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Monatelang hat die Modewelt nervös auf die erste Gucci-Kollektion unter Demnas Regie gewartet. Mit La Famiglia“ lancierte das Haus am 22. September unerwartet den ersten Drop des Enfant terrible der Fashion-Industrie. Kann Demnas heiß diskutiertes Debüt überzeugen?

Skeptiker – mich eingeschlossen – wurden eines Besseren belehrt, als das Lookbook zur ersten Kollektion aus Demnas Feder präsentiert wurde. Was vielerorts als radikaler Neustart gehandelt wurde, der das Ende einer bedeutenden Ära des Hauses einläuten könnte, entpuppt sich nun als triumphale Rückkehr zu alter Bestform. Noch im Mai spekulierten wir, ob Guccis Cruise 2026 Collection die Ruhe vor dem Sturm sei, doch jetzt ist klar, dass diese Revue der House-Codes ein Vorbote für Demnas Vision für das Italo-Label war.

Ein kultureller Reset

Mit der Kollektion La Famiglia“ eröffnet Gucci ein neues Kapitel in der Geschichte des Hauses – ein Manifest aus Extravaganz, Sinnlichkeit und unerschütterlicher Selbstinszenierung. Als neuer Kreativdirektor definiert Demna das Wesen von Gucciness neu: ein Mindset, das gleichermaßen Kultobjekt, Lebensgefühl und stilistisches Manifest ist.

Heritage trifft Hedonismus

Anders als seine ironisch-provokativen Designs bei Balenciaga bleibt sein Gucci-Debüt den Stärken der Marke treu – und haucht ihnen mit cleveren Twists neues Leben ein: Guccis ikonische Signaturen – die Bamboo 1947 Bag, der Horsebit-Loafer und das allgegenwärtige GG-Monogramm– erscheinen in neuen Proportionen und mutigen Materialkombinationen. Die berühmte Flora-Blüte zeigt sich in einer dunklen, beinahe nächtlichen Interpretation. Silhouetten bewegen sich zwischen maximalistischer Opulenz – ein federbesetzter Opernmantel, High Jewelry, raumgreifende Abendroben – und sinnlicher Neo-Minimalistik, die in transparenten Bodycon-Sets und Black-Tie-Swimwear la dolce vita neu denkt.

Ein Familienporträt der Extraklasse

Das Konzept der Kollektion ist eine geniale Hommage an italienische Archetypen: Fotografin Catherine Opie inszeniert für das Lookbook eine erweiterte Gucci-Familie, die zwischen ironischer Überhöhung und zeitloser Eleganz changiert. L’Archetipo eröffnet die Serie mit einem monogrammierten Reisekoffer – eine Hommage an Guccis Ursprünge als Kofferhersteller. La Bomba trägt ihre Tigerstreifen mit gefährlicher Nonchalance, während La Cattiva die Strenge einer Femme fatale verkörpert. Von der unbeschwerten Miss Aperitivo bis zur aristokratischen La Contessa feiern diese Charaktere die Vielstimmigkeit des modernen Gucci-Universums.

La Famiglia“ lebt vom italienischen Ideal der sprezzatura – jener mühelosen Eleganz, die Luxus mit lässiger Selbstverständlichkeit trägt. Kitten-Heels werden nonchalant heruntergesteppt, weiche Leder-Mules wirken wie zufällig perfekt. Gucci zelebriert das Vergnügen am Anziehen, das Spiel mit Gender und Glamour, und führt Abendmode in die Sphäre des täglichen Begehrens.

Tribut an die Vorgänger

Zugegebenermaßen zweifelte ich an Demnas Fähigkeit, seine wildesten Impulse zu zügeln, doch der Designer scheint es sich klar zum Ziel gesetzt zu haben, Gucci als Heritage-Brand wiederzubeleben – ein Schritt, der nach Sabato de Sarnos nicht gerade überwältigender Amtszeit bitter nötig war. So trägt die Kollektion seine klare Handschrift (und erinnert stellenweise an die Kollaboration von Gucci und Balenciaga aus 2021), zollt aber auch Alessandro Micheles maximalistischem Glamour mit opulenten Abendroben samt Federn ebenso Tribut wie Tom Fords radikalem Sex-Appeal der frühen 2000er (die seitlich gebundenen Speedos an zwei der männlichen Models sprechen an dieser Stelle für sich). Die erste Runway-Kollektion unter Demnas Leitung steht erst nächstes Jahr am Kalender, doch nach diesem Vorgeschmack können wirkönnen wir ihr nun umso gespannter – und deutlich optimistischer – entgegensehen.


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