Noch fliegt die Brussels Art Week im deutschsprachigen Raum erstaunlich weit unter dem Radar. Dabei hat sich Brüssel längst zu einer der interessantesten Adressen für zeitgenössische Kunst in Europa entwickelt. Vom 10. bis 13. September 2026 macht RendezVous – Brussels Art Week diese besondere Kunstlandschaft in der ganzen Stadt sichtbar. SIGNATURE sprach mit den Gründerinnen Laure Decock und Evelyn Simons darüber, warum gerade das vermeintliche Chaos Brüssels ein Vorteil sein kann, weshalb sie Hierarchien zwischen Galerien und Off-Spaces bewusst vermeiden – und warum Kunst am Ende vor allem vom persönlichen Austausch lebt.
Basel hat die Art Basel, Paris die Art Basel Paris, London die Frieze. Brüssel dagegen hat sich seine Position auf der europäischen Kunstlandkarte bislang deutlich leiser erarbeitet. Das macht die belgische Hauptstadt allerdings nicht weniger relevant – eher im Gegenteil. Internationale Galerien, etablierte Institutionen, private Foundations, Künstlerkollektive und experimentelle Projekträume liegen hier oft nur wenige Straßen voneinander entfernt. Eine Kunstszene, die sich weniger über ein einziges Zentrum definiert als über viele unterschiedliche Milieus, die einander ständig begegnen.
Genau daraus entstand RendezVous – Brussels Art Week. 2024 von Laure Decock und Evelyn Simons gegründet, soll die Initiative das weit verzweigte kulturelle Ökosystem der Stadt für einige Tage als Ganzes sichtbar machen. Nach der ersten großen Ausgabe 2025 geht das Format heuer in seine zweite Runde. Die aktuelle Veranstalter-Website nennt inzwischen mehr als 90 teilnehmende Venues. Vom 10. bis 13. September verteilen sich Ausstellungen, Performances, Talks, Open Studios und gemeinsame Veranstaltungen über Stadtteile von Molenbeek und Anderlecht über Forest und das historische Zentrum bis nach Ixelles, Saint-Gilles und Uccle.
Im Zentrum steht dabei nicht eine Messehalle, sondern Brüssel selbst. Die einzelnen Tage setzen jeweils andere Stadtviertel in den Fokus und laden dazu ein, zwischen bekannten Galerien wie Xavier Hufkens, Almine Rech oder Mendes Wood DM, Institutionen wie WIELS und Bozar und kleineren artist-run spaces zu wechseln. Als physischer Treffpunkt dient der Salon de RendezVous in Forest, nur wenige Schritte vom WIELS entfernt. Das niederländische Kollektiv Espace Aygo verwandelt den ehemaligen Galerieraum mit überwiegend gefundenen, gespendeten und wiederverwerteten Materialien in eine Installation, die zugleich Bar, Buchhandlung, Kino, Bühne und sozialer Treffpunkt ist.
Decock und Simons kennen die unterschiedlichen Seiten dieses Systems aus eigener Erfahrung. Decock arbeitete unter anderem für Almine Rech, Albert Baronian und Axel Vervoordt sowie mit Institutionen wie WIELS und La Loge. Simons ist als Kuratorin international tätig und arbeitete unter anderem mit Fondazione Prada, KANAL und Fondation CAB; 2026 ist sie Co-Artistic Director der Busan Biennale. Ihre unterschiedlichen Perspektiven bilden die Grundlage für eine Art Week, die bewusst nicht zwischen etablierter Kunstwelt und Nachwuchsszene unterscheiden möchte.
Laure Decock und Evelyn Simons im Gespräch
SIGNATURE: Sie bezeichnen die Brussels Art Week als eine Art Startschuss nach der Sommerpause. Warum ist gerade dieser gemeinsame Moment im September für die Stadt so wichtig?
Laure Decock & Evelyn Simons: Brüssel ist im Sommer zwar sehr schön, aber auch ziemlich ruhig. Vor allem im August legt die Kulturszene ihre jährliche Pause ein. Der September entwickelt deshalb eine besondere Dynamik: Alle kommen zurück in die Stadt, erholt, voller Energie und bereit für die neue Saison.
