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Mit der Antivilla zeigt Rolf-Schock-Preisträger Arno Brandlhuber, wie radikal zeitgemäß Luxus werden kann, wenn Bestand, Gesetzgebung und Komfort neu gedacht werden.

Mitten im märkischen Kiefernwald, am Ufer des Krampnitzsees, steht ein Haus, das aussieht, als hätte jemand die Fassade brutal aufgerissen – und genau das ist passiert. Die Antivilla” war einst eine DDR-Wäschefabrik, heute ist sie der Wohn- und Denkraum von Arno Brandlhuber. Sie ist weniger als Traumhaus umd mehr als Testfeld für eine andere Idee von Komfort zu verstehen. Anstelle einer Dämmung bis ins letzte Detail gibt es einen unbeheizten, rauen Raum, einen zentralen, warmen Kern und Vorhänge als klimatische Barrieren. Anstelle glatter Perfektion findet man Beton, Narben und Geschichte. Die Frage, die über allem schwebt, lautet: Muss Luxus im 21. Jahrhundert wirklich immer neu, glatt und teuer sein?

Arno Brandlhuber Portraet Cr Noshe Andreas Gehrke
Noshe, Andreas Gehrke ©
Arno Brandlhuber

Für seine Auffassung von Architektur als Haltung – radikal im Denken, pragmatisch im Machen – wird der 1964 geborene Berliner Architekt nun mit dem Rolf-Schock-Preis 2026 in der Kategorie Visual Arts“ ausgezeichnet. Der Preis wird von der Royal Academy of Fine Arts in Stockholm verliehen und schwebt in seiner Bedeutung irgendwo zwischen dem Prestige des Pritzker-Preises und einem sehr speziellen Nobelpreis“ für Architektur, Kunst, Philosophie, Mathematik und Musik. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Rafael Moneo, Herzog & de Meuron, SANAA, Anne Lacaton & Jean-Philippe Vassal oder Rem Koolhaas – ab 2026 zählt auch Arno Brandlhuber dazu.

Die Begründung der Jury liest sich wie eine Kurzdefinition seines Werks: Brandlhuber verbinde Praxis, Theorie und Lehre zu kontinuierlichen Explorationen der fundamentalen Fragen des Bauens und der Stadt, heißt es – mit einem klaren Fokus auf soziale und kollektive Aspekte in interdisziplinären Kollaborationen; unerwartete Lösungen mit starkem Charakter wiesen neue Wege in die Zukunft“. Wer seine Projekte kennt, weiß: Das ist keine Floskel. Von Antivilla über St. Agnes bis zum Terrassenhaus in Berlin-Wedding geht es nie nur um Form, immer auch um Rahmenbedingungen – Eigentumsstrukturen, Baugesetze, Energiepolitiken, Mietpreise.

Ganz konkret wird dieser Ansatz mit HouseEurope!: einer von station.plus (ETH Zürich) und bplus.xyz initiierten europäischen Bürger-Initiative, die Renovierung statt Abriss in der EU politisch attraktiv machen will. Im Kern geht es um drei Hebel: steuerliche Vorteile für Sanierung und wiederverwendete Materialien, eine Neubewertung von Bestandsgebäuden (weg vom Risiko“, hin zum Potenzial) und eine klare CO₂-Bepreisung der im Gebäude gebundenen Emissionen – Abriss würde damit nicht nur emotional, sondern auch finanziell teuer. Dass HouseEurope! 2025 mit dem OBEL Award ausgezeichnet wurde, zeigt: Die Debatte, die mit Projekten wie der Antivilla begann, ist längst im Zentrum der internationalen Architektur angekommen.

Und während der Fokus der diesjährigen Rolf-Schock-Verleihung – zumindest aus architektonischer Perspektive – klar auf Brandlhuber und seiner radikal Re-use“-Agenda liegt, lohnt der Blick auf die anderen Preisträger:innen: In der Musik wird die US-Jazzkomponistin und Dirigentin Maria Schneider für ihre unverwechselbare Klangsprache und ihr Engagement für Musikerrechte geehrt, in Logik und Philosophie erhält Bastiaan C. van Fraassen die Auszeichnung für eine empiristische Sicht auf wissenschaftliches Denken, die die Realismusdebatte der letzten Jahrzehnte geprägt hat, und in der Mathematik wird Tobias Holck Colding für seine Arbeiten zu minimalen Flächen und geometrischen Flüssen ausgezeichnet. Vier Disziplinen, vier Positionen – gemeinsam ist ihnen, dass sie nicht nur Werke produzieren, sondern die Spielregeln ihres Fachs hinterfragen.

Genau deshalb passt Arno Brandlhuber so gut in diese Riege: weil seine Antivilla, seine Filme, seine Lehre und HouseEurope! zusammen eine Frage stellen, die weit über Architektur hinausreicht – wie viel Zukunft steckt im Bestand, wenn wir bereit sind, unsere Definitionen von Luxus, Komfort und Fortschritt zu überdenken?


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