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Barcelona 2026: Die katalanische Metropole wird zur World Capital of Architecture – und nutzt den Zeitpunkt, um ihr Wahrzeichen, die Sagrada Família, endlich zu vollenden. Antoni Gaudís 100. Todestag bietet dafür das ideale Timing.

Ja, das ließe sich durchaus einrichten“, sagt der Regenschirm und plustert sich im frischen Wind ein wenig auf. Die Brise kommt vom Hafen herauf: flatterhaft und unerwartet, wie die Begegnung mit dem lässig gegen die Häuserecke gelehnten Rostskelett. Stimmt schon, was Sie denken, mein Herr“, sagt er jetzt ganz kokett. Ich wäre frei an diesen Abend und könnte ein Stückchen mit Ihnen im Sternen­regen spazieren. Sie wissen ja, wie es uns Sperrmüll-Veteranen so geht: Immer fix und ein bisschen zerfetzt. Wandervögel sowieso. Gestern zog ich mit einem befreundeten Bügeleisen um die Häuser. Barri Gòtic, Barceloneta. Jetzt hänge ich auf den Ramblas herum. Wo sonst landet man im Morgengrauen und ohne Geld in dieser Stadt?“ 

Sprechende Regenschirme sind nicht das erste Indiz dafür, dass einem Barcelona gelegentlich sein Geheimnis offenbart: Es verändert den Blick auf die Dinge der Welt. Salvador Dalí zählte zu den prominenteren Opfern. Antoni Tàpies’ ausgeweidete Matratzen wirken vor Ort, weil im MACBA Museum betrachtet, fast wie Leute von nebenan. Am Absinth, der im Barri-Xinés-Viertel in giftgrünen, kleinen Tümpeln an den Theken der Bars hin und her schwappt, liegt es jedenfalls nicht. Es liegt an Barcelona selbst. An seinen Häusern, die statt Fenster und Türen Augen und Mäuler haben. Und an der Liebe zur Imagination, die die katalanische Metropole seit jeher zu einem Ort der ewigen Avantgarde macht. Auch Picasso, der zwischen 1895 und 1904 hier in die Malerlehre ging, ließ sich vom Bodensatz der Stadt inspirieren. Nach zehn Jahren des Bohemien-Daseins hatte er alles gelernt, was ihn diese Stadt lehren konnte: Schau dich stets um und rechne mit allem und dem Gegenteil davon! Was für die Gaukler der Rambla ein alter Hut war, wurde für Picasso die Basis seines künstlerischen Durchbruchs: Er malte nach Barcelona Augen an alle Stellen des Kopfes, hinten, vorne, oben, unten, und sicherheitshalber auch noch jede Menge offene Ohren dazu. 

Sagrada Família: Fertigstellung der ewig Unvollendeten

Dieses Rüstzeug ist auch heute nicht zu verachten; man kann es in jedem überraschenden Barcelona-Moment bestens gebrauchen. Schließlich gilt Barcelona als kreativste City Spaniens, wenn nicht der gesamten Mittelmeerküste. Zwischen Meer und Bergen eingezwängt, richtet sie ihre kreativen Energien nach innen, krempelt sich dabei beständig und ohne größere Sentimentalitäten um. Auch diesen Herbst trumpfte Barcelona auf unverwechselbare Art und Weise auf. Denn Gaudís Unvollendete, Barcelonas bekanntestes Wahrzeichen, war wieder ein Stück gewachsen: um einen Meter und 38 Zentimeter. Ein kleiner Schritt für die Sagrada Família, aber ein großer für den katalanischen Katholizismus. Immerhin löste Gaudís Meisterwerk damit den Ulmer Dom als höchsten Kirchenbau der Welt ab und erinnert so auch ein wenig an Fußball. Spanien gegen Deutschland: vorläufiges Endergebnis 162,91 zu 161,53 Meter. Und der Turm Jesu Christi, der Hauptturm der Sagrada Família, wächst sogar noch weiter. 2026 soll er getreu Gaudís Plänen exakt 172 Meter erreichen. Dann ist die weltberühmte Unvollendete endlich vollendet! Zur höchsten Erhebung Barcelonas wird die weiße Keramik-Kristallglas-Spitze, deren vier Arme dreizehneinhalb Meter weit auskragen, dann auch.

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Berk Ozdemir ©
Im Inneren der Sagrada Família – ein Bauwerk, das seit über 140 Jahren wächst und 2026 endlich seine Vollendung feiert.

