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Künstliche Intelligenz stellt unseren Kunstbegriff auf den Kopf: Was früher das zufällige Genie großer Meister wie Michelangelo und Beethoven war, sind heute riesige Rechner mit einem programmierten Hang zum Kreativen.

Es sind die Kreativität und die Individualität, die unser Dasein ausmachen. Es ist die Kunst, die den Menschen vom Tier unterschei­det, die unserem Schaffen einen Sinn gibt und unsere Einzigartigkeit auf diesem Planeten ausmacht. Niemand sonst ist dazu imstande. Oder etwa doch? Die künstliche Intelligenz (KI) straft diese Annahmen Lüge. Der Begriff KI ist seit Langem kein Fremdwort mehr. Sie hat längst unseren Alltag erobert, wir finden sie in Küchengeräten, Staubsaugern, Handys und Autos. Und wer nun denkt, die KI sei auch nur so intelligent wie das menschliche Gehirn, das sie her­vorgebracht hat, irrt. In vielen Dingen ist sie uns voraus. Wenn Computer über Schachweltmeister trium­­phieren, Autos lenken, ­unsere ­Gefühlslage erkennen und mit uns kommunizieren, wird die Überlegenheit des Menschen relativiert. Warum sollte es sich in der Kunst anders verhalten? Es war letztlich nur eine Frage der Zeit, bis die KI auch in die Welt der Kulturschaffenden eindringt und versucht, sich ihren Platz zu erkämpfen. Sie ist quasi die Nachfahrin von Picasso, Schubert und Co. Jedoch mit einem wesentlichen Manko: Maschinen können lernen und Schlüsse ziehen, aber nicht selbstständig Emotion schaffen.

Maschinen lernen und konstruieren, schaffen aber keine Emotion.”

Mehr als ein Spaß

Es war der Digitalriese Google, der den Menschen nicht nur einen ­Zeitvertreib, sondern ein wenig mehr Talent beim Malen verschaffen wollte, als er das ­Programm AutoDraw erschuf. ­Darin werden Anfänger in der Kunst des Zeichnens unterstützt. Denn die dahin­terstehende KI verwandelt laienhafte Kritzeleien in echte Bilder – von der Blume bis zum Socken. Die Ergebnisse erinnern an ein Comic, und es gibt sicherlich bahnbrechendere Erfindungen, doch es zeigt bereits, was im Kleinen alles möglich ist. Mehr Spaß als ernst zu nehmende Kunst bietet auch die App Wombo Dream, die basierend auf einer Texteingabe von maximal 100 Zeichen ein passendes Bild generiert. 

Die Ergeb­nisse können sich sehen lassen und sorgen jedes Mal aufs Neue für eine Überraschung. Weit mehr Aufsehen hat 2018 wohl ein KI-Gemälde der Künstlergruppe Obvious Art erregt, als es im Auktionshaus Christie’s für 432.500 US-Dollar den Besitzer wechselte. Das Besondere daran: Ursprünglich wurde das Werk namens Edmond de Belamy“ von den Experten auf 10.000 US Dollar geschätzt. Kritiker werden anmerken, dass ein hoher Sachwert noch kein Beleg für echte Kunst ist, und sie mögen damit auch recht haben. Dass KI-Kunst im Mainstream angekommen und somit ein Teil unserer Gesellschaft geworden ist, belegt diese durchaus einzigartige Versteigerung aber allemal.

Massentauglich war auch die Modekollektion des schwedischen Labels Acne Studios, das gemeinsam mit dem ­KI-Künstler Ronan Barrot einige Jahre lang seine Designs entwickelt hat. Ein neuronales Netzwerk sorgte dabei dafür, neue Muster und Bilder zu entwerfen, die dann auf die Kleidungsstücke gedruckt wurden. Auch der heurige MWC, der Mobile World Congress, der in Barcelona über die Bühne ging, setzte für seine Besucher auf KI-Kunstwerke und zeigte somit die Relevanz dieser Kunstrichtung für die Gesellschaft. So präsentierte der Medienkünstler Refik Anadol, der vor ­allem für seine KI-Kunst bekannt geworden ist, auf der Veranstaltung digi­tale Datenskulpturen, die für farben­frohe Effekte sorgten. Publikumsmagnet aber war sicherlich jene KI, die dank ihrer Algorithmen Hasskommentare, die in sozialen Medien leider immer präsenter werden, auf einem gewaltigen Screen sichtbar werden ließ. Unter dem Motto #Unhate wurden diese giftigen Postings dann als ein visuelles und akustisches Element dargestellt. 

