen. Den Anfang macht der in Wien ansässige deutsche Konzeptkünstler Franz Josef Baur.
Mit seiner Arbeit „ALL EYES ON US“ thematisiert er nicht nur die Dominanz des Bildes in unserer modernen digitalen Kultur, sondern untersucht auch das Spannungsfeld zwischen Beobachten und Beobachtet werden. Es geht um die Sichtbarkeit in Permanenz („ich werde gesehen, also bin ich!“) bei gleichzeitiger Angst vor Selbstentblößung und allzu viel Preisgabe von Intimität. Das Auge wird als Sinnbild für Kontrolle, Beurteilung und Identifikation inszeniert – im Rahmen einer tänzerischen Performance von Rebecca Horner und Baur selbst, die von der Fotografin Hilde Von Mas dokumentiert worden ist. Als Inspirationsquelle dienten Kompositionen von Alexa Feser. Herausgekommen sind eindringliche Bilder über den menschlichen Blick auf andere und sich selbst. Über das Schauen an sich, das Einschätzen und Bewerten in Zeiten schnell hingeworfener Likes und Dislikes. Die Kunst stellt sich ins Blickfeld und schaut zurück – als Spiegel der Gesellschaft. Mögen noch viele weiße Seiten dermaßen spannend gefüllt werden!
Ausstellung: ALL EYES ON US
Pop-Up Galerie S7 — Grill & Guests
Seilerstätte 7, 1010 Wien
26. & 27.06.2025 von 12.00 bis 18.00 Uhr
28.06.2025 von 12.00 bis 16.00 Uhr
Andere Termine jederzeit möglich nach Absprache:
press@fibaur.net
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