Der Dokumentarfilm „ICON(S): Maison Francis Kurkdjian“ zeigt Baccarat Rouge 540 nicht als Bestseller, sondern als kulturelles Phänomen: ein Duft, der sich in Musik, Kunst, Kulinarik und Bewegung übersetzen lässt.
Parfum ist ein Luxusobjekt ohne feste Form. Es lässt sich nicht betrachten wie ein Kunstwerk, nicht betreten wie ein Raum, nicht tragen wie ein Kleid. Und doch gibt es Düfte, die mehr auslösen als Wiedererkennung. „Baccarat Rouge 540“ von Maison Francis Kurkdjian gehört zu jenen seltenen Kreationen, die aus der Nische der Parfumerie herausgewachsen und längst Teil einer größeren visuellen, kulturellen und emotionalen Sprache geworden sind.
Genau hier setzt der Dokumentarfilm „ICON(S): Maison Francis Kurkdjian“ an. Er erzählt nicht einfach die Erfolgsgeschichte eines ikonischen Parfums, sondern stellt eine deutlich interessantere Frage: Was passiert, wenn ein Duft sein Medium verlässt? Wenn er nicht mehr nur auf der Haut existiert, sondern als Klang, als Bewegung, als Licht, als Geschmack?
Im Zentrum des Films steht die multisensorische Installation „The Alchemy of Senses“, die erstmals im Palais de Tokyo in Paris gezeigt wurde. Für dieses Projekt versammelte Francis Kurkdjian kreative Wegbegleiter aus unterschiedlichen Disziplinen. Sterneköchin Anne-Sophie Pic, Komponist David Chalmin, die Pianistinnen Katia und Marielle Labèque, der kinetische Künstler Elias Crespin sowie Regisseur Cyril Teste übersetzten gemeinsam „Baccarat Rouge 540“ in ihre eigenen künstlerischen Sprachen.
Das ist mehr als eine ästhetische Übung. Der Film macht sichtbar, wie stark zeitgenössische Luxusmarken heute über kulturelle Räume funktionieren. „Baccarat Rouge 540“ ist nicht nur ein Duft mit hohem Wiedererkennungswert, sondern ein Symbol dafür, wie Parfum im 21. Jahrhundert gelesen wird: als Erinnerung, Projektion, Statuscode und intime Erfahrung zugleich.
Francis Kurkdjian erscheint dabei nicht als Parfumeur, der sein Werk erklären will. Interessanter ist, wie er Kreativität versteht: als Resonanzraum. Zwischen Paris, New York und mediterranen Landschaften spricht er über Rohstoffe, Emotionen und Erinnerungen – nicht mit dem Anspruch, Duft rational zu entschlüsseln, sondern um ihn in Beziehung zu anderen Formen der Wahrnehmung zu setzen.
Die stärksten Momente von „ICON(S): Maison Francis Kurkdjian“ entstehen dort, wo der Film nicht illustriert, sondern übersetzt. „Baccarat Rouge 540“ wird dabei nicht entzaubert. Im Gegenteil: Der Film zeigt, warum ein Duft gerade dann relevant wird, wenn er mehr auslöst als die Frage, wie er riecht.
Auch Marc Chaya, Mitgründer von Maison Francis Kurkdjian, ordnet im Film die besondere Kraft dieses Parfums ein. Nicht der Flakon allein habe „Baccarat Rouge 540“ geprägt, sondern die kreative Idee dahinter: ein Duft, der unmittelbar berührt und dennoch schwer festzuhalten ist.
Darin liegt die eigentliche Stärke der Dokumentation. Sie macht aus Parfum kein Produktporträt, sondern ein kulturelles Thema. „ICON(S): Maison Francis Kurkdjian“ richtet sich deshalb nicht nur an Duftliebhaber, sondern an alle, die sich für die Schnittstellen von Kunst, Design, Musik, Kulinarik und Luxus interessieren.
Am Ende steht kein klassisches Marken-Narrativ, sondern ein präziser Gedanke: Die stärksten Kreationen sind oft jene, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen. „Baccarat Rouge 540“ ist ein Parfum. Aber in diesem Film wird es auch zu einer Methode, das Unsichtbare greifbar zu machen.
7 Fragen an Francis Kurkdjian
„Baccarat Rouge 540“ ist längst mehr als ein Parfüm. Ab welchem Moment wurde Ihnen bewusst, dass dieser Duft eine eigene kulturelle Dynamik entwickelt?
