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Berlin war nie die Stadt des makellosen Glamours. Und genau das ist im Moment ihre größte Stärke. Während andere Modewochen stärker auf Markenmacht und Marketing setzen, wirkt Berlin konzentrierter, unabhängiger – und in vielen Momenten überraschend klar.

Die Saison FW26 hat gezeigt: Die Szene hier definiert sich weniger über Trends als über Perspektiven. Über Identität, über Material, über kulturelle Herkunft, über neue Märkte. Es geht um Positionierung – nicht um Lautstärke. Diese fünf Shows haben das besonders deutlich gemacht – und zeigen, dass Berlin weit vielseitiger ist, als all black everything und Club Couture.


rebekka ruétz – LILITH

Berlin Fashion Week 01 rebekka ruetz AW26 Runway1 by Marcus Hartelt for BFW 29
Marcus Hartelt for BFW 29 ©

Mit LILITH hat rebekka ruétz einen der stärksten Momente der Woche geschaffen. Nicht wegen eines spektakulären Finales, sondern wegen der Konsequenz. Die Figur Lilith – oft missverstanden als reine Rebellin – wurde hier als vielschichtige, ambivalente Persönlichkeit gedacht. Verletzlich und selbstbestimmt zugleich.

Auffällig war die Materialwahl: In Kooperation mit Organoid arbeitete die Designerin mit echtem Moos, appliziert auf Kleidungsstücke und integriert in die Installation der Show. Das Material reagiert auf Bewegung, verändert sich, bröselt, hinterlässt Spuren. Ein Kleidungsstück als etwas Unfertiges, Lebendiges – das ist in einer Branche, die Perfektion zelebriert, eine bemerkenswerte Entscheidung.

SF1OG – Wachstum ohne Imageverlust

Berlin Fashion Week SF1 OG FW26 Look 24 Tom Funk
Tom Funk ©

SF1OG steht exemplarisch für eine neue Phase der Berliner Labels: wirtschaftliches Wachstum bei gleichbleibender gestalterischer Eigenständigkeit. Das Label baut international aus – insbesondere in Asien – ohne sich ästhetisch zu verwässern.

Die Show war reduziert, klar, konzentriert auf Schnittführung und Proportion. Kein Spektakel, sondern Substanz. Genau darin liegt aktuell die Stärke der Stadt: weniger Effekte, mehr Präzision.

Lou de Bètoly – Zwischen Couture und Kommentar

Berlin Fashion Week Lou de Betoly AW26 Look028 by James Cochrane for BFW PRESS
James Cochrane for BFW PRESS ©

Lou de Bètoly bleibt eine Ausnahmeerscheinung in Berlin. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Kunstobjekt und tragbarem Kleid – detailreich, fragmentiert, oft überbordend. In einer Stadt, die lange für Minimalismus stand, setzt sie bewusst auf Opulenz.

Was ihre Show so relevant macht: Sie zeigt, dass Berlin nicht nur funktional und konzeptuell kann, sondern auch emotional, ornamental, fast theatralisch. Es ist eine andere Form von Radikalität – weniger politisch aufgeladen, mehr über Textur und Intimität erzählt.

MARKE – Subkultur als Selbstverständnis

Berlin Fashion Week Marke AW26 by Andreas Hofrichter 16
Andreas Hofrichter ©

MARKE verkörpert eine Facette Berlins, die international zunehmend wahrgenommen wird: ein selbstbewusster, urbaner Realismus. Dunkle Farbpaletten, überzeichnete Silhouetten, Referenzen an Clubkultur und Alltag gleichermaßen.

Hier geht es nicht um nostalgische Subkultur-Zitate, sondern um Gegenwart. Die Kollektion wirkte weniger inszeniert als selbstverständlich – als würde sie direkt aus dem Berliner Stadtraum kommen. Genau das macht ihren Reiz aus.

Orange Culture – Berlin als Plattform

Berlin Fashion Week Orange Culture AW26 by Andreas Hofrichter 22
Andreas Hofrichter ©

Mit Orange Culture zeigte sich ein weiterer Aspekt der Berliner Woche: ihre Offenheit für internationale Stimmen. Das nigerianische Label brachte eine klare, selbstbewusste Männermode auf den Laufsteg – weichere Silhouetten, Farbe, emotionale Narrative.

Berlin funktioniert hier weniger als Konkurrenz zu Paris oder Mailand, sondern als Resonanzraum. Als Ort, an dem unterschiedliche kulturelle Perspektiven nebeneinander existieren können, ohne sich zu nivellieren.


Was Berlin 2026 ausmacht

Berlin definiert sich nicht über eine einheitliche Ästhetik. Es gibt keinen Berlin-Look“. Was die Stadt verbindet, ist eher eine distinktive Attitude zur Mode: Sie darf politisch sein, persönlich, fragmentiert, widersprüchlich. Sie darf wachsen – aber nicht um jeden Preis.

FW26 hat gezeigt, dass Berlin keine Kopie anderer Modezentren sein will. Die Woche wirkt selbstbewusster, internationaler und wirtschaftlich strukturierter als noch vor wenigen Jahren. Und doch bleibt sie rau genug, um relevant zu bleiben.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Berlin versucht nicht, perfekt zu sein. Sondern echt.


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