Das Vinyl-Revival war nur der Anfang. „Analog spaces“ sind einer der Interior-Trends des Jahres. Ein bisschen Eskapismus und ganz viel Gespür: so kann’s gelingen. Das Crescendo: ein „Listening-Room“ wie bei Louis Vuitton oder Valentino.
Klack, Klack, Klack macht es, wenn man die Buchstaben der Vintage-Schreibmaschine im 25hours Hotel in München anschlägt. Allein das Wort anschlagen! Oder das Wort Maschine! Tinte statt Pixel – unglaublich. Wie aus der Zeit gefallen wirkt sie, auf genau diesen Tisch am Fenster des heimeligen Hotelzimmers. Man kann gar nicht anders, als mit der Hand über das kühle Metall zu streichen. „Dass es die noch gibt“ freut man sich und fragt das Kind, ob es überhaupt eine Ahnung hat, was da vor ihm steht. Hat es vermutlich nicht – erst unlängst machte die Runde, dass die Generation Alpha immer häufiger Probleme hat, analoge Uhren zu lesen. So viele Alltagsdinge sind in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten verschwunden, aber sie kehren zurück: Polaroid- und Kodak-Filme werden wieder hergestellt, Kopfhörer haben ihr Kabel zurück, und Vinyl ist fast schon wieder Standard. Und die Schreibmaschinen? Kleine Start-Ups wie Qwerkywriter bringen mechanische Tastatur-Keyboards im Retro-Look heraus.
Das typische Klack, Klack, Klack, das Schreibmaschinen-Sammler Tom Hanks einmal als „Mini-Explosionen“ bezeichnet hat, fehlt dabei allerdings – damit wäre die Tastatur als Objekt in einem analogen Raum nicht ganz am Punkt, obwohl wirklich charmant. Im bitte was? Analoger Raum? Die Rede ist von einem der Interieur-Trends des Jahres, vermutlich nicht nur 2026. Ein Zimmer, in dem man bewusst auf digitale Geräte wie Fernseher, Computer oder Handys verzichtet, um runterzukommen und statt der Virtual Reality-Brille sich selbst wieder aufzuladen. Die Gründe spüren wir alle. Die Überstimulation nicht nur, aber auch dank Social Media. Das Binge Watching und Doomscrolling, sprich endlose verweilen auf Netflix, TikTok und Instagram. Und gleichzeitig die allgegenwärtige FOMO, also „Fear of Missing Out“, denn theoretisch könnte man ja gerade ein Selfie auf Bali posten oder das neu renovierte Hyatt Regency in Nizza testen, wie die Influencerin letztens. Ein bisschen viel Hyper-Digitalisierung auf einmal, so auf Dauer. Der so genannte Handy-Nacken lässt grüßen.
Fühl dich umarmt
Ein Raum wie eine Pausetaste fürs Leben – um zu lesen, bewusst Musik zu hören, eventuell eine Partie Backgammon zu spielen. Die Wiener Interior-Designerin Nina Hausott-Eppinger beschreibt es mit einer passenden Analogie: ‚Wie eine Umarmung‘ sollte sich so ein analoger Raum anfühlen.“ Es ist natürlich nicht einfach damit getan, auf sämtliche Screens zu verzichten, vielmehr entstehe dieses Gefühl „durch Tiefe – sowohl in den Farben als auch Materialien. „Dunkle Rot‑, Braun- oder Grüntöne, die den Raum erden, dazu natürliche Materialien wie Wolle, Samt oder Leinen. Weiters Holz, Stein und besonders gerne Kork.“ Man kann es sich vielleicht sogar denken: Kork dämmt Schall, verbessert die Akustik und ist insbesondere in so genannten „Listening Rooms“ ideal. Und: „Für mich hat er eine subtile 70er-Referenz, Kork vermittelt dieses ‚gute alte Zeit‘-Gefühl, kann aber modern und edel eingesetzt werden.“ Weiche, gepolsterte Möbel sind ebenfalls nicht verkehrt. Komfortabel soll es sein, gerne mit unterschiedlichen Materialien und Texturen, die die Haptik ansprechen. Für Hausott-Eppinger, die von sich selbst sagt, mit Vorliebe „Charakter mit Komfort“ und „Vintage mit Vision“ zu mixen ist der analoge Alternative die perfekte Spielwiese für jahrzehntealte Beistelltische, Tisch- oder Stehleuchten „oder ein Familienerbstück, das man mit modernem Stoff neu tapeziert und dadurch ins Heute holt.“
Sound statt Screens
Auch Interior-Designerin Hausott-Eppinger kommt darauf zu sprechen: „Die Planung im Hintergrund ist ein Muss. Wer Musik liebt, erwartet heute exzellenten Sound. Wer liest, braucht präzises, warmes Licht. Technik soll heute unsichtbar sein, aber sie muss funktionieren.“ Wird sie. Und mit ihr das Gefühl des Eskapismus, wenn man sich in einen Raum zurückzieht, in dem man wieder hinhört, hinsieht und spürt – ein kleiner Luxus, der einem Zeit schenkt, die man sonst zwischen Screens verliert. Was oft unterschätzt wird: Auch Klang ist ein Material. Die bereits erwähnten Listening Rooms – meistens rotiert hier Vinyl – sind so etwas wie das Konzentrat des Zeitgeists. Pharrell Williams hat einen auf den Runway gesetzt, Valentino in den New Yorker Flagshipstore und Hotels wie das Il Sereno Lago Di Como haben Listening Suites im Portfolio. Und wenn ein Musikproduzent, in diesem Fall Tim Renner ein kleines Hide-Away auf La Palma/Kanaren gestaltet, ist so ein Vinyl Zimmer fraglos authentisch. Wer so etwas zuhause nachmachen, seinem Heim einen neuen Rhythmus geben möchte, muss zwingend in die Technik investieren. Up-to-date spießt sich hier nicht zwingend mit analog, die Geräte – wie etwa Beosound Level von Bang & Olufsen – wirken wie Kunstobjekte, die sich nahtlos einreihen und gleichzeitig eine Brücke zwischen den Welten schlagen.
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