Schönheit als radikalsten Statement der Gegenwart: Der ehemalige Modemacher Dries Van Noten verwandelt einen Palazzo am Canale Grande in ein Gesamtkunstwerk.
Zwischen den schweren Samtvorhängen des Palazzo Pisani Moretta liegt dieser eigentümliche Geruch aus altem Holz, Canale-Grande-Feuchtigkeit und Wachs, den nur Venedig kennt. Draußen schiebt sich ein Vaporetto vorbei, drinnen hängt ein Kleid von Comme des Garçons wie ein schwarzer Schattenkörper unter einem Deckenfresko aus dem 18. Jahrhundert. Ein paar Räume weiter funkeln gläserne Blumen von Lilla Tabasso aus Erde hervor, als hätten sie sich heimlich durch den Marmorboden gearbeitet. Und irgendwo zwischen den vergoldeten Stuckdecken, Totenschädel-Juwelen und futuristischen Keramiken wird plötzlich klar: Dries Van Noten hat in Venedig keinen Ausstellungsort eröffnet. Er hat sich eine wunderbar funkelnde und doch im Halbschatten liegende Welt gebaut.
Mit der neuen Fondazione Dries Van Noten im venezianischen Palazzo Pisani Moretta beginnt für den belgischen Designer eine zweite Karriere. Nach seinem Abschied aus dem eigenen Modehaus 2024 hätte man erwarten können, dass Van Noten sich aufs Gärtnern – eine seiner großen Leidenschaften – zurückzieht. Stattdessen kaufte er gemeinsam mit seinem Partner Patrick Vangheluwe einen der spektakulärsten Palazzi am Canale Grande in Venedig. Die erste Ausstellung trägt den Titel „The Only True Protest Is Beauty“, ein Satz des amerikanischen Songwriters und Aktivisten Phil Ochs. Schönheit also als Widerstand. Nicht als Eskapismus, sondern als Haltung.
Schon der Weg durch das Gebäude fühlt sich an wie eine Inszenierung von Van Notens Laufstegshows früherer Jahre: langsam, atmosphärisch, hypnotisch. Man steigt nicht einfach Treppen hinauf, sondern bewegt sich durch ein sorgfältig komponiertes Gefühlssystem. In einem Saal stehen brutalistische Metallarbeiten neben venezianischen Kronleuchtern; im nächsten begegnen sich der Modeschöpfer Christian Lacroix und japanische Keramikkunst wie alte Bekannte auf einem Maskenball. Van Noten selbst beschreibt die Ausstellung nicht als klassische Kunstschau, sondern als Dialog der Disziplinen. „Die Grenzen, die es früher gab, sind vorbei“, sagte er in einem Interview mit AnOther Magazine über die Trennung von Kunst und Handwerk. Entscheidend sei heute vielmehr, was noch „mit Hand, Herz und Gehirn“ gemacht werde. Dieser Satz erklärt eigentlich den ganzen Palazzo. Denn hier geht es nicht um Statuskunst, nicht um die üblichen Biennale-Gesten zwischen Theorie und Größenwahn, die diesen Sommer und Herbst überall sonst in der Stadt zu begutachten sind. Sondern um Materialität. Um Hände. Um Oberflächen. Um das langsame Entstehen von Dingen. Über 200 Arbeiten aus Mode, Schmuck, Glas, Keramik, Design und Fotografie hat Van Noten versammelt.
Besonders stark wird die Ausstellung dort, wo sie Schönheit eben nicht glatt denkt. Da sind die floralen Glasarbeiten von Lilla Tabasso, die gleichzeitig prächtig und bereits verwelkt wirken. Oder die morbiden Schmuckstücke des venezianischen Hauses Codognato mit ihren Vanitas-Motiven. Monumentale Fotografien von Steven Shearer tauchen auf, schlafende Jungen, entrückt und verletzlich. Dann wieder grotesk-schöne Keramiken der japanischen Künstlerin Kaori Kurihara, die aussehen, als wären sie in einem Fiebertraum entstanden. Das Entscheidende ist jedoch die Art, wie all diese Dinge miteinander sprechen. Nichts wirkt museal abgeschlossen. Die Ausstellung funktioniert eher wie eine Wunderkammer für Erwachsene – voller Reibung, Überfluss und überraschender Begegnungen. Genau das macht sie so venezianisch. Dekadenz und Zerfall werden hier gleichzeitig sichtbar.
Der 1740 im Rokoko-Stil umgebaute Palazzo selbst spielt dabei die Hauptrolle. Seine goldenen Stuckaturen, die Fresken, die dunklen Spiegel, die schweren Türen: All das ist nicht bloß Kulisse, sondern Mitspieler. Die Arbeiten reagieren auf die Räume, manchmal fast aggressiv. Eine rohe Metallskulptur von Peter Buggenhout steht im Entrée wie ein Fremdkörper aus einer dystopischen Zukunft. Ein paar Zimmer darüber erscheint ein zarter gläserner Tisch beinahe geisterhaft leicht. Gerade diese Spannung interessiert Van Noten. Schönheit als etwas Unruhiges. Nicht als Antwort, sondern als Frage. Gemeinsam mit Patrick Vangheluwe formulierte er es so: „Nicht eine Flucht vor der Realität, sondern eine Möglichkeit, sich ihr zu stellen.“.
Man könnte sagen: Das ist die Anti-Instagram-Version von Schönheit. Nichts hier funktioniert über schnelle Effekte. Selbst die spektakulärsten Räume verlangen Langsamkeit. Man schaut genauer hin. Bleibt stehen. Zieht den betörenden Duft ein, der über den Räumlichkeiten schwebt. Entdeckt plötzlich Details: eine winzige Stickerei, eine irritierende Oberfläche, ein Stück oxidiertes Silber, das unter venezianischem Licht beinahe lebendig wirkt. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Überraschung dieser Fondazione, die bis zur notwendigen Sanierung des Palazzos erstmal nur bis 4. Oktober geöffnet ist: Dass sie sich dem gegenwärtigen Kunstbetrieb entzieht, ohne nostalgisch zu werden. Van Noten interessiert sich weder für sterile White Cubes noch für digitale Zukunftsversprechen. Ihn interessiert das Gemachte. Das Imperfekte. Das Menschliche.
Und natürlich ist diese neue Rolle auch biografisch spannend. Jahrzehntelang galt Dries Van Noten als der große Poet der Mode — ein Designer, der Farben und Stoffe emotionaler verstand als fast alle anderen seiner Generation. Nun übersetzt er diese Sensibilität in Räume. In Atmosphären. In kuratorische Dramaturgie. Der Palazzo wird damit fast zur begehbaren Fortsetzung seiner Kollektionen. Dass ausgerechnet Venedig dafür der richtige Ort ist, versteht man sofort. Diese Stadt war immer ein Labor der Schönheit und des Verfalls zugleich. Genau deshalb funktioniert die Ausstellung hier so gut. Sie versucht nicht, die Gegenwart zu erklären. Sie erschafft stattdessen ganz neue Momente einer unglaublichen Intensität.
Um die Fondazione Dries Van Noten im Palazzo Pisani Moretta zu besichtigen, muss im Vorfeld eine Friend Card (20 Euro) erworben werben.
Details auf fondazionedriesvannoten.org.
„The Only True Protest Is Beauty“ läuft bis 4. Oktober 2026.
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