Mit „Es ist nicht mehr mein Problem!“ zeigen das MAK und die Wiener Festwochen 2026 die erste umfassende Einzelausstellung von Christoph Schlingensief in Österreich – und holen ein Werk zurück nach Wien, das heute fast unheimlich gegenwärtig wirkt.
Christoph Schlingensief hat nie Kunst gemacht, die sich ruhig betrachten lässt. Seine Arbeiten drängen, stören, überfordern, zerlegen die Mechanismen von Medien, Politik und Öffentlichkeit. Genau darin liegt ihre Aktualität. Was in den 1990er- und 2000er-Jahren oft als Provokation gelesen wurde, erscheint heute wie eine präzise Diagnose jener gesellschaftlichen Spannungen, die Europa weiterhin beschäftigen: Migration, Populismus, Angstpolitik, mediale Eskalation, demokratische Fragilität.
Mit der Ausstellung „Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem!“ widmet das MAK – Museum für angewandte Kunst dem 2010 verstorbenen Künstler nun die erste umfassende Einzelausstellung in Österreich. Entstanden ist sie gemeinsam mit den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und dem Gropius Bau/Berliner Festspiele. Dass diese Schau in Wien stattfindet, ist kein Zufall. Hier inszenierte Schlingensief im Jahr 2000 mit „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“ eine seiner umstrittensten Aktionen – und zwang das Land, auf dem Heldenplatz in einen Spiegel zu blicken.
Warum Christoph Schlingensief heute wieder so relevant ist
Schlingensief war Filmemacher, Theater- und Opernregisseur, Aktionist, Schauspieler, bildender Künstler und Autor. Ein Künstler also, der sich jeder sauberen Einordnung verweigerte. Seine Arbeiten entstanden an den Reibungsflächen zwischen Bühne, Straße, Museum, Fernsehen und politischer Realität. Sie fragten nicht, wo Kunst beginnt, sondern wo Gesellschaft ihre eigenen Inszenierungen nicht mehr erkennt.
Die MAK-Ausstellung versteht sein Werk daher bewusst nicht als klassische Retrospektive. Statt einer linearen Chronologie entsteht ein dichtes Feld aus frühen und späten Arbeiten, aus Aktion, Film, Installation und Oper. Im Zentrum steht die Frage, wie Schlingensief Angst, Öffentlichkeit und Körper sichtbar machte – und wie stark diese Themen heute in den politischen und medialen Raum zurückgekehrt sind.
„Church of Fear“ als Zentrum der Ausstellung
Den Auftakt bildet die raumgreifende Installation „Church of Fear“ von 2003, die erstmals bei der Biennale von Venedig präsentiert wurde. Schlingensief entwickelte darin eine parodistische Glaubensgemeinschaft, deren Dogma der „Glaube an die Angst“ war. Entstanden im Klima nach den Anschlägen vom 11. September 2001, seziert das Werk die politische und mediale Instrumentalisierung von Unsicherheit.
Im MAK wird „Church of Fear“ zum Ausgangspunkt einer kuratorischen Erzählung, die Schlingensiefs Arbeiten aus verschiedenen Richtungen lesbar macht. Auf der einen Seite stehen politische und performative Projekte wie „Chance 2000“, „Bitte liebt Österreich“, „Hamlet“ und „Freakstars 3000“. Auf der anderen Seite öffnet sich der Blick auf filmische und opernhafte Werkkomplexe wie „The African Twin Towers“, „Der Fliegende Holländer“ und die Videoinstallation „Ohne Titel“ von 2007.
Wien als Schauplatz der Konfrontation
Besonders stark wirkt die Rückkehr von „Bitte liebt Österreich“ in den Ausstellungskontext. Die Aktion entstand im Rahmen der Wiener Festwochen 2000, kurz nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ. In einem Container auf dem Heldenplatz ließ Schlingensief vermeintliche Asylbewerber unter permanenter Beobachtung leben; per Online-Voting konnte das Publikum täglich über ihre „Abschiebung“ abstimmen.
Heute liest sich diese Arbeit wie ein früher Kommentar zur Logik von Reality-TV, digitaler Abstimmungskultur und politischer Ausgrenzung. Schlingensief übersetzte Parolen, Ängste und Projektionen in eine Form, die zugleich Kunstaktion, Medienspektakel und gesellschaftliche Versuchsanordnung war. Der Effekt bleibt unangenehm, weil er nicht abgeschlossen ist.
Zwischen Oper, Film und politischem Aktionstheater
Auch Schlingensiefs späteres Opern- und Filmschaffen erhält im MAK großen Raum. „The African Twin Towers“verbindet koloniale Geschichte, Wagner-Mythos, Filmzitate und improvisierte Szenen zu einer bewusst überfordernden Videoinstallation. „Der Fliegende Holländer“, entstanden im Umfeld seines Manaus-Projekts, verlagert Wagners Erlösungsmythos in den brasilianischen Regenwald und verbindet Oper mit ökologischen und postkolonialen Fragestellungen.
In „Freakstars 3000“ wiederum unterwandert Schlingensief die Mechanismen von Castingshows und Reality-TV. Die sechsteilige Produktion für Viva/Viva Plus stellt Fragen nach Normalität, Sichtbarkeit und Teilhabe – Themen, die in heutigen Debatten um Repräsentation und Inklusion weiter verhandelt werden.
Kuratiert von Raphael Gygax und Aino Laberenz
Kuratiert wird die Ausstellung von dem Schweizer Kunsthistoriker Raphael Gygax in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz, Schlingensiefs langjähriger Weggefährtin, Ehefrau und Verwalterin seines Nachlasses. Laberenz leitet zudem das von Schlingensief initiierte Operndorf Afrika in Burkina Faso. Im Herbst 2026 wird Raphael Gygax auch eine weitere Schlingensief-Ausstellung im Gropius Bau in Berlin kuratieren.
Das MAK setzt mit „Es ist nicht mehr mein Problem!“ auf eine Ausstellung, die Schlingensief nicht museal beruhigt. Sie zeigt einen Künstler, dessen Werk Widersprüche nicht auflöst, sondern produktiv macht. Seine Kunst zwingt zum Hinschauen, gerade dort, wo Öffentlichkeit lieber in Routinen, Schlagworte oder moralische Gewissheiten flüchtet.
Ausstellung: Christoph Schlingensief im MAK Wien
Titel: Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem!
Ort: MAK Ausstellungshalle, MAK – Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien
Dauer: 13. Mai bis 13. September 2026
Öffnungszeiten: Di 10 – 21 Uhr, Mi bis So 10 – 18 Uhr
Kurator: Raphael Gygax, in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz
Rahmenprogramm: Talks, Dialogführungen und Vermittlungsformate in Kooperation mit den Wiener Festwochen
Weitere Informationen: MAK.at/christophschlingensief
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