Es ist schwierig, einen genauen Moment zu benennen. Von Anfang an gab es subtile Anzeichen – kleine Hinweise darauf, dass etwas Besonderes geschah. Seit seiner Markteinführung habe ich miterlebt, wie „Baccarat Rouge 540“ nicht nur bei Parfümliebhabern und ‑enthusiasten, sondern auch bei Künstlern verschiedener Disziplinen Anklang findet. Sein Einfluss reicht weit über die Welt der Parfümerie hinaus und inspiriert Musiker, Komponisten, Sänger, Künstler und Darsteller dazu, seine Essenz durch ihre eigene kreative Brille neu zu interpretieren. Es ist ein generationsübergreifender Duft, der jedes Alter und jedes Geschlecht anspricht. Für mich ist das die wahre Definition von Erfolg: ein zeitgenössischer Duft mit zeitloser Anziehungskraft. Ich glaube, die Menschen sind von ihm fasziniert wegen seiner einzigartigen olfaktorischen Signatur. Er hat eine solche Präsenz und ist unter allen anderen Parfüms unverkennbar. Die Leute erzählen mir oft, dass sie jedes Mal, wenn sie „Baccarat Rouge 540“ tragen, Komplimente bekommen und gefragt werden, welchen Duft sie tragen. Sein Erfolg ist generationsübergreifend und geht über Grenzen hinaus.
Der Film übersetzt Duft in Musik, Bewegung, Kulinarik und Kunst. Welche dieser sinnlichen Varianten hat Sie persönlich am meisten überrascht?
Alle! Anne-Sophie Pic, eine Ikone der zeitgenössischen Gastronomie, bekannt für ihre innovative Haute Cuisine, ihren raffinierten sensorischen Ansatz und ihren Status als die Köchin mit den meisten Michelin-Sternen weltweit, hat unglaubliche Schokolade kreiert. Elias Crespin, eine führende Figur der kinetischen Kunst, der für seine hypnotischen beweglichen Skulpturen bekannt ist, die Mathematik, Technologie und poetische Bewegung zu einer einzigartigen zeitgenössischen Bildsprache verschmelzen, einer der wenigen lebenden Künstler, deren Werke dauerhaft im Louvre ausgestellt sind, hat eine wunderschöne Glasinstallation zum Leben erweckt. Katia und Marielle Labèque, Ikonen der Klavierwelt, die durch ihre virtuosen Darbietungen, mutigen zeitgenössischen Kooperationen und genreübergreifenden Interpretationen von Klassik über Minimalismus bis hin zu Jazz das Repertoire für zwei Klaviere neu definiert haben, interpretierten David Chalmins Partitur auf sehr kraftvolle Weise. Und schließlich orchestrierte Cyril Teste, eine führende Figur des zeitgenössischen Theaters und Kinos, bekannt für seine hybriden „Ciné-Performance“-Werke, die Live-Schauspiel, Echtzeit-Filmemachen und immersive Inszenierung zu einer einzigartigen interdisziplinären Sprache verschmelzen, die verschiedenen Aspekte der Arbeit jedes einzelnen Künstlers.
Welche Aspekte eines Duftes sind überhaupt in eine andere künstlerische Sprache übertragbar – und welche bleiben besser unsichtbar?
Was bei einem Duft und unserer Wahrnehmung vor allem zählt, ist die Emotion. Daher wäre es zu kurz gegriffen, über jeden einzelnen Inhaltsstoff oder Akkord nachzudenken. Jedes künstlerische Projekt, das ich entwickle, ist anders und entsteht aus dem Dialog mit dem Künstler, der seine eigene Vision durch die Linse seiner Sprache einbringt.
Wenn ein Duft so bekannt wird wie „Baccarat Rouge 540“, entsteht irgendwann auch ein Echo aus Erwartungen, Erinnerungen und Projektionen. Wie schützt man als Parfümeur die ursprüngliche Idee vor diesem Echo – oder gehört es irgendwann zum Werk?
Ich bin nicht nur der Parfümeur, sondern auch der Schöpfer der Geschichte. Ich bin nicht derjenige, der die Geschichte in einen Duft übersetzt – ich bin derjenige, der sie sich ausdenkt! Die Geschichte gehört also mir. Letztendlich bin ich der Hüter dieser Geschichte und möglicherweise der Garant für ihre Integrität und Kontinuität. Irgendwann jedoch beginnt sie, ein Eigenleben zu führen, und jeder macht sie sich zu eigen. Jeder erlebt einen Duft durch seine eigenen Gefühle und setzt sich auf einer persönlichen Ebene damit auseinander. Ein Duft erwacht auf der Haut der Menschen zum Leben, und das ist das Schöne daran.
„Baccarat Rouge 540“ besitzt eine enorme Wiedererkennbarkeit. Ist Ikonizität in der Parfümerie planbar – oder entsteht sie erst im Dialog mit der Zeit?
Die Vorstellung, dass Erfolg planbar ist, ist eine Illusion – in der Welt der Parfümerie, aber auch in allen anderen Bereichen. Ich vermute, es ist der unausgesprochene Teil des Schaffens, das Element der Irrationalität und Unvorhersehbarkeit. Ich gehe davon aus, dass es für einen Autor, einen Sänger, einen Komponisten oder einen Maler genauso ist. Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass man arbeiten muss, immer und immer wieder. „Ikonischer Status“, Erfolg entsteht, wenn ein Werk den Test der Zeit besteht. Deshalb gibt es so wenige Werke, die dieses Level erreichen. Das lässt sich nicht planen, aber als Schöpfer hat man vielleicht die Intuition, dass es die eigenen Erwartungen übertreffen könnte. Das ist die wahre Schönheit und Faszination des Schaffens.
