Lange angekündigt, endlich umgesetzt: Das Wiener MAK widmet dem legendären österreichischen Designer Helmut Lang eine Ausstellung und ehrt damit einen Visionär, der viele Trends in der Mode vorweggenommen hat.
Vor mittlerweile 27 Jahren löste Helmut Lang einen Skandal aus, als er von einem Tag auf den anderen beschloss, seine Kollektion ausschließlich im Internet zu zeigen. Es war seine erste in New York, und wer immer etwas auf sich hielt, wollte ein Ticket für Langs Modeschau. Ein Promiauflauf kündigte sich an. Da spielte der Österreicher nicht mit und verlegte seine Schau ins Internet.
„Ich habe es gemacht, um meine Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern“, sagte der Designer damals. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn während er den Menschen vor dem Internet seine Herbst/Winter-Kollektion 1998/99 per Livestream präsentierte (die Redaktionen bekamen anschließend CD-ROMs mit der Show zugeschickt), stieß er eine ganze Menge anderer vor den Kopf. Und bestätigte damit – welch kluger Schachzug – seinen Ruf eines Querkopfs.
Oder vielleicht sollte man besser sagen: eines Visionärs. Wenn jetzt das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) endlich eine große Ausstellung über den berühmtesten österreichischen Modemacher, den das Land je hervorgebracht hat, zeigen wird, dann ist das weniger eine Retrospektive seines modischen Schaffens als die Würdigung eines Pioniers, der vieles von dem, was uns heute selbstverständlich erscheint, vorweggenommen hat (siehe auch unser Interview mit den Kuratorinnen).
Legende der Modewelt
Helmut Lang ging Zeit seines modischen Schaffens (dieses endete 2005 mit dem Verkauf seiner Anteile an die Prada-Group) seinen eigenen Weg. Das fing damit an, dass er zu einer Zeit, als ein Thierry Mugler oder ein Claude Montana auf maximalistische Extravaganz setzten, mit puristischen, ja minimalistischen Linien beeindruckte. Sein dekonstruktivistischer Stil orientierte sich eher an japanischen Avantgardisten als am Mainstream der Zeit. Setzten andere auf Spektakel, gab er sich bewusst unspektakulär. Er arbeitete mit Künstlerinnen wie Jenny Holzer und Louise Bourgeois zusammen (1998 bestritt er mit den beiden eine Ausstellung in der Wiener Kunsthalle), zeigte Frauen- und Männermode gemeinsam oder beschritt mit ungewöhnlichen, meist von Juergen Teller fotografierten Werbekampagnen Wege, die dem klassischen Marketing widersprachen.
Helmut Lang orientierte sich gerne an Dingen, die der High Fashion jener Zeit fremd waren – etwa an Arbeitermonturen oder Fetischkleidung. „Ich habe mich bewusst nicht an die Regeln gehalten“, erklärte er dem Autor dieser Zeilen 2008, als er sich bereits von der Mode zurückgezogen hatte und sich von seiner „Farm“ in Long Islands aus nur mehr mit Kunst beschäftigte: „Ich habe Stoffe umgedreht, habe Schuhe angesprüht. Das wurde als radikal angesehen, aber für mich war das ein normales, notwendiges Ausdrucksmittel.“
Von Ramsau auf die internationalen Laufstege
Der als Peter Scepka 1956 in Wien geborene Lang wuchs bei den Großeltern in der Ramsau auf. Sein Großvater betrieb eine Schuhwerkstatt; nicht von ungefähr inspirierte exaktes Handwerk den Designer von Anfang an. „Ich bin jemand, der auf traditionelle Dinge zurückgreift, aber dann entsteht der Zwang, es in etwas Zeitgemäßes umzustrukturieren. Das ist eine Art Gegenreaktion.“ Oft war das die Verwendung anderer, neuer oder stark bearbeiteter Materialien, meist in ungewohnten Kombinationen. Zu seinen berühmtesten Kreationen zählt bis heute ein ärmelloses Spitzen-Gummikleid, das die Wiener Designerin Susanne Bisovsky für ihn fertigte – eine Ikone der 1990er-Jahre.
Als 23-Jähriger – 1979 war das – eröffnete der ehemalige Barkeeper und Absolvent der Wiener Handelsakademie eine Boutique in Wien: Bou Bou Lang. Hier verkaufte er selbst entworfene Kleidung: Stücke, die er anfangs für sich selbst designte und die bald viel Aufsehen erregten. 1986 wagte er sich schließlich nach Paris und zeigte dort erstmals unter dem Namen Helmut Lang eine „Fallwick“ betitelte Prêt-à-Porter-Kollektion. Damit war der Startschuss für eine internationale Karriere gefallen, die Lang zum Kultdesigner machte und seine Entwürfe zu Sammlerstücken.
Wer immer etwas auf sich hielt, gewandete sich in den Neunzigern in Helmut Lang. Von 1993 bis 1996 übernahm er die Modeprofessur an der Wiener Universität für angewandte Kunst, 1996 stellte er die „Helmut Lang Jeans“-Zweitlinie vor, 1998 schließlich übersiedelte er nach New York. Später wurden in Zusammenarbeit mit Procter & Gamble drei durchaus eigenwillige Parfüms entwickelt, von deren Kompositionen der Hersteller Lang abgeraten hatte.
Ein Mann der Intuition
Lang setzte dennoch seinen Kopf durch, folgte lieber seiner Intuition als den Regeln des Business und orientierte sich damit eher an dem, was seine Künstlerfreunde machten (allen voran Kurt Kocherscheidt), als an anderen Modedesignern. „Ich bin viel mit Kurt in seinem Atelier gesessen“, erzählte er 2008 beim Treffen in New York. „Damals habe ich eines verstanden: Er hat eine weiße Leinwand vor sich, ich ein Stück Stoff. Der Prozess, der zum Ergebnis führt, ist in den verschiedensten Disziplinen sehr ähnlich.“
Langs Nähe zur Kunst, seine Beschäftigung damit, ist wie ein roter Faden, der durch sein Leben läuft. Seit 2005 widmet er sich ganz der Kunst; eine erste Einzelausstellung richtete drei Jahre später die Kestner Gesellschaft in Hannover aus, viele weitere, zuletzt im Schindler Haus in Los Angeles, sollten folgen. Viele von Langs Skulpturen bestehen übrigens aus geschredderten Kleiderresten aus dem eigenen Archiv, die mit Harz überzogen und skultptural geformt wurden. Mit Mode haben sie dennoch wenig zu tun. Allerdings tragen sie eine Vergangenheit in sich, auf die im Wiener MAK jetzt ein neues Licht geworfen wird.
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