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Murano ist längst mehr als Heimat virtuoser Glasobjekte. Zwischen Öfen, Kunstinstitutionen und Designstudios entsteht eine neue Materialkultur, in der Glas zum Medium von Architektur, Atmosphäre und Luxus wird. 

Kurz nach sechs Uhr morgens beginnt Murano zu glühen: Die ersten Öfen werden befeuert, Metallstangen schlagen gegen Werkbänke, und flüssiges Glas bewegt sich wie zäher Honig durch die Hitze. Für wenige Sekunden ist das Material vollkommen weich, instabil und beinahe lebendig. Danach entscheidet jede Bewegung über Form oder Kollaps.

Vom Kunsthandwerk zur Gestaltungssprache

Wer heute durch die Werkstätten der Laguneninsel geht, versteht schnell: Hier entstehen nicht mehr nur Vasen, Kronleuchter oder andere dekorative Luxusobjekte. Glas wird zur Sprache von Architektur, Licht, Raum und Atmosphäre. Genau darin liegt seine neue kulturelle Relevanz. Denn während Design und Architektur zunehmend immaterieller werden, wirkt Glas beinahe radikal physisch. Es speichert Berührung, Temperatur, Geschwindigkeit und Fehler. Jede Blase, jede minimale Unregelmäßigkeit erzählt von einem realen Moment menschlicher Arbeit.

In Glas wird jeder Atemzug, der in es geblasen wird, zu etwas Dauerhaftem“, sagt der Künstler Lorenzo Passi. Jeder Hauch bleibt sichtbar. Auch für Dale Chihuly ist Murano ein Ursprungspunkt: 1968 lernte er bei Venini jene arbeitsteilige Glasbläserkunst kennen, die seine monumentalen Installationen später möglich machte. Kürzlich kehrte er, drei Jahrzehnte nach seinem Projekt Chihuly Over Venice“, mit neuen Glasarbeiten an den Canal Grande zurück.

Insel der Geheimnisse

Murano war nie nur dekoratives Kunsthandwerk. Als die Republik Venedig im Jahr 1291 aus Brandschutzgründen sämtliche Glasöfen auf die kleine Insel verlegte, entstand gleichzeitig eines der bestgehüteten Wissenssysteme Europas. Techniken wie Murrine, Filigrana oder Sommerso wurden über Generationen hinweg innerhalb weniger Familien weitergegeben und oft wie Staatsgeheimnisse behandelt.

Doch die eigentliche kulturelle Transformation begann im 20. Jahrhundert. Architekten und Designer der Moderne entdeckten Glas als Material der Zukunft: transparent, lichtdurchlässig, ätherisch. Carlo Scarpa, zunächst bei Cappellini, später als Artistic Director bei Venini, verwandelte Murano in ein Labor moderner Formensprache. Parallel dazu entwickelte Gio Ponti mit dem Mailänder Unternehmen FontanaArte die Vision eines Hauses aus Glas“. 

Morgens um sechs Uhr

Das 2018 von Edoardo Pandolfo und Francesco Palù gegründete Studio 6:AM zählt zu den spannendsten Protagonisten der neuen Murano-Bewegung. Der Name verweist auf die Glasmeister, die morgens um sechs Uhr ihre Öfen entzünden. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Architektur, Installation und Collectible Design, oft in monumentalen Maßstäben. Bei der Milan Design Week 2026 verwandelte 6:AM die Piscina Romano in eine immersive Glaslandschaft aus transluzenten Würfeln, Licht und Sound. Die Installation Over and Over and Over and Over“ verstand Wiederholung nicht als indus­trielle Reproduktion, sondern als poetischen Prozess: Fehler, Abweichungen und minimale Unterschiede wurden Teil der Gestaltung selbst. Für uns ist Wiederholung nicht gleichbedeutend mit Nachahmung. Es geht darum, eine Sprache zu entwickeln“, beschreibt das Studio seine Herangehensweise.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die Verschiebung des Maßstabs. Glas wird nicht mehr als Objekt, sondern als räumliche Erfahrung gedacht, als atmosphärisches Material für Architektur, Hospitality und Inszenierung. Auch WonderGlass arbeitet genau an dieser Schnittstelle. In Zusammenarbeit mit Formafantasma entstand mit Graft“ ein hybrides Objekt aus einer Stahlstruktur und handgefertigten Glasblumen, das sich irgendwo zwischen Skulptur, Möbel und architektonischer Installation bewegt. Zerbrechlichkeit ist keine Schwäche des Objekts. Sie ist sein Argument“, beschreibt WonderGlass die Arbeit.