Der Film zeigt Kreativität als Zusammenarbeit über Disziplinen hinweg. Was kann Parfümerie von Musik, Kunst oder Kulinarik lernen?
Ich möchte Ihre Frage umformulieren, wenn ich darf: Was können wir alle voneinander lernen? So viel! Wir lernen Leidenschaft, Hingabe an die Arbeit – Fragen, die für jede Disziplin relevant sind. Wir alle folgen demselben kreativen Muster! Musik und Parfüm teilen dieselbe unsichtbare Architektur. Beide existieren in Zeit und Raum. Eine Note in der Musik und eine Note in einem Parfüm unterscheiden sich gar nicht so sehr voneinander; sie haben ein Tempo, eine Resonanz, eine Intensität. Wenn ich also mit einem Komponisten wie David Chalmin oder einem Dirigenten wie Klaus Mäkelä zusammenarbeite, entsteht sofort eine fließende Verbindung. Wir sprechen dieselbe Sprache, ohne es zu wissen. Das Vokabular lässt sich fast wie von selbst übersetzen.
Die Künstler, mit denen ich für „The Alchemy of Senses“ zusammengearbeitet habe, sind langjährige Freunde von mir, und jeder von ihnen brachte sein eigenes Fachwissen mit. Jeder von ihnen nutzte seine eigene Sprache und Sensibilität, um „Baccarat Rouge 540“ in sein eigenes Universum zu übersetzen. Es war unglaublich zu sehen, wie sie sich zusammenfanden.
Es gab schon immer eine langjährige Verbindung zwischen den Bereichen Kunst und Parfüm – eine Verbindung, die durch gemeinsame ästhetische Prinzipien, Handwerkskunst, kulturelle Relevanz, symbolischen Reichtum, sinnliche Ansprache und Innovation im Laufe der Zeit geprägt wurde – lauter Elemente, die sie im menschlichen Erleben über die Jahrhunderte hinweg eng miteinander verbanden. Ich glaube jedoch, dass Parfüm in einem Flakon keine Kunst ist, da es nicht vollständig dem Prozess des freien Ausdrucks entspricht. Parfüm soll angenehm sein und gefallen. Es soll schöne, positive Emotionen wecken und Verführung, Vergnügen, Glamour und eine positive Lebenseinstellung vermitteln. Bei Kunst geht es nicht nur darum. Bei Kunst geht es um das gesamte Spektrum der Emotionen, positive wie negative. Dieser Unterschied ist mir sehr wichtig. Schönheit in der Kunst kann durch dunkle Gedanken oder sogar Hässlichkeit oder Elend vermittelt werden; das Gegenteil dessen, worum es bei Schönheit (als kommerzielles Produkt) geht. Deshalb glaube ich, dass olfaktorische Installationen ein völlig neues Feld in der Welt der Düfte, der echten Kunst und neuer Emotionen eröffnen können. Es ist ein Bereich, in dem ich Gefühle frei erforschen kann, die ich im Kontext eines kommerziellen Duftes nicht ausdrücken könnte, aber es ist auch etwas, womit die breite Öffentlichkeit weniger in Berührung kommt.
Wenn Sie „Baccarat Rouge 540“ heute noch einmal neu betrachten: Hat sich Ihr eigenes Verhältnis zu diesem Duft durch seinen Erfolg verändert?
Sobald das Parfüm auf den Markt kommt, gehört es nicht mehr ausschließlich mir. Die Menschen machen es sich zu eigen. Es löst sich allmählich von einem. Der kreative Prozess, der eine private Angelegenheit ist, wird öffentlich. Die eigenen Emotionen werden bekannt. Das Schaffen hat etwas Unbescheidenes an sich. Deshalb trenne ich mich so weit wie möglich von meiner Schöpfung. Das ist aus zwei Gründen notwendig. Erstens: Wenn man anfängt, zurückzublicken, kann man weder in der Gegenwart leben noch von der Zukunft träumen. Und beim Schaffen geht es um das Morgen, nicht um das Heute – und noch weniger um das Gestern. Zweitens: Wenn ich etwas zu sehr bewundere oder wenn ich meine beste Kreation als Teil der Vergangenheit betrachte, warum sollte oder könnte ich dann etwas Besseres schaffen, das das übertrifft, was ich bewundere? Dennoch bin ich überaus glücklich und stolz, dass so viele Menschen „Baccarat Rouge 540“ lieben. Ich schätze mich sehr glücklich, dass Künstler aus verschiedenen Kontinenten und Disziplinen von diesem Duft inspiriert wurden und ihr Handwerk der Würdigung dieses Parfüms gewidmet haben. Meine Verbundenheit mit dem Duft bleibt bestehen, doch sein Erfolg hat mir die Freiheit und Bestätigung gegeben, andere Bereiche zu erkunden und den Duft aus dem Flakon herauszuholen.
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