Anders als bei Kunstmessen, bei denen man sich innerhalb einer Messehalle von Stand zu Stand bewegt, findet unsere Veranstaltung direkt in der Stadt statt. Den Begriff „RendezVous“ nehmen wir dabei durchaus wörtlich. Über vier Tage organisieren wir an mehr als 90 Orten Ausstellungen, Performances, Veranstaltungen und Begegnungen, wobei jeweils bestimmte Stadtteile im Mittelpunkt stehen. Für die Menschen aus Brüssel ist das eine Einladung, die eigene Stadt neu zu entdecken, für internationale Besucher eine Gelegenheit, einen sehr konzentrierten Eindruck davon zu bekommen, was Brüssel zu bieten hat.
Für die lokale Kunstszene ist es außerdem wichtig, zwei internationale Fixpunkte im Jahreskalender zu haben: RendezVous im September und Art Brussels im April. Solche Termine schaffen Vorfreude und motivieren auch Galerien dazu, mit ihren Künstlerinnen und Künstlern besonders starke Ausstellungen zu entwickeln. Dieses Gefühl, gemeinsam Teil eines stadtweiten Ereignisses zu sein, stärkt darüber hinaus das gesamte kulturelle Netzwerk.
In Brüssel existieren international renommierte Galerien neben jungen und experimentellen Projekträumen. Wie bringt man diese sehr unterschiedlichen Welten auf Augenhöhe zusammen?
Horizontalität ist für uns entscheidend. Wir möchten nicht zwischen etabliert und aufstrebend unterscheiden, genauso wenig zwischen jungen Talenten und bekannten Namen. Es gibt bei uns kein „Off-Programm“, und alle unsere eigenen Veranstaltungen sind frei zugänglich.
Anstatt weitere Kategorien oder Hierarchien zu schaffen, möchten wir genau diese Ebenen von vermeintlicher Bedeutung aufbrechen. Wir halten viele dieser Einteilungen inzwischen für überholt. Das Interessante an Brüssel ist gerade, dass sehr unterschiedliche Formen von Kunsträumen innerhalb eines relativ kleinen Radius nebeneinander existieren. Ihre Bedürfnisse mögen verschieden sein, trotzdem beeinflussen und befruchten sie sich gegenseitig.
In unserer Kommunikation nennen wir daher sämtliche Teilnehmer einfach „Venues“ – unabhängig davon, ob es sich um eine Galerie, ein Auktionshaus, eine Institution oder einen von Künstlern betriebenen Raum handelt.
Hinter den Kulissen müssen wir natürlich differenzierter arbeiten. Die verschiedenen Akteure haben unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse. Deshalb organisieren wir während des Jahres informelle Treffen, laden Teilnehmer zu Lunches in unser Büro ein, verschicken Evaluierungsbögen und bleiben in engem Austausch. Wir wollen verstehen, was die Brussels Art Week für die jeweiligen Beteiligten leisten kann. Entsprechend unterscheiden sich auch die Services, die wir anbieten.
„Die Stadt selbst ist unser Veranstaltungsort.“ – Laure Decock & Evelyn Simons, Gründerinnen der Brussels Art Week
Der zentrale Treffpunkt in Forest setzt stark auf zirkuläres Design und Interdisziplinarität. Welche Funktion übernimmt dieser Hub innerhalb einer über die ganze Stadt verteilten Art Week?
Die Idee für den Salon de RendezVous entstand aus unserem Wunsch, einen Ort für ein diskursives Programm in einem außergewöhnlichen Umfeld zu schaffen. Jedes Jahr laden wir eine Künstlerin, einen Künstler oder ein Kollektiv ein, dafür eine ortsspezifische Installation mit einem eigenen „Drehbuch“ zu entwickeln.
Im vergangenen Jahr gestaltete Zoe Williams mit The Tip Inn eine temporäre Bar, die sich mit Dekadenz und Exzess beschäftigte und zugleich Vorstellungen von „gutem Geschmack“ und der Dienstleistungsökonomie hinterfragte.
Dieses Jahr bringt Espace Aygo sein phantasmagorisches Universum in die ehemaligen Räume der Galerie C L E A R I N G, in denen wir unser Lager aufschlagen. Das Kollektiv arbeitet überwiegend mit geretteten, gefundenen, gespendeten und recycelten Materialien und entwickelt daraus ebenso faszinierende wie eigenwillige Objekte und Räume. Ihre Arbeiten stellen unsere gewohnte Beziehung zu Dingen infrage. Sich in dieser Welt zu bewegen, bedeutet fast, die eigene Umgebung wieder mit kindlicher Neugier wahrzunehmen.
