Mit Elie Saab holt H&M eine der konsequentesten Glamour-Handschriften der internationalen Mode auf die High Street. Bei der Zusammenarbeit treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum funktionieren könnten: Couture lebt von Zeit, Handwerk und Exklusivität, H&M von Reichweite und Skalierung. Am 22. Oktober zeigt sich, wie diese auf den ersten Blick konträre Symbiose funktioniert.
Es gibt Modehäuser, deren Handschrift sich über die Jahre immer wieder verändert. Elie Saab gehört bis dato nicht dazu. Fließende Abendroben, präzise gesetzte Stickereien, Spitze, Pailletten und jene Form von Glamour, die nie zufällig wirkt: Die in Beirut gegründete Brand hat sich eine Ästhetik aufgebaut, die auf dem roten Teppich ebenso zuverlässig funktioniert wie in der Haute Couture.
Saab begann mit aufwendigen Braut- und Abendkleidern und arbeitete sich von Beirut bis in das Zentrum der Pariser Couture vor. Als einer der ersten internationalen Designer wurde er Mitglied der Chambre Syndicale de la Haute Couture. Heute reicht das Universum des Hauses weit über Couture hinaus und umfasst Ready-to-wear und Accessoires. Geblieben ist dabei ein ziemlich eindeutiges Verständnis von Eleganz: grazil, dekorativ und selbstbewusst, aber selten experimentell um des Experiments willen.
Couture für die High Street
Dass ausgerechnet diese Handschrift nun bei H&M landet, ist interessanter, als die Kombination zunächst vermuten lässt. Denn H&Ms Designerkooperationen funktionieren im besten Fall nicht als günstigere Kopie eines Labels, sondern als eine Art Übersetzungsarbeit: Welche Codes eines Hauses bleiben erkennbar, wenn Materialien, Produktion und Preisstruktur völlig andere Voraussetzungen schaffen?
Dieses Prinzip verfolgt H&M seit Karl Lagerfeld 2004 erstmals eine Kollektion für den schwedischen Konzern entwarf. Was damals noch als kleine Modesensation galt, entwickelte sich zu einem eigenen Format. Comme des Garçons, Lanvin, Versace, Maison Martin Margiela, Balmain, Simone Rocha oder Mugler gehören zu den Namen, die seither ihre Ästhetik für ein breiteres Publikum neu interpretiert haben. In jüngerer Vergangenheit setzten unter anderem Rabanne, Glenn Martens und Stella McCartney die Reihe fort.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten liegt der Reiz solcher Kooperationen deshalb längst nicht mehr allein darin, einen bekannten Namen zu einem anderen Preis kaufen zu können. Spannend werden sie dort, wo die Identität eines Designers tatsächlich sichtbar bleibt.
Mehr als Abendgarderobe
Natürlich wäre Elie Saab ohne ein gewisses Mass an Drama kaum Elie Saab. Entsprechend bilden die Abendlooks auch bei H&M das Zentrum der Kollektion: Bustierkleider, bodenlange Roben, Spitze, Drapierungen und Pailletten in Dégradé-Verläufen von Gold zu Schwarz oder Smaragdgrün zu Schwarz übersetzen jene Codes, mit denen das Haus seit Jahrzehnten auf roten Teppichen präsent ist.
Interessanter wird die Zusammenarbeit allerdings dort, wo diese Elemente aus ihrem gewohnten Umfeld gelöst werden. Zu den insgesamt 55 Teilen gehören neben Eveningwear auch Mäntel, veredelter Strick, präzises Tailoring, Leder, Schuhe und Accessoires; ergänzt wird die Womenswear durch einige Menswear-Pieces. Ein mit Pailletten besetzter Blazer funktioniert als kompletter Abendlook ebenso wie einzeln, eine Lederjacke mit Farbverlauf bringt Saabs Faible für Dégradé in eine deutlich weniger romantische Form, dazu kommen Hoodies, Schals, Slingbacks, hohe Plateauschuhe und Schmuck.
Genau darin liegt eine der Stärken der Kollektion. Sie verlangt nicht, Elie Saab von Kopf bis Fuss zu tragen. H&M selbst stellt die Linie unter das Prinzip „from evening to everyday“ und zeigt die aufwendigeren Stücke bewusst in Kombinationen, die sie aus dem klassischen Anlasskontext holen. Statt ausschließlich die große Robe zu reproduzieren, lässt sich die Handschrift des Couturiers damit auch über ein einzelnes starkes Piece in eine bestehende Garderobe integrieren.
Das eröffnet Elie Saab zugleich einem Publikum, das seine Arbeit bisher vielleicht bewundert, sich darin aber nicht unbedingt selbst gesehen hat. Wer mit Spitze, langen Roben und ausgeprägter Red-Carpet-Romantik wenig anfangen konnte, findet hier auch die andere Seite des Hauses: dunkles Tailoring, Leder, klare Mäntel oder einen gold-schwarzen Paillettenblazer, der mit Denim vermutlich mindestens so gut funktioniert wie mit dem dazugehörigen Abendlook. Die Farbwelt aus Schwarz, Gold, Braun und Smaragdgrün hält die Kollektion dabei weitgehend zusammen und nimmt selbst den dekorativeren Stücken etwas von der erwartbaren Lieblichkeit.
So wird aus der Zusammenarbeit nicht einfach eine erschwinglichere Version von Elie Saab. Vielmehr zerlegt sie seine sehr erkennbare Ästhetik in einzelne Bausteine: ein wenig Red Carpet für jene, die genau darauf gewartet haben – und genügend präzise, dunklere und unkompliziertere Pieces für alle, denen Elie Saab bislang vielleicht eine Spur zu romantisch war.
ELIE SAAB H&M ist ab 22. Oktober 2026 in ausgewählten H&M Stores und online erhältlich.
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