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Die Munich Design Days sind kein Ort der großen Geste. Eher ein fein kuratierter Blick darauf, wie sich Interior Design zwischen Materialbewusstsein, Komfort und ikonischer Kontinuität neu sortiert. Auf der Praterinsel begegnen sich Industriegeschichte und zeitgenössische Entwürfe auf Augenhöhe.

Mitte März zeigt sich München noch zurückhaltend. Der Himmel ist milchig, die Luft kühl, die Isar voll Schmelzwasser. Und doch liegt ein leiser Aufbruch über der Stadt. Wer über die Brücken hinüber auf die Praterinsel geht, spürt ihn sofort: Zwischen Flussrauschen und Ziegelpatina zeigen die Munich Design Days 2026, wie wir morgen wohnen, arbeiten – und uns in Räumen fühlen wollen.

Die Location ist dabei weit mehr als Kulisse. Die historischen Gewölbe der ehemaligen Riemerschmid-Fabrik – Wurzelkeller, Zollgewölbe, Orangerie und Ateliers – erzählen von industrieller Produktion, Handwerk und einer Zeit, in der Dinge auf Dauer angelegt waren. Heute beherbergen sie kuratiertes Interior Design. Und machen auf sehr sinnliche Weise klar: München hat mit den Munich Design Days und dem parallel stattfindenden Münchner Stoff Frühling sein eigenes Designwochenende gefunden.

Insel der leisen Töne

Was die zweite Edition der Munich Design Days auszeichnet, sind nicht Pomp oder laute Parolen, sondern Handwerk, Material und die Menschen dahinter. Rund 40 Marken bespielen die Praterinsel, ergänzt durch Showrooms in der Innenstadt und verbunden über Shuttle-Routen – ein bewusst kompakter Parcours statt anonymem Messegelände.

Das Flanieren durch Füllhalle, Wurzelkeller und Ateliers fühlt sich eher an wie ein Spaziergang durch eine temporäre Designstadt. Man tritt aus dem Tageslicht der Isar in das diffuse Halbdunkel der Gewölbe, vorbei an Massivholztischen, textilen Interventionen, Lounge Chairs und Leuchten, die Atmosphäre schaffen, statt nur gut auszusehen.

Der rote Faden des Jahres: leiser Luxus, Materialintelligenz und eine neue Komfortkultur.

Draußen im Hof zeigt sich diese Haltung von ihrer entspanntesten Seite. Unter Sonnenschirmen, mit Drinks vom Foodtruck und auf Outdoor-Möbeln sitzend, wird aus der Fachveranstaltung plötzlich ein sehr entspanntes Design-Get-together. Als am Nachmittag schließlich die Sonne durchbricht, wird der zögerliche Münchner Frühling endgültig zum Glücklichmacher für Designenthusiasten.

Aussteller im Zöllgewölbe der Praterinsel auf den Münchner Design Days
beigestellt ©
Aussteller im Zöllgewölbe der Praterinsel auf den Münchner Design Days

Textil als Struktur: Stammtisch Editions

Am deutlichsten wird der frische Blick auf Gestaltung in den Praterinsel-Ateliers. Hier bespielt das Münchner Kollektiv Stammtisch – acht junge Produktdesigner – einen ganzen Flügel mit Arbeiten, in denen Textil nicht dekoriert, sondern strukturiert.

Eine textile Leuchte filtert Licht wie ein beweglicher Vorhang. Ein Spiegel wird von einem gebauschten Stoffrahmen eingefasst. Ein Stahlrohrstuhl spannt austauschbare Stoffflächen wie eine Membran ein. Ein Paravent überträgt Prinzipien der Zeltarchitektur in den Innenraum.

Textil wird hier zur Soft Architecture – weich, raumbildend und atmosphärisch. In Kooperation mit Kvadrat und Partnern wie JAB oder Little Greene wird Stammtisch zugleich zum idealen Bindeglied zwischen den Munich Design Days und dem textilfokussierten Münchner Stoff Frühling.