Das Timing für den lange überreifen Abschluss dieses Endlos-Kirchenbaus ist nicht schlecht gewählt: Er kommt gerade richtig zur 100-Jahre-Feier jenes Mannes, dessen Werk Barcelona bis heute prägt. Antoni Gaudí, dessen Todestag sich kommenden Juni zum 100. Mal jährt, hatte lediglich die Fertigstellung eines von insgesamt achtzehn Türmen erlebt. Im kommenden Jahr werden ihm Veranstaltungen, Ausstellungen und Kongresse gewidmet, die auch weniger bekannte Arbeiten des visionären Architekten wissenschaftlich aufbereiten. Davon gibt es auch jenseits der Blockbuster-Sehenswürdigkeiten vom Schlage eines Park Güell, einer Casa Batlló oder einer Casa Milà reichlich. Der Jugendstilkünstler war auch außerhalb von Barcelona aktiv. In Palma verantwortete er die Modernisierung der gotischen Kathedrale La Seu. In León steht das Museo Casa Botines Gaudí. In Astorga können Gaudí-Fans den Bischofs­palast und im kantabrischen Comillas die zauberhafte Villa Quijano bewundern, für die sich der passende Name El Capricho – die Laune“ – eingebürgert hat. 

Barcelona als Weltstadt der Architektur

Weiterhin im Wachsen begriffen: Das gilt nicht nur für Gaudís Sagrada Família, sondern für ganz Barcelona, das 2026 auch UNESCO World Capital of Architecture sein wird und so die Nachfolge von Kopenhagen 2023 antritt. Ziemlich ambitioniert wird dann von Mitte Februar bis Mitte Dezember ein Programm abgewickelt, das in zehn Stadtbezirken über 1.500 Aktivitäten auflistet. Für die Fachwelt relevante Symposien und Highlights wie der für Ende Juni anberaumte UIA-Weltkongress der Architektur wechseln dann mit Programmpunkten für interessierte Laien: Internationale Kreative verwandeln Feuermauern in neue Fassaden, die über reine Street-Art hinausgehen und auf mehr Nachhaltigkeit und Komfortgewinn abzielen. Unter der Bezeichnung Open Barri werden Routen durch weniger frequentierte Stadtteile zusammengestellt. Immersive Installationen sollen Gebäude als lebendige Körper“ erfahrbar machen; Touren in Sachen ­innovativer Holzarchitektur gibt es auch. Optimalen Überblick über das Ideen­labor Barcelona bietet der ehemalige Sitz des Verlags Gustavo Gili: Hier entsteht soeben eine riesiges Stadt-Modell, das die Komplexität der urbanen DNA Barcelonas verständlicher machen soll. Überthema der neuen Welthauptstadt der Architektur, der ersten übrigens, die diesen Titel bereits zum zweiten Male innehat: Werden. Architekturen für einen Planeten im Wandel“. 

Von Superblocks zu Gaudí-Highlights

Barcelona ist für dieses Motto geradezu prädestiniert. In einer Stadt, die mit dem chronischen Unruhepuls der Avantgarde tickt, sind Augenmaß für Menschen und stete Veränderung selbstverständlich. Man spürt es auf Parkbänken, vor Wasserbrunnen, in entspannten Cafés. Nicht von ungefähr ließ Barcelona zuletzt als Vorreiter für grüne Stadtplanung aufhorchen: Das Prinzip Superblock fasst Einheiten von je neun Häuserblocks zusammen, verbannt Autos auf Haupt­arterien, verwandelt Kreuzungen in Plazas, verzichtet bei einem Viertel der Wege auf Straßenbelag und beschattet vier Fünftel durch Bäume. Kein Städter soll im Superblock à la Barcelona weiter als zweihundert Meter vom nächsten Grünraum entfernt wohnen. Das noble Business-Viertel Eixample nahm solche Ideen bereits 1859 vorweg. Wer sich heute durch den Raster dieser Avenuen bewegt, spürt auf Anhieb: Ein Stück Stadtlandschaft wurde hier wie ein bequemer Kleiderstoff gewoben: geometrische Muster aus Linien und Recht­ecken, an den Enden gestutzt, mit üppig wuchernden Park-Karrees und farbenfrohen Ornamenten des spanischen Modernismo. 

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Die Casa Batlló (li.) ist ein berühmtes Wohn- und Geschäftshaus in Barcelona, entworfen von Antoni Gaudí (re.).

Dass Gaudí den — wörtlich — Erweiterungs“-Bezirk Eixample in seinen geistigen Besitz nahm, verbindet das 100-Jahr-Jubiläum mit dem World Capital of Architecture“-Titel. Man muss bloß vor einem Gebäude wie der Casa Milà stehen, um zu erahnen, warum in Barcelona eine Ecke rund und ein Wohnhaus auch ein steinernes Meer sein kann: In sanften Wellen plätschert die Casa-Milà-Fassade über der Fußgänger-Flut. Fenster blubbern wie Luftblasen im Reliefgestein. Balkongitter wuchern wie Schlingpflanzen zum Himmel hoch. Dieses Haus trägt seine Knochen über der Haut“, sagte Luis Buñuel einmal über den Bau. Für ein Ideenlabor wie Barcelona ist das ganz normal.


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