Ob Brokatjacke in der Lobby oder reduzierte Workwear in der Küche – Uniformen sind längst Teil der Markeninszenierung moderner Hotels und Restaurants. Luxus zeigt sich heute nicht mehr nur im Interieur, sondern auch im Team, das ihn präsentiert. Eine Reise durch die neue Uniformkultur: von Couture-Glamour bis zu radikal reduzierten Entwürfen.
Lange galten Uniformen als reine Pflicht: Sie waren funktional, standardisiert und austauschbar. Heute erzählen sie Geschichten. In Hotels und Restaurants weltweit wird Kleidung zur Visitenkarte – nicht als Accessoire, sondern als sichtbarer Marken-Code. Luxus zeigt sich nicht mehr nur im Interieur oder auf dem Teller, sondern in den Menschen, die ihn verkörpern. Ein gut durchdachtes Work-Outfit bewegt sich wie ein leises Statement durch den Raum. Es verbindet Funktion mit Haltung, Material mit Atmosphäre und Identität mit Alltag, ist Teil der Inszenierung und zugleich deren Fundament.
Zwischen Couture-Glamour und konstruktiver Reduktion spannt sich eine neue Uniformkultur auf. Auf der einen Seite stehen Brokat, Art-déco-Referenzen und große modische Gesten. Auf der anderen Seite: Designer, die Arbeitskleidung beinahe architektonisch denken – in Proportionen, Langlebigkeit und Materialbewusstsein. Manchmal beginnt diese Zukunft ganz unspektakulär mit Deadstock-Baumwolle und einem „Tetris-Prinzip“, das aus begrenzten Ressourcen ein präzises System formt. Eine der klarsten Stimmen in diesem Bereich ist die in Wien lebende Designerin Elizaveta Fateeva.
Die heimliche Architektin der Work-Uniform
Elizaveta Fateeva spricht von Uniformen nicht als Modeerscheinung, sondern als Zustand. Als Form von Zugehörigkeit. Als Möglichkeit, Bestandteil eines Ganzen zu werden, ohne sich selbst zu verlieren. In Russland geboren, in Riga aufgewachsen und seit ihrer Jugend in Wien zu Hause, lernte sie früh, dass Kleidung mehr über Ressourcen als über Trends aussagt. Sie studierte Modedesign an der Universität für angewandte Kunst Wien, arbeitete im Studio von Raf Simons in Antwerpen und später an der Seite von Pieter Mulier – erst bei Jil Sander in Mailand, dann als Head Designer für Herrenschuhe bei Lanvin in Paris. Große Häuser, internationale Laufbahnen, präzise Codes.
Und doch ist ihre eigene Haltung eine leise geblieben. Als Spross einer Künstlerfamilie ohne finanzielle Privilegien war Material für sie nie selbstverständlich. „In gewisser Weise waren wir alle gleich angezogen“, erinnert sie sich. Damals bedeutete Uniform Gleichheit. Heute steht sie für eine bewusst gestaltete Identität – ohne viel Aufhebens. 2017 gründete sie ihr Label Fateeva. Charakteristisch für ihre Arbeit ist die Verwendung von Überproduktionsmaterialien, sogenannten „Leftover Fabrics“, die sie als Schätze betrachtet. Viele dieser Stoffe stammen aus einer Zeit, in der die Qualität der Fasern und die Verarbeitung auf einem Niveau lagen, das heute selten geworden ist.
„Identität entsteht für mich durch Schnitt, Proportion, Material und Verarbeitung – nicht durch Logos.” – Elizaveta Fateeva
Ihr Entwurfsprozess folgt einem Prinzip, das sie halb ironisch „Tetris“ nennt: begrenzte Stoffmengen, keine Nachbestellungen, und jedes Schnittteil wird selbst zugeschnitten. Während in industriellen Produktionsketten bis zu 40 Prozent des Materials verloren gehen, wird hier die Begrenzung zur gestalterischen Präzision. Kein Zufall ist, dass sie sich der Gastronomie zuwandte. Zwölf Jahre arbeitete sie selbst im Service. Sie kennt den Rhythmus einer Schicht, die Hitze in der Küche und die Dauer eines Abends.
