Zum 20. Jubiläum von Twiggy spricht Designer Marc Sadler über Glasfaser, Ingenieurskunst, Intuition und die Frage, warum eine Designikone nie am Reißbrett entsteht.
Als Foscarini 2006 die Leuchte Twiggy präsentierte, wirkte sie auf den ersten Blick erstaunlich einfach: ein schlanker, weit ausladender Bogen, der den Raum mit fast natürlicher Selbstverständlichkeit durchmisst. Hinter dieser Leichtigkeit steckt jedoch ein Entwicklungsprozess, der mehrere Jahre dauerte — und ein Materialverständnis, das bis heute zu den prägenden Elementen in Marc Sadlers Arbeit zählt. Als wir den Designer bei der Milan Design Week trafen, sprachen wir über die ursprüngliche Inspiration von Twiggy, weshalb viele Fachleute anfangs skeptisch reagierten und welche Weiterentwicklung ihn heute besonders interessiert.
Marc Sadler im Interview
Die Installation hier feiert Twiggy. Wie viele Jahre sind es mittlerweile?
Zwanzig Jahre — also ungefähr mein Alter.
Dann haben Sie also direkt nach der Geburt eine ikonische Leuchte entworfen?
Absolut. Ich bin mit einer Lampe auf die Welt gekommen. (lacht)
Twiggy wirkt sehr präzise konstruiert, zugleich aber leicht und fast selbstverständlich. Was war beim Entwurf zuerst da: die technische Lösung oder die visuelle Geste?
Beides. In der Installation haben wir eine Angelrute mit einem Fisch gezeigt, weil genau das der erste Gedanke war: diese Geste, diese schöne Kurve. Wir haben zunächst viel Zeit damit verbracht, die Rohre rund zu formen, um die Biegung kontrollieren zu können.
Irgendwann kam dann die Idee, mit Flexibilität zu arbeiten: das Rohr gerade zu produzieren, aber über die Anordnung der Fasern, verschiedene Fasertypen und unterschiedliche Harze die gewünschte Form zu erreichen. Das Harz kam aus England, und am Ende fanden wir die richtige Kurve und das richtige Gewicht. Aber das dauerte.
Am Anfang war das Material sehr empfindlich gegenüber Feuchtigkeit, Sonne, Wetter und Trockenheit. Manchmal stand der Stab fast senkrecht, manchmal neigte er sich zu stark zum Boden. Es brauchte einige Zeit, das zu kontrollieren. Twiggy ist ein Stück Ingenieurskunst, und zwar kein einfaches. Die Entwicklung dauerte rund drei Jahre. Wir haben sie wieder und wieder überarbeitet, bis wir die Lösung gefunden hatten.
Das ist interessant, weil Twiggy so einfach aussieht — obwohl sehr viel dahintersteckt.
Als wir fertig waren, sagten viele Menschen aus der Licht- und Produktwelt: „Marc, das wird nie funktionieren. Die Leuchte bewegt sich zu stark.“ Für uns war genau das der Vorteil. Das Material ist sehr widerstandsfähig. Es ist steif und zugleich flexibel. Wie eine Angelrute, wie eine Blume. Es hat etwas Natürliches.
Manche glaubten nicht, dass Twiggy erfolgreich sein würde. Aber ich erinnere mich an ein schönes Hotel in der Schweiz. Im Eingangsbereich hingen etwa zwanzig Twiggy-Leuchten, fast schwebend. Das war sehr schön.
Die Leuchte hat etwas Instinktives. Sie erinnert, wie Sie sagen, an eine Angelrute, wirkt aber zugleich fast im Raum aufgehängt. Wann haben Sie gemerkt, dass diese Idee das Potenzial zur Designikone hat?
Eine Ikone ist nie etwas, das man im Voraus weiß. Manchmal fragen mich Menschen, ob ich gerade an einer neuen Ikone arbeite. Aber das kann man nicht planen. Ich versuche einfach, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen.
Ich nehme Ingenieurskunst, Intuition und Kunst und schüttle alles zusammen. Es ist ein Rezept, aber es verändert sich mit der Zeit und von Unternehmen zu Unternehmen. Man arbeitet nicht für jede Firma mit denselben Werkzeugen auf dieselbe Weise.
Mit Foscarini suchten wir damals nach einer neuen Sprache, die nicht Glas war. Die Herkunft des Unternehmens liegt im Glas, in der Transparenz, in Murano. Wir trafen uns in Venedig, wo ich damals lebte. Ziel war es, ein Gefühl für Material, Transparenz und Wertigkeit zu schaffen, das nicht alltäglich war.
