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Damit ist sie zu einer der wichtigsten Performancekünstlerinnen Europas geworden. Jetzt bespielt sie den österreichischen Pavillion bei der Biennale in Venedig. Ein Porträt…

Florentina Holzinger ist eine, die nicht wartet, bis der Vorhang aufgeht. Sie reißt ihn selbst herunter. Und manchmal gleich die vierte Wand mit dazu. 

Die 1986 in Wien geborene Choreografin gehört längst zu den einflussreichsten Künstlerinnen ihrer Generation. Spätestens seit sie das Kunstmagazin Monopol zur bedeutendsten Künstlerin des Jahres 2024 und sie die Zeit jüngst zur radikalsten Künstlerin Europas gekürt hat, ist klar: Holzinger ist keine Randfigur der Performancekunst mehr, sondern ihr Zentrum – ein Gravitationsfeld aus Risiko, Disziplin und kalkulierter Grenzüberschreitung. 

Ihr Weg dahin verlief nicht geradlinig: Holzinger kommt nicht aus dem klassischen Tanz, sondern aus dem Sport. Ich war als Teenager eine klassische Amateursportlerin“, erklärte sie in einem unserer Gespräche, zur professionellen Karriere hat es aber nicht gereicht.“ Vielleicht liegt genau darin ihr Antrieb: der Blick von außen auf ein System, das sie nie ganz aufgenommen hat.

Was sie daraus macht, lässt sich exemplarisch bei einer ihrer frühen Arbeiten Apollon“ (2017) beobachten. Dort wird die Kunstform Ballett und das klassische Ideal des wohlgeformten Körpers nicht gefeiert, sondern auf seine Belastbarkeit geprüft. Die zumeist nackten Performerinnen klettern, hängen, stemmen, stürzen: Das erinnert zugleich an den Zirkus, das Militär und das Ballett. Es ist eine Art Gegenunterricht zur Eleganz: Der Körper als Maschine.

Holzinger studierte in Amsterdam Choreografie, gewann früh Preise, doch das Entscheidende ist nicht der klassische Werdegang, sondern die Verschiebung der Parameter. Ihre Stücke sind Versuchsanordnungen: Wie weit lässt sich ein Körper treiben? Wann kippt Virtuosität in Gewalt?

Schock ist nicht immer negativ – er kann dazu führen, dass eine Perspektive gewechselt wird.“ Florentina Holzinger

Die Bühne als Extremraum des Körpers

Dieser Perspektivwechsel zeigte sich auch einige Jahren später, im Kultstück Ophelia’s Got Talent“ (2022), das die bekannte Figur aus Shakespeares Hamlet aus ihrer passiven Rolle befreit und in eine Art groteske Leistungsschau überführt. In einem Bühnenraum mit Wasserbecken, technischen Apparaturen und akrobatischen Geräten präsentieren Performerinnen ihre Körper als extreme Leistungs- und Überlebensinstrumente und machen die Bühne zur Arena: Schönheit, Virtuosität und Scheitern liegen dabei eng beieinander; der Körper wird gleichzeitig zur Attraktion und zur Gefährdung.

Dabei bleibt Holzinger erstaunlich nüchtern in der Beschreibung ihrer Arbeit. Meine Arbeit ist das Resultat langer, disziplinierter Arbeit“, sagt sie – ein Satz, der wie ein Gegengewicht zu den Bildern wirkt, die sie erzeugt. Denn was auf der Bühne nach Exzess aussieht, ist in Wahrheit präzise gebaut. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Ernst und Groteske, die Holzingers Arbeiten auszeichnen. Definitiv beides und im Idealfall gleichzeitig“, sagt sie, wenn man sie fragt, ob sie eher Dante liest oder Splatterfilme schaut. Hochkultur und Trash, Mythos und Körperlichkeit existieren in ihren Arbeiten nebeneinander – oder besser: ineinander verschränkt.

Skandal, Sakralität und die Verschiebung des Sagbaren

Das zeigte sich besonders auch in ihrer ersten Opernarbeit, die zum handfesten Skandal wurde. In Sancta“ (Premiere 2024 in Schwerin), ihrer Auseinandersetzung mit Paul Hindemiths Stück Sancta Susanna, wird der sakrale Raum wenig respektvoll behandelt. Nackte Nonnen werden zu Trägerinnen von Ekstase, Begehren, Schmerz. Religiöse Bilder kippen ins Physische. Empörte Stimmen witterten Blasphemie, andere wiederum lobten die Radikalität, wie der Körper als Ort dargetellt wird, an dem sich das Unsagbare manifestiert.

Doch Holzinger ist keine reine Provokateurin. Ihr Interesse gilt weniger dem Tabubruch als der Verschiebung von Wahrnehmung. Es geht nicht um Grenzüberschreitung als Pose, sondern um Erkenntnis als körperliche Erfahrung. Ihr eigenes Wesen bleibt dabei schwer zu fassen. Einerseits ist da die Adrenalinliebhaberin – Ich bin ein Adrenalinjunkie!“ –, andererseits die kontrollierte Arbeiterin. Dazu kommt ein fast wienerischer Zug: Die Unmöglichkeit, mit Emotionalem umzugehen“, nennt sie es selbst. Vielleicht ist das Theater und die Kunst für sie genau deshalb der Ort, an dem sich alles sagen lässt, was im Alltag keinen Platz findet.

Neue Räume: Zwischen Biennale, Ritual und radikaler Expansion

Ab 9. Mai wird die Vierzigjährige den österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielen. Ein Schritt, der weniger wie ein Karrieresprung wirkt, sondern wie eine logische Ausweitung von Holzingers Terrain. Das Projekt, das unter dem Arbeitstitel Seaworld Venice firmiert, verspricht eine weitere Verschiebung: Wasser als Element, als Risiko, als Bühne. Bei den Wiener Festwochen wiederum stellt Holzinger gerade einmal eine Woche später ihr Pfingstspiel” vor, und zwar in Prinzendorf, dem Schloß, auf dem der Künstler Hermann Nitsch sein Orgien-Mysterientheater inszenierte, ein Zusammenspiel ritueller, körperlicher und ästhetischer Grenzerfahrungen. Zwischen Ritual und Revue, zwischen Kult-Bildern und physischer Realität setzt Holzinger auf den Spuren von Nitsch also fort, was ihre bisherigen Arbeiten bereits ausgetestet haben: dass Formen nur so lange tragen, wie man sie belastet.

Am Ende ist Florentina Holzinger vielleicht weniger Provokateurin als Präzisionsarbeiterin des Exzesses. Jemand, die genau weiß, wie weit sie gehen kann – und die dennoch immer ein Stück weitergeht. Nicht aus Lust am Skandal, sondern aus Neugier. Oder, wie sie es selbst formuliert: Sie habe einfach Lust, Dinge auszuprobieren“.

Das klingt harmlos. Ist es aber nicht.

Wiener Festwochen | Freie Republik Wien
15. Mai — 21. Juni 2026
festwochen​.at

Biennale Arte 2026
In Minor Keys“
Kuratorin: Koyo Kouoh
9. Mai — 22. November 2026
labiennale​.org


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