Espace Aygo löst Gegenstände aus ihren vermeintlich festgelegten Funktionen und eröffnet dadurch neue Möglichkeiten, mit ihnen und mit der eigenen Umgebung umzugehen. Nach der Brussels Art Week wird die Installation nach Genk weiterziehen und bei Jester gemeinsam mit einer weiteren künstlerischen Position zu einer Duo-Ausstellung weiterentwickelt. Sie ist dort vom 10. Oktober 2026 bis 10. Januar 2027 zu sehen.
Gleichzeitig fungiert die Installation im Salon als Szenografie. Integriert werden eine Pop-up-Buchhandlung, ein Infodesk, eine Bar, ein DJ-Pult und Sitzgelegenheiten für unser Programm „Salon Encounters“. Gemeinsam mit den teilnehmenden Venues entwickeln wir Talks, Listening Sessions, Performances und andere Formate, bewusst aus einer spartenübergreifenden Perspektive.
So kann beispielsweise eine Kuratorin aus einer Institution mit einem Künstler sprechen, der gerade in einem artist-run space ausstellt, während jemand aus einer Galerie eine thematische Diskussion ergänzt. Oder wir entwickeln gemeinsam Performances. Uns interessiert ein Programm, das andere Facetten künstlerischer Praktiken sichtbar macht – wiederum ohne Hierarchie zwischen bekannten Namen und neuen Positionen.
Sie betonen, dass Künstlerinnen und Künstler in Brüssel noch immer nachhaltig leben und arbeiten können. Was macht die Stadt widerstandsfähiger als Berlin, Paris oder London?
Unsere Stadt ist charmant, aber chaotisch. Es kann durchaus frustrierend sein, sich an die Dysfunktionalität zu gewöhnen, die unter anderem daraus entsteht, dass auf einem relativ kleinen Gebiet 19 Gemeinden mit eigenen Verwaltungen existieren.
Nach den Regionalwahlen war Brüssel zudem fast zwei Jahre ohne neue Regionalregierung. Das hatte erhebliche Auswirkungen auf soziale und kulturelle Organisationen. Vielleicht ist die Widerstandsfähigkeit der Stadt teilweise sogar ein Nebeneffekt dieser komplexen politischen Strukturen, weil sie manche Entwicklungen verlangsamen. Auch Gentrifizierung vollzieht sich hier tendenziell weniger schnell als in anderen Städten.
Dadurch haben die Menschen in Brüssel gelernt, Dinge selbst zu organisieren. In einer derart fragmentierten Stadt entstehen immer wieder Freiräume, in denen sich Grassroots-Initiativen entwickeln können.
Gleichzeitig dürfen wir diese Unabhängigkeit nicht romantisieren. Die öffentliche Kulturförderung steht stark unter Druck, und im vergangenen Jahr mussten Kunsträume und Clubs schließen. Deshalb ist es wichtig, als kulturelles Ökosystem gemeinsam für diese Vielfalt einzustehen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Galerien und große Institutionen die Kunstszene allein tragen.
Eine Stadt braucht ebenso Orte, an denen Initiativen von unten experimentieren können und Menschen Chancen erhalten, die noch nicht professionell im Kunstbetrieb etabliert sind. Mit RendezVous möchten wir auch das Bewusstsein dafür erhöhen und politischen Entscheidungsträgern vermitteln, wie wichtig wirklich jeder Teil dieser Kunstlandschaft ist.
Wie gelingt der Spagat zwischen der starken lokalen Verankerung und dem Anspruch, ein internationales Publikum anzusprechen?
Einerseits gibt es die Kommunikation und das öffentliche Gesicht unserer Organisation. Damit möchten wir sowohl ein breites lokales Publikum als auch internationale Besucher ansprechen. Hinter den Kulissen arbeiten wir gleichzeitig mit gezielten Maßnahmen, um die lokale Community einzubeziehen und internationale Kunstprofis nach Brüssel zu bringen.
