Für die vierte Ausgabe von Homo Faber verwandelt die britische Künstlerin Es Devlin San Giorgio Maggiore in An Island of Light: einen Archipel aus mehr als 500 Kunsthandwerkern, rund 700 Objekten und 15 Installationen, verbunden durch Licht, Wasser, Spiegelungen und Bewegung. Einen Monat lang wird Venedig damit zum Schauplatz einer Disziplin, bei der nicht allein das fertige Objekt zählt. Denn mindestens ebenso interessant wie die Frage, was entsteht, ist jene, wie es entsteht.
Interessant wird es dort, wo Homo Faber den Weg zum fertigen Objekt sichtbar macht. Denn hinter jedem dieser Objekte stehen Entscheidungen, Materialkenntnis und Fähigkeiten, die sich nicht auf die perfekte Oberfläche reduzieren lassen. Genau darauf richtet Es Devlin das Licht. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Bis 30. September bespielt Homo Faber die historischen Räume und Gärten der Fondazione Giorgio Cini. Devlin nutzt dabei die Topografie der Lagune als Ausgangspunkt für ihre Inszenierung. Jeder Kunsthandwerker wird zur eigenen Insel, mit einem individuellen Bestand an Wissen, Können und Erfahrung. Gemeinsam bilden sie einen Archipel, den Devlin mit Licht, Schatten, Wasser und Spiegelungen verbindet.
Das Licht übernimmt dabei eine ungewöhnliche Rolle. Es beleuchtet nicht einfach, was ohnehin da ist. Es trifft auf Glas und wird gebrochen, fällt durch Papier, zeichnet Strukturen nach, verändert Farben und Oberflächen. Material reagiert auf Licht – und macht dadurch Eigenschaften sichtbar, die sich beim schnellen Blick auf ein schönes Objekt leicht übersehen lassen. Aus der klassischen Präsentation von Kunsthandwerk wird so eine räumliche Erzählung über Material und dessen Transformation.
Devlin entwickelt diese Erzählung in 15 Installationen. A Language of Hands richtet den Blick zunächst auf die Hand selbst, An Index of Artisans auf die Menschen hinter den Arbeiten. In An Alphabet of Objects werden mehr als hundert Werke zu leuchtenden Silhouetten und damit zu einer Art visueller Grammatik aus Form, Schatten und Material.
Besonders sinnlich dürfte A Full Moon Rising werden. Im ehemaligen Schwimmbad Piscina Gandini treffen traditionelle koreanische Moon Jars und filigrane Keramiken auf Wasserflächen, Spiegelungen und Licht. A Rooted Ascent widmet sich Holz, Kork und Pflanzenfasern und verbindet die ausgestellten Arbeiten mit Live-Demonstrationen ihrer Entstehung. Und in An Atelier Alive wird aus der Ausstellung schliesslich eine Werkstatt: Meister unterschiedlicher Disziplinen arbeiten vor Ort und lassen Besucher unmittelbar erleben, wie aus einem Material ein Objekt wird.
Auch Venedig selbst fliesst in Devlins Konzept ein. Im Palladio-Kreuzgang reagiert A Great Turning mit kinetischen Elementen, Wasser und Licht auf die Geometrie der Renaissance-Architektur. A Luminous Ark bevölkert das Ambulatorium des Refektoriums mit Papierskulpturen der Lagunenfauna. Für A Feast of Light versammelt Devlin ausschliesslich weisse Arbeiten aus Porzellan, mundgeblasenem Glas, Textil und Papier an einer grossen, erleuchteten Tafel. Erst danach bricht A Rainbow of Forms dieses Weiss auf und lässt Harz, Emaille und Kunststoffe das Licht in Farbe übersetzen.
Es ist eine aufwendig komponierte Inszenierung. Und doch liegt die eigentliche Stärke des Konzepts vielleicht darin, dass sie den Blick wieder auf etwas sehr Konkretes lenkt: auf das Machen.
Das ist nicht dasselbe wie eine romantische Rückkehr zum Handgemachten. Homo Faber stellt das Kunsthandwerk auch nicht als Gegenentwurf zu Technologie und industrieller Fertigung aus. Spannender ist die Frage, welche Form von Wissen in diesen Objekten gespeichert ist. Erfahrung mit einem Material entsteht über Jahre, manchmal über Generationen. Techniken können dokumentiert und weitergegeben werden. Die Sicherheit, mit der ein Meister darauf reagiert, dass sich ein Werkstoff eben nicht bei jedem Arbeitsschritt vollkommen gleich verhält, entsteht jedoch erst durch das Tun.
Damit bekommt auch der Begriff Homo Faber – der schaffende Mensch – eine besondere Schärfe. In einer Zeit, in der sich Herstellung zunehmend vom Menschen entfernen kann, richtet die Ausstellung den Blick nicht nur auf das Produkt, sondern auf die Fähigkeit, etwas hervorzubringen. Nicht als Plädoyer gegen neue Technologien, sondern als genaue Betrachtung dessen, was menschliches Können eigentlich ausmacht.
Dass diese Auseinandersetzung in Venedig stattfindet, ist mehr als eine schöne Setzung. Die Stadt selbst ist ohne hochspezialisiertes Handwerk kaum denkbar. Glas, Stein, Holz, Metall, Textilien und Papier haben über Jahrhunderte nicht nur ihre Objekte, sondern ihre Architektur und Kultur geprägt. Hinter dem Bild Venedigs steht eine Geschichte von Werkstätten, Techniken und Menschen, die Materialien beherrschten und dieses Wissen weitergaben.
Homo Faber trägt diese Geschichte deshalb über San Giorgio Maggiore hinaus. Mit Homo Faber in Città wird die Stadt selbst Teil des Programms. Rund 130 lokale Werkstätten und Murano-Glasmanufakturen werden über den Homo Faber Guide erschlossen. In der Casa Sanlorenzo ergänzen zwei Ausstellungen das Programm, während Murano Illumina il Mondo zwölf von internationalen Künstlern entworfene und auf Murano gefertigte Kronleuchter auf die Piazza San Marco bringt.
Und noch etwas verschiebt Homo Faber 2026: die Distanz zwischen Besucher und Objekt. 90 Young Ambassadors aus internationalen Design- und Kunsthochschulen begleiten durch die Ausstellung, erklären Techniken und erzählen von den Menschen hinter den Arbeiten. Dazu kommen offene Werkstätten, Demonstrationen und Möglichkeiten, selbst mit Materialien zu arbeiten. Das Objekt soll nicht nur fotografiert, sondern verstanden werden – zumindest ein wenig.
Am Ende führt Es Devlins Weg durch den Zypressen-Kreuzgang. Twenty Silent Songs vereint dort zwanzig kollaborative Arbeiten von Meisterateliers aus fünf Kontinenten. Zwanzig Arbeiten, zwanzig unterschiedliche Traditionen – und noch einmal die Idee des Archipels, mit der alles begonnen hat. Einzelne Inseln des Könnens, die miteinander verbunden werden.
Vielleicht muss eine Ausstellung über Kunsthandwerk heute genau das leisten: nicht erklären, warum wir es bewahren sollten, sondern zeigen, warum wir davon fasziniert sind.
Es Devlin macht dafür das Licht an.
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