Gislain Aucremanne, Heritage Curator Director bei Bvlgari, über antike Münzen, skulpturale Formen und die Frage, warum Haute Joaillerie heute als Kunst gelesen wird.
Bvlgari denkt Schmuck von Rom aus: als Spiel mit Farbe, Volumen, Geschichte und architektonischer Spannung. Antike Münzen, Kameen, Intaglios und farbintensive Edelsteine werden bei der Maison nicht als reine Referenzen verstanden, sondern als Fragmente einer Vergangenheit, die in zeitgenössischen Kreationen weiterlebt.
Im Gespräch erklärt Gislain Aucremanne, warum hochwertige Schmuckstücke dieselbe kunsthistorische Betrachtung verdienen wie Malerei, Skulptur oder Architektur – und wie die Heritage Collection von Bvlgari zeigt, dass Haute Joaillerie weit mehr ist als kostbares Material.
Ein Gespräch mit Gislain Aucremanne, Heritage Curator Director bei Bvlgari
Sie haben Ihre Laufbahn an der École du Louvre begonnen und über 15 Jahre lang Ihr Wissen als Kunsthistoriker weitergegeben. Wie hat diese akademische Perspektive Ihren Ansatz bei der Betreuung einer Heritage-Sammlung geprägt – nicht einfach als zu verwaltendes Archiv, sondern als lebendige kunsthistorische Erzählung?
Ich habe Schmuck schon immer als Kunstform betrachtet. Hochwertiger Schmuck ist Kunst! Als ich vor über 20 Jahren Kunstgeschichte studierte, war Schmuck zwar bereits Kunst, aber nicht so anerkannt wie heute. Es gab weniger Ausstellungen und kaum große wissenschaftliche Studien. Die akademische Perspektive, die ich mitbringe, besteht darin, diese Objekte – Schmuckstücke, Uhren und Preziosen – stets mit derselben Kontextanalyse zu betrachten, die ich auch bei einem Gemälde, einer Skulptur oder einem Bauwerk anwenden würde. Das hat mir die nötige Strenge in der Struktur und Arbeitsweise vermittelt. Die Heritage-Sammlung umfasst heute rund tausend Stücke. Sie ist nicht als bloßes Archiv angelegt; sie muss erzählt und auf die richtige Weise dargestellt werden. Einen roten Faden neu zu spinnen und die wichtigen Momente sichtbar zu machen – genau das bedeutet es, eine Sammlung zu kuratieren.
Warum wird Schmuck nun endlich als eigenständige Disziplin anerkannt – jenseits seines materiellen Wertes?
Die Arbeit der meisten großen Schmuckmaisons war entscheidend dafür, den Wert des Schmuckerbes genauso zu etablieren wie die Welt der Mode, des Lifestyles, der Malerei oder der Skulptur. In vielen Ländern gab es lange einen großen Unterschied zwischen den schönen Künsten – der Hochkunst wie Malerei, Skulptur, Architektur – und den angewandten Künsten. In manchen Ländern, etwa in Asien, wird das Handwerk sogar höher angesehen als die Künstlerschaft an sich. Die Wertschätzung für handgefertigte Objekte ist dort enorm. Heute ist es eine echte Disziplin: Studierende promovieren über Schmuckgeschichte, und hausinterne Kuratoren forschen auf demselben Niveau wie Kuratoren öffentlicher Museen. Wir arbeiten heute mit denselben Fähigkeiten.
Ein prägendes Element der Bvlgari-Ästhetik ist die Verwendung von antiken Münzen, Kameen und Intaglios. Wie gelingt es, diese historischen Kunstobjekte in eine moderne Ästhetik zu übertragen, ohne den Respekt vor der Geschichte zu verlieren?
Das hat viel mit Rom zu tun. Die Ewige Stadt ist aus Schichten der Geschichte aufgebaut. Ein Gebäude wurde vor 2.000 Jahren errichtet, ein anderes vor 500, eines erst kürzlich. Diese Schichten zusammen schaffen eine Harmonie – das ist die Magie Roms. Diese Stücke zu tragen bedeutet, ein Fragment der Geschichte zu tragen. Wir schaffen eine neue Sprache, denn diese Stücke sind keine Repliken antiker römischer Juwelen. Es sind moderne Schmuckstücke, die ein Fragment der Vergangenheit in sich einschließen. Es ist eine Art, Geschichte zu reaktivieren und ihren historischen Wert zu steigern. Bereits im alten Rom wurden manche Münzen als Schmuck getragen. Der Respekt vor diesen Objekten wird nicht vermindert – er wird verstärkt, indem man ihnen neues Leben schenkt.
Sehen Sie ein Schmuckstück eher als Skulptur oder als Werk der Architektur im Miniaturformat?
Beides! Ich sehe es sowohl als Skulptur als auch als Architektur, aber auch als Malerei. Die Auseinandersetzung mit Farbe ist für mich dieselbe wie bei einem Gemälde. Bvlgari hat Edelsteine wie ein Maler ausgewählt, der Pigmente auf seiner Palette aufträgt – mit dem Blick auf das harmonische chromatische Ergebnis. Und das gilt auch für Skulptur und Architektur: Bvlgari hat nie wirklich flache Schmuckstücke gefertigt; selbst in den 1920er-Jahren wurden Volumen gearbeitet. Das ist Teil der römischen Realität – denken Sie an die Kuppeln, an die Rundungen in den Kirchen. Rom ist die Stadt der sieben Hügel, sie ist nicht flach. Die Wahl des Cabochon-Schliffs ist eine skulpturale Entscheidung. Unsere Schmuckstücke sind dafür gedacht, von allen Seiten betrachtet zu werden. Genau das würde man mit einer Skulptur tun – man geht um sie herum, wie bei Berninis Barockskulpturen in der Galleria Borghese. Gleichzeitig ist die Konstruktion sehr architektonisch – manche Stücke, etwa unsere Tischuhren, sind im wörtlichen Sinne Fragmente eines römischen Palastes.
Die Heritage Collection umfasst über 1.000 Stücke. Wenn für unsere Kunst-und-Architektur-Ausgabe nur ein einziges zur Auswahl stünde, das die Essenz des Hauses verkörpert – welches wäre es?
Ich wähle das absolute Highlight der letzten „Kaleidos“-Ausstellung: Es ist ein Sautoir – eine lange Halskette mit einem zentralen Smaragd, der von einer Vielzahl anderer farbiger Steine umgeben ist. Dieses Stück verkörpert so viele Elemente, die erklären, warum Haute Joaillerie eine Kunst ist. Zunächst die Farbe: Die Steine sind im Cabochon-Schliff gearbeitet, weil Licht so zwar eindringt, aber kaum zurückgeworfen wird – die Farbe ist dadurch intensiver, ehrlicher, wahrer. Dann die Konstruktion: Das Stück ist transformierbar, man kann Elemente abnehmen und sie als Armbänder kombinieren. Das ist Architektur – die Konstruktion, die unsichtbaren Mechanismen. Und schließlich die Skulptur: Der zentrale Smaragd stammt aus einer indischen Sammlung und trägt eine kleine eingravierte Blattform in der Schnitztradition von Jaipur. Er trägt eine andere Kultur in sich. Dieses Stück hat indischen Charakter, ist zugleich sehr römisch und spricht die universelle Sprache der Künste.
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