Wenn sich beim ImPulsTanz Festival Anne Teresa De Keersmaekers Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione entfaltete, stand weit mehr als eine neue Interpretation von Vivaldis berühmten Vier Jahreszeiten im Mittelpunkt. Die Aufführung war zugleich Ausdruck jener künstlerischen Haltung, die Van Cleef & Arpels seit Jahrzehnten mit der Welt des Tanzes verbindet.
Mit seinem internationalen Förderprogramm Dance Reflections by Van Cleef & Arpels unterstützt die Maison heute Choreografen, Festivals und Institutionen rund um den Globus – von New York über Paris bis Wien. Im Gespräch mit SIGNATURE erklärt Serge Laurent, Director of Dance & Culture bei Van Cleef & Arpels, warum Tanz für ihn zu den vollständigsten Kunstformen überhaupt zählt, weshalb Tradition niemals Stillstand bedeutet und warum Kunst nicht in erster Linie verstanden, sondern erlebt werden sollte.
Herr Laurent, Van Cleef & Arpels verbindet seit vielen Jahrzehnten eine enge Beziehung zum Tanz. Warum spielt diese Kunstform für die Maison bis heute eine so zentrale Rolle?
Zunächst würde ich Van Cleef & Arpels gar nicht als traditionelle Maison bezeichnen. Natürlich besitzt das Haus ein außergewöhnliches Erbe, doch ebenso wie jede Kunstform entwickelt es sich ständig weiter. Wenn man die ersten Ballerinen-Broschen aus den 1940er-Jahren mit heutigen Kreationen vergleicht, erkennt man sofort, wie sich die gestalterische Sprache verändert hat. Es ist keine starre Tradition, sondern eine kontinuierliche Evolution.
Als ich damals noch Kurator am Centre Pompidou war, sprach mich Van Cleef & Arpels an, um gemeinsam über eine langfristige Förderung des Tanzes nachzudenken. Je intensiver ich mich mit der Geschichte der Maison beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, wie selbstverständlich diese Verbindung eigentlich ist. Van Cleef & Arpels schafft zwar Schmuck, doch diese Objekte sind weit mehr als luxuriöse Accessoires – sie sind Kunstwerke. Genau darin liegt die Verbindung zum Tanz: Beide leben von Kreativität, Präzision und dem Wunsch, etwas Bleibendes zu schaffen.
Mit Dance Reflections unterstützt Van Cleef & Arpels heute weltweit Choreografen und Festivals. Warum fiel die Entscheidung gerade auf den Tanz?
Bevor ich mich ausschließlich mit Tanz beschäftigte, arbeitete ich viele Jahre als Kurator für Bildende Kunst. Irgendwann wurde mir klar, dass Tanz wahrscheinlich die vollständigste aller Kunstformen ist. Er kann vollkommen für sich allein bestehen – reine Bewegung, ganz ohne Bühne, Musik oder Licht. Gleichzeitig kann er nahezu jede andere Disziplin integrieren: Musik, Mode, Architektur, Video, Literatur oder Bildende Kunst. Deshalb ermöglicht Tanz einen außergewöhnlich interdisziplinären Blick auf Kunst insgesamt.
Genau dieser ganzheitliche Zugang hat mich immer fasziniert. Als Van Cleef & Arpels beschloss, Dance Reflections ins Leben zu rufen, erschien mir dieser Schritt deshalb ausgesprochen konsequent. Die Maison unterstützt nicht einfach Tanzproduktionen, sondern begleitet Künstler dabei, neue Ausdrucksformen zu entwickeln und choreografisches Wissen weiterzugeben.
Mit Anne Teresa De Keersmaekers Il Cimento dell’Armonia e dell’Inventione war Dance Reflections erstmals offizieller Partner mehrerer Produktionen beim ImPulsTanz Festival in Wien. Was zeichnet ihre Arbeit aus?
