Pailletten, Pop und Provokation: Ashley Hans Scheirl sprengt Kunst- und Identitätsgrenzen. Ab September ist jetzt eine große Werkschau in Wien zu sehen.
So kunterbunt und lustig ging es im österreichischen Pavillon schon lange nicht mehr zu. Als Ashley Hans Scheirl und ihre Partnerin Jakob Lena Knebl vor nunmehr drei Jahren den modernistischen Josef Hoffmann-Bau auf der Biennale von Venedig bespielten, tauchte man in eine plüschige Popwelt wie aus den 1970ern ein: Da öffnete sich ein aufgerissener Mund vor einer grün-gewellten Fototapete, dort schoss ein flauschiger Panzer Pillen durch den Raum, Fantasy-Figuren tanzten, und die Farbe schien von den Wänden zu rinnen. Ein Gute-Laune-Pavillon, dessen Stimmung sich sofort auf die Besucher übertrug — allerdings einer mit doppeltem Boden.
„Humor ist wichtig“, sagt Ashley Hans Scheirl drei Jahre später an einem sonnigen Mainachmittag vor ihrem Atelier im 20. Wiener Gemeindebezirk. Die Künstlerin trägt eine mit Farbflecken übersäte grüne Hose, dazu violette Wollsocken und hellblaue Sneakers. Darüber ein Rolli und Cardigan in Türkis, eine orange Baseball-Kappe und – als sei es der Farb- und Musterexplosionen nicht genug – einen wild gestreiften Mantel. Bald wird Scheirl 70 Jahre alt; aus diesem Anlass richtet das Wiener Belvedere der österreichischen Künstlerin im Herbst eine große Einzelausstellung aus. Es ist die erste wirklich gewichtige Ausstellung Scheirls in ihrer Heimatstadt, auch wenn das kaum zu glauben ist. In den vergangenen Jahren setzte die Künstlerin nämlich zu einem internationalen Höhenflug an, mit der Teilnahme an der Documenta in Kassel und Athen in Hannover und (gemeinsam mit Jakob Lena Knebl) der Biennale in Lyon, mit Ausstellungen im Kunsthaus Bregenz, dem Pariser Palais de Tokyo oder in den Hamburger Deichtorhallen/Sammlung Falckenberg. Nur Wien fehlte auf der Kunst-Landkarte, jener Ort also, an dem Scheirl ihre (begehbare) Malerei und ihre Installationen maßgeblich entwickelte. Warum das so ist? Scheirl zuckt mit den Achseln, eine Antwort hat auch sie nicht parat.
Von Dandy Dust zur Malerei
Wahrscheinlich war die Zeit noch nicht reif für eine lange nur schwer einzuordnende Künstlerin, die in der Londoner Subkultur sozialisiert wurde, in der queeren und transgender Kunstszene aber schon länger Kult-Status genießt. Dafür ist vor allem ein Film verantwortlich, den Scheirl über mehrere Jahre hinweg in einer Factory in London drehte und der die Geschichte einer Cyborgfigur mit multipler Persönlichkeit erzählt, die sich auf eine Zeitreise begibt. „Dandy Dust“ (1998) ist ein einziger psychedelischer Farbrausch, ein Splatter-Cyberpunk-Manifesto, das die Grenzen zwischen Identitäten, Geschlechtern und Genres verfließen lässt. „Wenn man so will, ist das mein Thema“, sagt Scheirl und blinzelt in die Sonne.