Pa­rallel dazu hat Adriano Berengos Initiative Glasstress“ – seit 2009 offizielles Biennale-Parallelprojekt – Murano früh als Plattform für zeitgenössische Kunst etabliert und den Dialog zwischen in­ternationalen Künstlern und venezianischem Handwerk entscheidend geprägt. Die zentrale Frage lautet längst nicht mehr: Was ist Glas? Sondern: Welche Atmosphäre erzeugt es?

Poeten des Materials

Während Studios wie 6:AM Glas in den Raum überführen, beschäftigen sich Künstler wie Jean-Michel Othoniel, Fabrizio Plessi und Lorenzo Passi mit dessen emotionaler und philosophischer Dimension. Othoniel arbeitet seit den frühen 1990ern mit Muranoglas. Für den Wahl-Venezianer Plessi war seine aktuelle Ausstellung Perdersi in un bicchier d’acqua“ (Sich in einem Glas Wasser verlieren) eine Premiere mit dem Material aus seiner Heimat. 

Passi begann seine Ausbildung an den Murano-Öfen von Archimede Seguso und Oscar Zanetti. Seine Arbeiten verbinden geblasenes Glas mit Eisen, Holz oder gefundenen Materialien – fragile Gebilde zwischen Schönheit und Zerfall. Murano ist nicht einfach ein Produktionszentrum oder ein Symbol des Luxus, sondern ein fragiles Ökosystem aus menschlichem Wissen, aus Opfer, Erinnerung und Weitergabe“, sagt er. Gerade diese Fragilität wird zur eigentlichen Qualität. Passis Objekte verweigern jede makellose Luxusästhetik. Sichtbare Spuren der Herstellung, Imperfektion und Materialspannung bleiben bewusst erhalten. Glas erscheint hier nicht als perfektes Designobjekt, sondern als Träger von Zeit, Widerstand und Verletzlichkeit. Auch Künstlerinnen wie Ritsue Mishima oder Michela Cattai bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Handwerk, Kunst und räumlicher Inszenierung und erweitern Muranos Rolle damit weit über die hiesige Tradition hinaus.

Zerbrechliche Zukunft

Und dennoch steht Murano gleichzeitig unter massivem Druck. Die Energiekrise brachte das System im Jahr 2022 beinahe zum Stillstand. Zeitweise standen rund 80 Prozent der Öfen still, und die Gaspreise stiegen um bis zu 1.200 Prozent. Innerhalb von drei Jahrzehnten sank die Zahl der aktiven Glasunternehmen von 266 auf nur noch 60 bis 70 Betriebe. Hinzu kommt das Verschwinden des handwerklichen Know-hows. Die Arbeit in den Öfen ist körperlich extrem anstrengend, die Ausbildung dauert Jahre, und die Temperaturen erreichen im Sommer bis zu fünfzig Grad. Gleichzeitig wächst international die kulturelle Nachfrage nach genau diesem Handwerk.

Das Paradoxon könnte kaum größer sein: Je relevanter Murano kulturell wird, desto fragiler wird seine reale Grundlage. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Dringlichkeit. Denn wenn auf Murano ein Ofen erlischt, dann verschwindet nicht nur eine Produktionsstätte. Es geht auch ein Wissen verloren, das sich nie vollständig archivieren, digitalisieren oder künstlich reproduzieren lässt.

Die Insel

Murano gilt seit dem 13. Jahrhundert als Zentrum venezianischer Glaskunst. Im Jahr 1291 verlegte die Republik Venedig sämtliche Glasöfen auf die Insel – offiziell aus Brandschutzgründen, tatsächlich aber auch, um das wertvolle Produktionswissen zu schützen.

Die Techniken

Zu den wichtigsten Murano-Techniken zählen Murrine, Filigrana, Sommerso und Pulegoso. Viele davon werden bis heute ausschließlich durch direkten Wissenstransfer innerhalb der Werkstätten vermittelt.

Die Krise

Während der Energiekrise 2022 standen zeitweise rund 80 Prozent der Öfen still. Die Zahl aktiver Betriebe sank innerhalb von drei Jahrzehnten drastisch.

Die Renaissance

Gleichzeitig erlebt Glas international eine Renaissance als Medium für Kunst, Architektur, Lichtgestaltung und räumliche Atmosphäre. Studios wie 6:AM oder WonderGlass treiben diese Entwicklung maßgeblich voran.

Venice Glass Week

Die Venice Glass Week findet 2026 zum zehnten Mal statt – vom 12. bis zum 20. September 2026 – und steht unter dem Motto 1.000 Years of Venetian Glass“.


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