Anne Teresa De Keersmaeker gehört für mich zu den bedeutendsten Choreografinnen unserer Zeit. Sie entwickelte bereits mit Anfang zwanzig ihre ganz eigene choreografische Sprache und hat diese über Jahrzehnte immer weiterentwickelt, ohne jemals stehenzubleiben. Genau das beeindruckt mich.
Sie besitzt ein sehr starkes Fundament und bleibt dennoch offen für neue Einflüsse. In ihren Arbeiten begegnen sich klassische Strukturen und zeitgenössische Bewegungsformen ganz selbstverständlich. Deshalb funktioniert auch die Verbindung mit Vivaldis Vier Jahreszeiten so hervorragend. Man erwartet bei dieser Musik vielleicht etwas Historisches oder Barockes – stattdessen erlebt man eine hochaktuelle choreografische Sprache, die erstaunlich selbstverständlich mit der Musik verschmilzt.
Sie sprechen bewusst von Entwicklung statt von Tradition. Warum ist Ihnen dieser Unterschied so wichtig?
Weil Tradition oft mit Stillstand verwechselt wird. Dabei entwickelt sich jede Kunstform ständig weiter. Selbst wenn heute ein klassisches Ballett möglichst originalgetreu aufgeführt wird, unterscheidet es sich zwangsläufig von einer Aufführung vor hundert Jahren. Körper, Interpretation und Blick auf das Werk verändern sich.
Dasselbe gilt für die Schmuckkunst. Schon lange bevor Van Cleef & Arpels seine berühmten Ballerinen entwarf, spielte Bewegung in den Schmuckstücken eine entscheidende Rolle. Betrachtet man Kreationen aus den 1930er-Jahren, erkennt man bereits dort Dynamik und das Gefühl von Bewegung – obwohl sie aus Edelmetall bestehen. Die Ballerinen waren letztlich eine konsequente Weiterentwicklung dieser gestalterischen Idee. Kunst entsteht nie im Stillstand. Sie entwickelt sich aus dem, was davor war. Das gilt für den Tanz ebenso wie für Design, Architektur oder High Jewellery.
Viele Besucher empfinden zeitgenössischen Tanz zunächst als schwer zugänglich. Wie sollte man sich einer Aufführung nähern?
Ich glaube, genau hier entsteht häufig ein Missverständnis. Viele Menschen glauben, sie müssten ein Kunstwerk sofort verstehen. Dabei ist das gar nicht seine wichtigste Aufgabe. Wenn ich ein Festival kuratiere, lade ich das Publikum auf eine Reise ein. Und wenn wir reisen, kennen wir die Sprache oder die kulturellen Codes zunächst ebenfalls nicht. Trotzdem machen wir Erfahrungen, beobachten, fühlen und entdecken Neues. Mit zeitgenössischem Tanz ist es ganz ähnlich.
Ich empfehle den Menschen immer, ihre Erwartungen für einen Moment loszulassen und sich einfach auf das einzulassen, was sie sehen. Nicht sofort bewerten. Nicht sofort verstehen wollen. Erst einmal beobachten. Denn jedes Kunstwerk spricht eine eigene Sprache. Wenn wir bereit sind, diese Sprache kennenzulernen, entsteht oft eine Erfahrung, die weit über das eigentliche Werk hinausreicht.
Was wünschen Sie sich, dass Menschen nach einer Aufführung mit nach Hause nehmen?
Für mich endet ein Kunstwerk nicht mit dem Schlussapplaus. Eigentlich beginnt es erst danach. Wenn Sie eine Aufführung Jahre später noch beschäftigt, wenn einzelne Bilder oder Bewegungen immer wieder in Ihren Gedanken auftauchen, dann hat dieses Werk etwas in Ihnen ausgelöst. Genau darum geht es.
Als Kurator möchte ich niemandem erklären, was richtig oder falsch ist. Ich möchte Menschen mit Kunst in Berührung bringen. Ob sie sie lieben oder ablehnen, entscheidet jeder selbst. Aber ich wünsche mir, dass sie sich anschließend fragen, warum sie etwas berührt hat. Genau dort beginnt Kunst.
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