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Es gibt Orte, an denen ein aussergewöhnliches Automobil genügt. Und es gibt Chantilly. Hier braucht es dazu ein Schloss, die Gärten von André Le Nôtre, ein wenig Haute Couture, sehr gute Hüte – und die französische Überzeugung, dass Eleganz niemals nur eine Frage des Objekts ist.

Am 13. September kehrt Chantilly Arts & Élégance Richard Mille auf das Gelände des Château de Chantilly zurück. Zum achten Mal wird das Anwesen rund 30 Kilometer nördlich von Paris zum Treffpunkt für einige der bedeutendsten historischen Automobile, Concept Cars, Sammler und Designer der internationalen Automobilwelt. Doch wer Chantilly lediglich als Concours für seltene Fahrzeuge betrachtet, verpasst die eigentliche Idee dahinter.

Denn der Concours d’Élégance war ursprünglich etwas anderes als die heute vertraute Parade perfekt restaurierter Klassiker. Im Paris der 1920er-Jahre präsentierten Karosseriebauer ihre neuesten Kreationen gemeinsam mit den großen Modehäusern. Automobile und Haute Couture erschienen Seite an Seite – zwei Disziplinen, in denen Linie, Proportion, Material und handwerkliche Perfektion darüber entschieden, ob aus einem Gebrauchsgegenstand ein begehrenswertes Objekt wurde. Genau diese Tradition griffen Patrick und Sylvanie Peter gemeinsam mit Richard Mille auf, als sie Chantilly Arts & Élégance 2014 ins Leben riefen.

Bis heute ist diese Verbindung das vielleicht schönste Alleinstellungsmerkmal der Veranstaltung. Beim Concours d’Élégance treten aktuelle Concept Cars, Prototypen und aussergewöhnliche Kleinserienfahrzeuge nicht allein vor die Jury. Zu jedem Fahrzeug gehört ein eigens abgestimmtes Couture-Ensemble, gemeinsam werden beide rund um den zentralen Springbrunnen präsentiert. Automobildesign wird also dort gezeigt, wo es historisch einmal stand: in unmittelbarer Nachbarschaft zur Mode.

Daneben erzählt der Concours d’État eine andere Geschichte. Rund 100 historische Fahrzeuge werden nach Authentizität, Provenienz, Erhaltungszustand und Restaurierungsqualität beurteilt. Seit 2017 werden dabei getrennte Best-of-Show-Titel für Fahrzeuge der Vor- und Nachkriegszeit vergeben.

Wie sehr sich dabei auch unser Blick auf automobile Schönheit verändert hat, zeigte die vergangene Ausgabe. 2024 gewann ausgerechnet ein unrestaurierter Bugatti Type 35C von 1928 den Best of Show der Vorkriegsfahrzeuge. Der ehemalige Werksrennwagen war bei der Targa Florio eingesetzt worden und später im Besitz der Rennfahrerin und Opernsängerin Janine Jennky. Seine Spuren wurden nicht wegrestauriert. Die Patina gehört zu seiner Geschichte – und genau diese Geschichte wurde ausgezeichnet.

2026 spannt Chantilly den Bogen noch weiter. Bugatti-Rennwagen treffen auf Delahaye, Pininfarina und Ferrari-V12-Sportwagen; eine eigene Klasse feiert 60 Jahre Lamborghini Miura, eine andere widmet sich der GT1-Ära der 1990er-Jahre. Dazu kommen frühe Rennwagen von 1906 bis 1914, Barchettas des Langstreckensports, Originale der Tour de France Automobile, Ford und Shelby sowie der Renault 5 Turbo. Und natürlich jene Concept Cars, mit denen die Geschichte nicht zurück‑, sondern nach vorne erzählt wird.

Doch vielleicht versteht man Chantilly ohnehin am besten, wenn man irgendwann aufhört, nur auf die Autos zu schauen.

Denn hinter ihnen liegt eines der aussergewöhnlichsten Ensembles Frankreichs. Die Gärten des Château de Chantilly wurden im 17. Jahrhundert von André Le Nôtre gestaltet. Im Schloss befindet sich das Musée Condé mit der Sammlung des Henri d’Orléans, Duc d’Aumale; hinzu kommen kostbare illuminierte Handschriften in der Bibliothek und die monumentalen Grandes Écuries mit dem Musée du Cheval. Kunst, Architektur, Gartenkunst und Reitkultur bilden hier keine dekorative Kulisse für den Concours. Sie sind Teil desselben kulturellen Verständnisses.

Selbst die Besucher gehören dazu. Chantilly nennt seinen Dresscode Chic Campagne. Der Panama darf also ebenso mitreisen wie Leinenanzug, Seidenschal, Sommerkleid oder Fascinator. Das traditionelle Déjeuner sur l’Herbe der Automobilclubs wird sogar als Teil ihrer Präsentation bewertet.

Gerade diese Details machen Chantilly zu mehr als einem Concours für aussergewöhnliche Automobile.

Chantilly behandelt das Automobil weder als bloße Maschine noch als unbewegliches Museumsstück. Ein hundert Jahre alter Rennwagen darf seine Narben tragen. Ein Concept Car darf neben Couture stehen. Ein Picknick kann Teil eines Wettbewerbs sein. Und ein Schlossgarten wird für einen Sonntag zum Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft des Automobils erstaunlich selbstverständlich nebeneinanderstehen.

Vielleicht ist das die schönste Definition eines Concours d’Élégance: Es geht nicht darum, wer das teuerste Auto besitzt. Sondern darum, wer versteht, warum es schön ist.


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