Ihre Entwürfe sind reduziert, zeitlos und selbstverständlich. Keine modischen Eskapaden, keine saisonalen Statements. Es geht um Langlebigkeit statt Effekt. Vielleicht liegt der eigentliche Luxus genau darin: nicht im Glanz, sondern in der Dauer. Für das Wiener Restaurant Mochi hat sie japanisch inspirierte Workwear für Küche und Service entworfen: reduzierte Schnitte, dunkle Baumwolle, präzise Details. Die unterschiedlichen Deadstock-Stoffe gleicher Farbwelt sind so kombiniert, dass sie als Einheit wirken. Hier entsteht Identität nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch fein austarierte Unterschiede.
Couture in der Lobby
In London tragen Hotelportiere Brokatjacken, die genauso aufwendig gearbeitet sind wie die Abendgarderobe der Gäste. Für The Peninsula London entwarf Jenny Packham erstmals eine vollständige Hotelgarderobe, zu der auch ihre erste Menswear-Kollektion gehört. Britische Textilien, asiatische Einflüsse und Postwar-Glamour treffen aufeinander. Die Uniform wird zur Bühne, zum aktiven Element der Inszenierung.
Am Ufer der Seine wirkt es entspannter. Guillaume Henry von Patou entwickelte für SO/ Paris eine Garderobe, die mit Hierarchien bricht: Strick, Denim, Sneaker. Funktion vor Rangabzeichen. Die Looks erinnern an einen Pariser Filmstill: lebendig, zugänglich, modern.
Und dann Bangkok: Farben, Muster und florale Elemente. Im Designhotel SO/ Bangkok verschmelzen thailändische Silhouetten mit der Handschrift von Christian Lacroix. Von den fünf Elementen inspiriert, entstehen theatralische, ornamentierte Looks. Hier ist das Team nicht nur Teil der Bühne, sondern ihr sichtbarstes Ausdrucksmittel. Zwischen diesen Polen bewegt sich die neue Uniformkultur. Sie kann glänzen oder patinieren. Entscheidend ist nicht der Stil, sondern die Haltung.
Maßgeschneidert mit System
Während Couture-Häuser große Bilder erzeugen, arbeiten andere Studios an maßgeschneiderten Systemen. Bei NO Uniform steht die Übersetzung von Marken im Mittelpunkt: „You are dressing the brand, not individuals.“ Uniform wird zur strategischen Verlängerung der Marken-DNA. Auch The Uniform Studio denkt in Kollektionen statt in Einzelteilen. Unterschiedliche Funktionen, ein gemeinsamer visueller Code. „New Luxury“ bedeutet hier Subtilität – selbst die Security soll nicht wie Security aussehen. Die AKOG Hotel Group, die aus dem Umfeld von A Kind of Guise hervorgegangen ist, entwickelt maßgeschneiderte Produktwelten für Häuser wie die „Villa Arnica“ oder das „Parkhotel Mondschein“. Von Barschürzen bis zu Badetextilien wird alles lokal gefertigt. Die Uniformen werden Teil eines kuratierten Gesamtsystems.
The Quiet Radicals
Parallel dazu wächst eine leisere Bewegung. Am Mühltalhof wird Uniformität nach dem Prinzip „form follows function“ gelebt: Material dient als Träger von Herkunft, Nachhaltigkeit ist eine Selbstverständlichkeit. Hier schließt sich der Kreis zu Fateeva. Auch sie sieht die Zukunft ruhiger, flexibler und selbstverständlicher. Weniger Branding, mehr Wertschätzung. Zwischen System und Sensibilität, zwischen Couture und Konstruktion entsteht ein neues Gleichgewicht.
Ein Code, der bleibt
Uniformen sind ein Statement in Bewegung. Sie strukturieren Räume, vermitteln Nähe oder Distanz. Ob Glamour in London, cineastische Lässigkeit in Paris oder stille Präzision in Wien: Hospitality wird längst modisch gelesen. Gäste erkennen Qualität und merken, wenn sie fehlt. Für Designerinnen wie Elizaveta Fateeva liegt echter Luxus nicht im Effekt, sondern in der Dauer. Nicht das lauteste Statement gewinnt, sondern das beständigste. Die wahre Luxusuniform von morgen ist nicht die mit dem größten Logo – sondern jene, die man in zehn Jahren noch tragen will.
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