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Ein Koffer hat eine undankbare Aufgabe: Er soll möglichst viel aufnehmen, möglichst wenig Platz brauchen, seinen Inhalt schützen, Stöße aushalten, sich tragen oder rollen lassen – und dabei auch noch gut aussehen. Am Ziel soll er wieder aufgehen, als wäre unterwegs nichts passiert.

Das klingt nach einer einfachen Aufgabe. Ist es nicht. Denn Gepäck war immer auch eine Antwort darauf, wie Menschen reisen. In der Kutsche gelten andere Regeln als im Zug, auf einem Ozeandampfer ist Platz anders organisiert als in einem Sportwagen, und spätestens am Check-in-Schalter bekommt selbst gutes Design sehr konkrete Grenzen gesetzt. Dazu kommt der Inhalt. Ein Anzug darf nicht zerknittern, eine Kamera keinen Schlag abbekommen – und ein Hut hat überhaupt keine Lust, sich irgendeiner vernünftigen Gepäckform anzupassen. So entstanden über die Jahrzehnte Lösungen, die heute so vertraut sind, dass man kaum noch darüber nachdenkt.

Handle With Care

Ein Hut reist nicht besonders gern. Er lässt sich weder falten noch zwischen Hemden quetschen und braucht vor allem eines: Raum. Also bekam er ihn. Historische Hutkoffer gehören deshalb zu den schönsten Beispielen dafür, wie unmittelbar der Inhalt die Form seines Behälters bestimmen kann. Rund, oval oder hoch gebaut, mit stabilen Wänden und einem Innenleben, das dafür sorgt, dass am Ziel aus großer Garderobe kein platter Auftritt wird. Noch eindrucksvoller sind die großen Hat Trunks, in denen gleich mehrere Hüte auf eigenen Ebenen oder in separaten Fächern reisten. Louis Vuitton, Moynat oder Goyard machten daraus aufwendige Gepäckstücke für eine Zeit, in der Reisen ohnehin mehr bedeutete, als einen Trolley für drei Tage zu packen. Der Platzbedarf war enorm. Der Hut offenbar wichtiger.

Stacked Up

Louis Vuitton hatte 1858 eine flache Idee. Frühe Reisekoffer besaßen häufig gewölbte Deckel. Louis Vuitton entwickelte seinen ​„Trianon“ mit flacher Oberseite – und löste damit ein ganz praktisches Problem: Koffer ließen sich besser stapeln. Mit Eisenbahn und Dampfschiff veränderte sich das Reisen grundlegend, und Gepäck musste zunehmend mit anderen Gepäckstücken, Abteilen und Frachträumen zurechtkommen. Die rechteckige Form nutzte den vorhandenen Raum besser und wurde zum Prinzip, das den Koffer bis heute prägt. Eine der erfolgreichsten Ideen der Gepäckgeschichte wirkt inzwischen so logisch, dass man sie kaum noch als Erfindung wahrnimmt.

Made for the Car

Dann kam das Automobil – und mit ihm ganz neue Räume für das Gepäck. Koffer mussten nicht mehr nur getragen und gestapelt werden. Sie sollten auf Trittbrettern, Gepäckbrücken und später in eigens vorgesehenen Stauräumen Platz finden. Häuser wie Moynat entwickelten früh Gepäck für das Automobil und passten Formen an Karosserie und verfügbaren Raum an. Damit begann eine Beziehung zwischen Auto und Gepäck, die bis heute weitergeführt wird. Besonders interessant wird sie dort, wo Platz ohnehin knapp ist.