Und auch die klassische Kunstszene wird von KI revolutioniert. Prominentes Beispiel: Die sogenannten Fakultätsbilder“ von Gustav Klimt, die damals einen Skandal auslösten und deswegen nicht in der Uni aufgehängt wurden. Später sind sie in einem Depot verbrannt. Und genau diese verloren gegangenen Kunstwerke des berühmten österreichischen Malers können nun wieder in Farbe erlebt werden. Möglich machen das ein Expertenteam des Belvedere und die Rechenpower des Tech-Giganten Google.

Endlich vollendet

Künstliche Intelligenz ist aber nicht nur imstande, zu malen oder Worte in Bilder zu verwandeln. Auch die ­Musikindus­trie hat die KI längst für sich entdeckt. ­Einer, der beides kann, ist beispielsweise Ai-Da, der erste ultrarealistische Roboterkünstler der Welt. Eigentlich müsste man in der weiblichen Form sprechen, Ai-Da ist nämlich eine Roboterfrau, quasi eine Androidin, die mit ihren Werken bereits eine eigene Ausstellung hatte. In Summe sollen ihre Zeichnungen und Bilder bereits mehr als eine Million Pfund eingebracht haben. Ai-Da ­wurde von der Universität Oxford entwickelt und kann mithilfe der KI nicht nur Zeichnungen und Gemälde anfertigen, sie kann auch musikalische Projekte umsetzen. 

Nicht aus der Feder von ­Ai-Da, dafür aber von den Technikern des Handyherstellers Huawei stammt eines der bekanntesten Musikstücke aus der Geschichte der KI-Komponisten. Es war das Jahr 2021, als eine KI von Huawei Beethovens 10. Sinfonie, die Unvollendete“, vollende­te. Anlass war der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. Zwei Sätze wurden auf einem Handy des Herstellers berechnet und dann dem Publikum präsentiert. Dafür wurden zahlreiche Skizzen, Sinfonien und Partituren in Maschinensprache aufbereitet und anschließend über Algorithmen analysiert und neu zusammengesetzt. Es gibt aber auch zahlreiche praxisnahe Beispiele für den Einsatz der KI in der Musikszene: So macht Amper Music beispielsweise das Komponieren auf Knopfdruck möglich. Der Nutzer gibt an, welchen Stil er sich wünscht, welche Länge das Stück haben und in welcher Stimmung der Song sein soll – und die KI erledigt den Rest. Vor allem junge Künstler sollen davon profitieren. Ein erfolgreiches Beispiel ist die amerikanische Sängerin Taryn Southern: Sie erstellte ein Album mit Amper. Ein Song daraus, Daddy’s Car“, wurde bereits in der ersten Woche 400.000-mal heruntergeladen. 

Eine KI kann Musik aber auch in Echtzeit generieren und sich so auf die Situation der Menschen einstellen. Die Firma ­Melodrive arbeitet mit Kunstinstallationen, bei denen die Musik auf die Bewegungen der Besucher reagiert. Flexibler geht es kaum, und die Einsatzmöglichkeiten sind schier unendlich – von Shopping Malls bis zu Videospielen. Kein Wunder also, dass Künstler die Entwicklung nicht nur ­positiv betrachten. Es war die kanadische Musikerin Grimes, die ebenso nüchtern wie visionär feststellte: Ich habe das Gefühl, dass wir uns am Ende der Kunst befinden, der menschlichen Kunst. Sobald es tatsächlich AGI (Artificial General Intelligence) gibt, werden sie so viel besser darin sein, Kunst zu machen als wir.“

Kein Wunder, dass Künstler die Entwicklung nicht nur ­positiv betrachten.