Das erste Produkt war die Mite Stehleuchte, bei der wir mit der Transparenz von Glasfaser spielten. Bei Twiggy ging es dann darum, mit der steifen Natur des Materials zu arbeiten, ohne ein zu technisches Produkt zu entwerfen. Die Technik ist vollständig unsichtbar. Man spricht fast nicht über sie, weil sie natürlich wirkt. Es ist wie bei einer Blume: Wenn man sie genau studiert, wird sie sehr komplex. Sie ist eine fantastische Technologie. Bei Twiggy ist es ähnlich.
Aus Twiggy ist über die Jahre eine ganze Leuchtenfamilie geworden. Wie erweitert man ein Design, ohne die Klarheit des Originals zu verlieren?
An einem bestimmten Punkt muss man Entscheidungen treffen, um das richtige Produkt zu schaffen. Der Preis ist zum Beispiel wichtig. Man will keine Leuchte entwerfen, die zehntausend Dollar kostet und sich dann nicht verkaufen lässt. Twiggy ist kein Kunstwerk, sondern Design — Industriedesign.
Das bedeutet, dass man Kompromisse eingehen muss. Wenn das System aber einmal funktioniert, eröffnet es Möglichkeiten: Man kann es größer machen, länger, aufwendiger. Kleiner ist schwierig, größer nicht unbedingt. Also haben wir mit diesem Instrument gespielt, mit dem Rezept, von dem ich gesprochen habe.
Es hätte noch mehr Möglichkeiten gegeben, aber man muss die Struktur des Unternehmens, seine Positionierung und den Markt berücksichtigen. Niemand braucht unbedingt eine zehn Meter lange Leuchte. Aber vier Meter können interessant sein. Das haben wir gemacht. Natürlich ist das ein großes Stück, aber in bestimmten Räumen funktioniert es.
Vor allem in großzügigen Räumen.
Genau.
Ihre Arbeit entsteht häufig aus dem Experimentieren mit Materialien und Produktionsprozessen. Was hat Twiggy ermöglicht, was mit einer konventionellen Leuchte nicht möglich gewesen wäre?
Die Flexibilität und die Widerstandsfähigkeit. Twiggy ist stoßfest. Selbst wenn man dagegenkommt, hält sie das aus. Dadurch kann man sie in Situationen einsetzen, die nicht konventionell sind oder sonst zu riskant wären.
Wäre dieses Objekt aus Glas, wäre es zu schwer und würde nicht funktionieren. Neue Arten, Dinge herzustellen, eröffnen neue Arten, sie einzusetzen. Wir haben zum Beispiel nur den Kopf der Leuchte für Installationen verwendet. Das haben wir in Deutschland und in New York gemacht, mit großen Arrangements, die fast wie riesige Blumen wirkten. Mit einer herkömmlichen Leuchte wäre das unmöglich.
Man sieht Twiggy auch oft über Sofas oder Tischen — Situationen, die mit einer klassischen Leuchte schwieriger wären.
Das würde man sonst nicht machen, weil man sie beschädigen könnte. Es wäre unpraktisch. Bei Twiggy ist das anders, auch über einem Tisch oder sogar in der Mitte eines Tisches.
Wenn Sie heute auf Twiggy blicken: Gibt es ein Detail, das Sie nach wie vor besonders intelligent finden? Oder etwas, das Sie heute anders angehen würden?
Twiggy ist die Arbeit vieler Menschen. Es ist nicht nur meine Arbeit. Es waren Ingenieure beteiligt, Lieferanten, Materialexperten, die Art, wie wir die Fasern eingesetzt haben. Irgendwann sagten wir: Jetzt stoppen wir. Jetzt haben wir das richtige Rezept. Ich glaube, diese Entscheidung war gut.
Ein Punkt, über den man sprechen könnte, ist die fehlende Transparenz im Licht. Daran könnte ich heute arbeiten. Ich denke, das wäre eine interessante Weiterentwicklung, weil man nicht immer Licht möchte, das nur nach oben und unten geht.
Ich vermisse auch kleinere Versionen. Wie gesagt: Sie sind schwierig zu machen. Twiggy ist in gewisser Weise eine Maschine, die eine große Geste ermöglicht. In einer kleinen Geste verliert sie etwas von ihrer Wirkung. Deshalb hatten wir Respekt davor, sie kleiner zu machen.
Twiggy ist nun zwanzig Jahre alt. Wo sehen Sie die Leuchte in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren? Gibt es eine Richtung, in die Sie sie noch weiterentwickeln möchten?
Wie gesagt, ich würde gern an der Transparenz des Leuchtenkopfs arbeiten. Der Kopf war damals eher konventionell, weil wir fanden, dass die Geste selbst schon sehr stark war. Wir wollten an dieser Stelle etwas Vertrauteres, fast etwas Klassisches.
Heute würde ich stärker mit Transparenz arbeiten und die Wirkung dieses Materials noch mehr nutzen. Es ist fantastisch. Es besitzt eine eigene Intelligenz. Damals haben wir das verborgen, weil es zu viel gewesen wäre. Aber ich glaube, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt dafür.
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