Setzte die Künstlerin bei ihren Grenzüberschreitungen in den ersten Schaffens-Jahrzehnten vor allem auf das Medium Film, so ist es seit den Nullerjahren und ihrer Rückkehr nach Wien Mitte die Malerei: „Ich bin ausgebildete Restauratorin, ich beherrsche das Handwerk“, sagt Scheirl, die auch länger die Assistentin der großen österreichischen Malerin Maria Lassnig war. Und: „Im Film ist man von so vielen Menschen abhängig; ich arbeite mittlerweile lieber mit einigen wenigen zusammen.“ Seit mehreren Jahren schon ist das in erster Linie Jakob Lena Knebl, mit der Scheirl nicht nur eine Kunst- sondern auch eine Lebensgemeinschaft bildet. „Ich habe unter anderem von ihr gelernt, gesellschaftlich größer zu denken, zum Beispiel Klasse mitzubedenken, und vor Inszenierungen keine Scheu zu haben.“
Eine Werkschau im Wiener Belvedere
Knebl hat ihre Wurzeln in Mode und Design und eine große Affinität zu Inszenierungen, die manchmal alle Maßstäbe sprengen – zum Beispiel, als das Duo den Wiener Rathausturm mit den (roten) Silhouetten der Künstlerinnen verhüllte. Genauso wichtig ist es Scheirl aber auch, alleine zu arbeiten – so wie jetzt für die Ausstellung im Belvedere 21, die zwar einen Bogen von den 1970ern bis zur Gegenwart spannt, die Scheirl aber nicht als Retrospektive, sondern als Werkschau sehen will: „Mein Werk zeichnet genauso wie mein Leben eine große Offenheit aus; seine Grundbewegung ist die Überschreitung, das Pendeln, das Changieren, Verschieben, Übersetzen, Tänzeln.“ Geboren ist Ashley Hans Scheirl 1956 in Salzburg als Angela Scheirl, zwischen ihrem 40ten und 60ten Lebensjahr trat Scheirl aber unter dem Vornamen Hans und mit einer männlichen Identität auf, bevor sie bzw. er sich entschied, wieder das weibliche Pronomen anzunehmen und den sowohl weiblich als auch männlich zu lesenden Vornamen „Ashley“ annahm. „Ich habe mich nie als transsexuell gesehen“, erklärt die Künstlerin: „Es ging mir darum, mit meiner Identität zu spielen.“ Und weiter: „Ich habe mich, wie ich Hans hieß, nicht wirklich als Mann gesehen, und ich sehe mich heute auch nicht als Frau.“
Eindeutig mehrdeutig
Uneindeutigkeit ist ein Zentralbegriff im Schaffen Scheirls. Als Malerin zelebriert sie das Spiel mit mehrdeutigen Symbolen, sie zieht Verbindungslinien vom Intimen zum Sozialen, zwischen Privatem und Politischem. Vieles ist sexuell aufgeladen, ohne allerdings plump zu wirken, und in seiner Poppigkeit in der Regel sehr eingängig. „Humor und Satire machen Dinge verdaubarer“, so die Künstlerin auf der sonnenbeschienenen Bank vor ihrem Wiener Atelier. „Vieles, das man sonst nicht zeigen könnte, kann man dadurch thematisieren“, sagt sie und schaut auf die Uhr. Es ist spät geworden, und für die Ausstellung im September fehlen noch einige Werke. „Ich gehe dann wieder an die Arbeit“, sagt Scheirl und verschwindet im Atelier.
Die große Werkschau von Ashley Hans Scheirl in Wien
Wo: Im Belvedere 21
Wann: 19.09.2025 – 18.01.2026
belvedere.at
Nichts mehr verpassen – wir halten Sie auf dem Laufenden!
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.
Arts & Culture — Jänner 2026
Art Basel Qatar 2026
Doha wird zur neuen Adresse der globalen Kunstelite
Arts & Culture — Dezember 2025
Oulu wird European Capital of Culture 2026
Kulturhauptstadt zwischen Natur und Innovation
Arts & Culture — Dezember 2025
MAK Wien zeigt Helmut Lang
Zwischen Mode, Kunst und Kultur
Arts & Culture — Dezember 2025
Die Kuratorinnen der Helmut Lang Ausstellung im Gespräch
Marlies Wirth und Lara Steinhäußer über die Retrospektive im MAK Wien
Arts & Culture — November 2025
Global Champs
Wo Wettkampf auf Glamour trifft
Arts & Culture — November 2025
The Art of Provocation
David Černý im Porträt