Wirre Worte

Wem ebenfalls bereits erste Schweißperlen auf der Stirn stehen dürften, das sind die Vertreter der schreibenden Zunft. Während sich Journalisten bereits daran gewöhnt haben, dass Börsenberichte oder Sportergebnisse von einer KI verfasst und veröffentlicht werden, ist die Entwicklung für Buchautoren und Dichter noch relativ neu. Aber auch hier setzt sich die KI immer mehr durch, und der Unterschied zwischen menschlichem Schaffen und künstlichem Werken wird immer schwerer zu erkennen sein. Schon 2018 schickte die Wiener Agentur ­Tunnel23 ein Gedicht an die Brentano-Gesellschaft, ohne zu erwähnen, wer der Verfasser des Werks ist. Das Gedicht wurde in den renommierten Jahresband Frankfurter Bibliothek“ aufgenommen. Geistiger Eigentümer der Zeilen war und ist jedoch kein Mensch, sondern eine KI. Zusammengebaut hat sich die KI die Zeilen mithilfe eines Algorithmus, der mit Werken von Goethe und Schiller gespeist wurde. Die KI hat daraufhin Vokabular, Semantik und Rhythmik der Texte gelernt und kreierte einige Wochen später das gelobte Werk. Aber nicht nur Reime wurden produziert. Eine Firma namens Botnik fütterte 2017 eine KI mit allen Bänden von Harry Potter“ und stellte dem Computer die Aufgabe, einen Roman im Stil von J. K. Rowling zu verfassen. Die Arbeit wurde vollendet, das Resultat aber war eher bescheiden. Der Titel des Bandes ließ bereits aufhorchen: Harry Potter und das Porträt von etwas, das aussah wie ein großer Aschehaufen“. Hier finden sich auch die aktuell größten Probleme – während der Stil und die Sprache gut umgesetzt werden können, bleibt der Inhalt großteils auf der Strecke. Fortschrittlicher ist das Projekt GPT3, das Elon Musk, der Gründer von Tesla, und Microsoft finanziert haben. Millionen von Texten wurden der KI aus dem Internet eingespielt, kreiert werden Kurzgeschichten, Essays und sogar technische Handbücher. GPT3 ist aber auch der fortschrittlichste Sprachgenerator der Welt. Mit ihm lassen sich ­gesprochene Befehle in diversen Computerprogrammen umsetzen. 

KI schreibt Harry Potter neu: Die Arbeit wurde vollendet — das Ergebnis war eher bescheiden.

Künstliche Intelligenz hat sich längst in der Gesellschaft und in der Kunst etabliert. Eine Frage, die im Raum stehen bleibt und wahrscheinlich noch viel Diskussionsstoff liefern wird, ist eine philosophische, denn wir werden uns irgendwann über die Wertigkeit solcher Kunstwerke einig werden müssen: Warum sollte Kunst weniger wertvoll sein, wenn sie von einer Maschine erschaffen wurde? Oder braucht es nicht doch die Emotion, die bis dato nur der menschliche Künstler liefert?

Eine KI ist natürlich nur so klug wie ihr Programmierer.

Wie funktioniert KI?

Mittels künstlicher Intelligenz – KI oder auch Artificial Intelligence – wird versucht, die menschliche Wahrnehmung und das menschliche Handeln durch eine Maschine nachzubilden. Voraussetzung für eine KI ist, Aufgaben in komplexen Umgebungen auszuführen, ohne Anleitung durch einen Menschen. Dieses Verhalten wird mithilfe der Informatik und Mathematik simuliert. Die Computer werden mit riesigen Datenmengen gefüttert, die dann so weit verarbeitet werden, dass sie darin ein Muster erkennen können. Für diesen Lernprozess bedarf es eines Algorithmus, also einer detaillierten und systematischen Handlungsanweisung, die angibt, wie ein mathematisches Problem gelöst werden kann. Dieser Algorithmus wird vom Menschen definiert, und die KI kann mit dessen Hilfe alle vorgegebenen Faktoren in allen möglichen Varianten verknüpfen. Das ergibt unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten. Die KI geht die Konsequenzen ihrer Handlungen durch, und der Algorithmus berechnet die Antwort, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit die richtige ist. Insofern ist eine KI natürlich nur so klug wie ihr Programmierer, und letztlich kann er auch als Urheber jener Kunstwerke gelten, die durch eine KI erschaffen wurden. 

Die Einsatzmöglichkeiten von KI sind vielfältig — von Deepfake-Videos, mit deren Hilfe verstorbene Opfer ihre Verbrecher selbst suchen, bis zu KI-Mode ist fast alles möglich.

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