Wir bieten beispielsweise geführte Touren durch die einzelnen Stadtteile in drei Sprachen an. Sie kosten nur fünf Euro pro Person und werden von Künstlerinnen und Künstlern geleitet, die ausführlich über alle teilnehmenden Venues informiert werden. Wer nicht gewohnt ist, Galerien zu besuchen, empfindet die Schwelle oft als niedriger, wenn er Teil einer geführten Gruppe ist.
Dieses Jahr arbeiten wir außerdem mit Park Poétik zusammen, einer Organisation, die jeden Sommer ein Festival mit Kunst im öffentlichen Raum und bei verschiedenen Partnerinstitutionen veranstaltet und mit neuen Formen der Vermittlung ein breiteres Publikum erreichen möchte.
Für die internationale Kunstszene investieren wir stark in Pressearbeit und Sichtbarkeit. Wir bringen Journalistinnen und Journalisten nach Brüssel und ermöglichen ihnen, mehrere Tage hier zu verbringen. Außerdem laden wir internationale Kuratoren und andere Kunstprofis aktiv ein und stellen für sie betreute Programme zusammen, damit sie möglichst viel von der Stadt kennenlernen. Abhängig von ihren Interessen oder Forschungsschwerpunkten bringen wir sie gezielt mit bestimmten Ausstellungen und Kunstschaffenden zusammen.
Gemeinsam mit Art Brussels bieten wir unseren Galerien in diesem Jahr zudem eine Übernachtung in unserem Partnerhotel The Standard an, damit sie internationale Sammlerinnen und Sammler nach Brüssel einladen können.
Das Format geht in seine zweite große Runde. Welche Erkenntnis aus dem ersten Jahr hat die Planung für 2026 am stärksten beeinflusst?
Wir sind ein wirklich sehr kleines Team. Nach außen müssen wir natürlich jederzeit den Eindruck vermitteln, alles im Griff zu haben. Hinter den Kulissen steckt aber sehr viel DIY-Mentalität darin, Probleme werden laufend gelöst, und viele unserer engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen weit über das hinaus, was selbstverständlich wäre, damit RendezVous überhaupt entstehen kann.
Diese Menschen an erste Stelle zu setzen und innerhalb des Teams eine gute, persönliche Atmosphäre zu schaffen, ist für uns deshalb wesentlich. Das war im vergangenen Jahr bereits so, und viele derselben Personen sind auch bei der diesjährigen Ausgabe wieder dabei.
Unsere Arbeit umfasst praktisch 360 Grad, und alles hängt miteinander zusammen. Sobald jemand im Team diese Komplexität wirklich verstanden hat, möchten wir dieses Wissen erhalten und langfristige Arbeitsbeziehungen aufbauen.
Wir haben aber auch gelernt, dass wir nicht alles umsetzen können, selbst wenn wir es gerne würden. Ein Projekt wie dieses fühlt sich eigentlich nie abgeschlossen an. Es gibt immer neue Möglichkeiten, neue Verbindungen, weitere Menschen, die man einbeziehen könnte, und Künstlerinnen und Künstler, mit denen man noch zusammenarbeiten möchte.
Wir müssen deshalb realistisch wachsen, mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten und dürfen dabei unsere Teilnehmer nicht aus den Augen verlieren. Der Erfolg von RendezVous ist eine gemeinsame Leistung und hängt vollständig von ihrer Begeisterung und ihrem Vertrauen ab.
Wir alle haben viel zu tun und verbringen einen großen Teil unserer Zeit vor Bildschirmen. Trotzdem haben wir gelernt, dass der eigentliche Impuls dadurch entsteht, dass Menschen wirklich auftauchen: dass sie einander besuchen, miteinander sprechen und Zeit in persönliche Beziehungen investieren. Diese gemeinsame Energie und das Gefühl von Verbundenheit werden RendezVous langfristig tragen.
RendezVous – Brussels Art Week 2026 findet vom 10. bis 13. September 2026 statt. Die Preview des Salon de RendezVous mit Espace Aygo ist für den 9. September angesetzt, die gemeinsame Gallery Opening Night folgt am 10. September. An den darauffolgenden drei Tagen konzentriert sich das Programm jeweils auf unterschiedliche Stadtteile: zunächst Molenbeek, Anderlecht und Forest, danach Sablon und das Stadtzentrum sowie zum Abschluss Ixelles, Saint-Gilles und Uccle.
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