Die acht Produktdesigner des Münchner Kollektivs Stammtisch
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Die acht Produktdesigner des Münchner Kollektivs Stammtisch

Materialbewusstsein und stille Präsenz

In den großen Hallen der Praterinsel zeigen etablierte Marken, wie sich Interior Design zwischen Handwerk, Komfort und Materialbewusstsein neu sortiert. ClassiCon inszeniert seine Möbel in einer Landschaft aus Kork, in der Tische, Stühle und Outdoor-Pieces wie selbstverständlich eingebettet wirken. Die neue Outdoor Collection führt das bekannte Designvokabular mit Robinienholz, Metall und Naturstein elegant nach draußen weiter.

Kettnaker denkt Möbel als modulare Architektur. Sideboards und Regalsysteme wirken hier eher wie präzise komponierte Einbauten als wie Einzelstücke. Die neue Oberfläche WAVE verleiht Fronten eine leichte Reliefstruktur und lässt Licht über metallische Flächen wandern.

Bei Zeitraum kehrt die gewohnte Ruhe ein. Massivholz, klare Linien, geölte Oberflächen – Möbel, die auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit setzen statt auf kurzfristige Effekte.

Die Pendellampe Selene und der Schaukelstuhl Euvira von ClassiCon
Hassos ©
Die Pendellampe Selene und der Schaukelstuhl Euvira von ClassiCon

Komfort als Lifestyle

Komfort ist 2026 kein weicher Nebenaspekt mehr, sondern eine gestalterische Haltung. Bei Wittmann zeigt sich das im Relaxsessel TUYA von Jaime Hayon – eine elegante Ohrensesselform mit Drehfunktion, Wippmechanik und einer Präsenz, die eher zum Verweilen einlädt als zum schnellen Weitergehen.

Walter Knoll denkt Komfort im größeren Zusammenhang. Das modulare Molamisa Sofa von EOOS und der Shinzo Hybrid Lounge Chair verbinden klare Geometrie mit überraschend weichen Übergängen und zeigen, wie selbstverständlich sich Wohn‑, Arbeits- und Hospitality-Räume heute überlagern.

Mobitec bringt eine belgisch-nordische Tonalität ins Spiel: sanfte Linien, ausgewogene Proportionen und eine enorme Variantenvielfalt bei Hölzern und Stoffen – zugänglich, klar und angenehm unaufgeregt.

Ikonen neu gelesen

Auch Klassiker werden neu betrachtet. Thonet und Jil Sander zeigen mit der Kollektion JS · THONET, wie sich Stahlrohrikonen der späten 1920er-Jahre veredeln lassen, ohne ihren Charakter zu verändern. Modelle wie 32 und 64 erhalten neue Oberflächen, Titan- und Nickelsilver-Töne sowie Varianten in Leder oder Wiener Geflecht. Jil Sander spricht von Veredelung“ statt Neuinterpretation – eine feine Justierung von Proportion, Glanz und Haptik.

Bei DCW éditions wird Licht selbst zur Architektur. Die Pendelleuchte Lampe C wirkt eher wie eine grafische Linie im Raum als wie ein Objekt – besonders im Wurzelkeller, wo sie Achsen markiert und Blickrichtungen lenkt. Dass auch der Boden Räume bauen kann, zeigt Designercarpets Drechsle. Teppiche aus Nessel, Seide oder Wolle wirken hier fast wie gemalte Flächen – ein weicher Gegenpol zu Ziegel, Beton und Stahl der historischen Gewölbe.

München als Designlandschaft

Die Praterinsel ist dabei nur ein Teil des Erlebnisses. Über Shuttle-Routen lassen sich zahlreiche Stationen in der Stadt besuchen: Showrooms von Little Greene, COR, Vola, Organoid oder Sanderson im Prisco Haus, ebenso Präsentationen wie jene von Luiz im Occhio Experience Center.

Zu den Höhepunkten zählen zudem Gespräche und Begegnungen außerhalb der Insel – etwa der Talk mit Sebastian Herkner bei Ligne Roset oder jener mit Jil Sander in den Neuen Werkstätten zur aktuellen Thonet-Kooperation.

Der Thonet Showroom mit der neuen Jil Sander Kollaboration
Linda Pezzei ©
Der Thonet Showroom mit der neuen Jil Sander Kollaboration

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