No Room to Waste

Bei einem Supersportwagen ist Platz ein Luxus. Schedoni macht etwas daraus. Die Lederwarenmanufaktur aus Modena arbeitet seit den späten 1970er-Jahren mit Ferrari zusammen und entwickelte für zahlreiche Modelle eigene Gepäcksets. Die Tasche muss sich dabei dem Auto fügen: ungewöhnliche Kofferräume, Flächen hinter den Sitzen und jeder sonst noch verfügbare Zentimeter werden genutzt. Beim Testarossa sieht die Lösung zwangsläufig anders aus als beim F50. Das Leder kann auf das Interieur abgestimmt werden. So entsteht Reisegepäck, das weit über ein passendes Logo hinausgeht: Der Innenraum des Autos setzt sich im Gepäck fort. Beim Bugatti Chiron wurde das Prinzip ebenfalls konsequent umgesetzt. Schedoni entwickelte ein dreiteiliges Set mit einem Weekender für den vorderen Stauraum und zwei weiteren Gepäckstücken für den Platz hinter den Sitzen. Porsche löst dieselbe Aufgabe mit eigenen Gepäcklösungen. Besonders weit ging das beim 918 Spyder, dessen Antriebstechnik nur wenig Stauraum übrig ließ. Also wurden die Taschen für genau jene Nischen konzipiert, die noch vorhanden waren. Der Koffer wird fast zum letzten Bauteil des Autos.

Paper Work

Globe-Trotter sah das Ende des 19. Jahrhunderts anders. Das 1897 gegründete Unternehmen setzte auf vulkanisierte Faserplatten: mehrere Lagen Papier, die unter hohem Druck zu einem leichten und zugleich widerstandsfähigen Material verarbeitet werden. Statt Stabilität allein durch Masse zu erzeugen, entstand sie durch Material und Konstruktion. Bis heute prägen die Faserplatten, verstärkten Ecken, Lederriemen und Beschläge die charakteristische Erscheinung der Koffer. Optisch erinnern sie noch immer an die große Zeit des klassischen Reisegepäcks. Konstruktiv steckt dahinter jedoch ein Gedanke, der mit zunehmender Mobilität immer wichtiger werden sollte: Gewicht einzusparen, ohne auf Stabilität zu verzichten. Wer sein Gepäck tragen muss, sollte nicht schon am leeren Koffer schwer zu tragen haben.

Lighten Up

Im Flugzeug zählt jedes Kilo. Und damit verändert sich erneut, was gutes Gepäck leisten muss. Stabil soll es weiterhin sein, nur möglichst nicht schwer. Rimowa experimentierte früh mit Aluminium und brachte 1937 einen Aluminiumkoffer auf den Markt. Die später charakteristischen Rillen wurden zu einem Designmerkmal, das heute schon aus einiger Entfernung genügt, um die Marke zu erkennen. Später kam Polycarbonat hinzu. Das Material brachte eine andere Kombination aus geringem Gewicht, Flexibilität und Widerstandsfähigkeit ins Reisegepäck. Gleichzeitig wurde das Flugzeug zum Taktgeber für eine ganze Industrie: Außenmaße, Gewicht, Handgepäck, Gepäckfach und Sicherheit bestimmen heute mit, was ein Koffer darf. Man kann viel gestalten. 55 Zentimeter bleiben trotzdem 55 Zentimeter.

And Then Came the Wheel

Das Kurioseste an der Geschichte des modernen Koffers ist vielleicht, wie lange Menschen ihre immer raffinierter konstruierten Gepäckstücke getragen haben. Erst Anfang der 1970er-Jahre ließ Bernard Sadow einen Koffer mit Rollen patentieren. Die Idee setzte sich durch, aber noch nicht in jener Form, die wir heute hinter uns herziehen. Der Rollaboard mit zwei Rollen und ausziehbarem Griff folgte später. Jahrhunderte an Erfahrung mit Reisegepäck, aufwendige Beschläge, Schlösser, Spezialfächer und immer bessere Materialien – und irgendwann dachte jemand: Wir könnten das Ding auch rollen. Heute gehören Räder, Teleskopgriff und leichte Hartschale zum Standard. Bis eines der Räder abbricht.

Back to Architecture

Heute gibt es Trunks für Uhren, Schmuck, Wein, Bücher oder Schallplatten. Manche öffnen sich zu Schränken, andere zu kompletten Bars. Damit ist aus dem Gepäckstück längst auch ein Objekt für sich geworden. Über Generationen wurde der Trunk verändert, damit er besser reisen kann: stapelbar, leichter, robuster, beweglicher und immer präziser auf seinen Inhalt zugeschnitten. Und irgendwann wird der Trunk so schön, dass Reisen allein fast ein bisschen wenig wäre. Die legendären Bar Trunks sind der beste Beweis dafür – aber das ist eine andere Geschichte.


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