2015 schrieb Scott Brash mit Hello Sanctos in Spruce Meadows Geschichte – im selben Jahr, in dem er Rolex Testimonee wurde. Jetzt ist der britische Springreiter mit Hello Jefferson zurück in Calgary. Im Interview mit SIGNATURE spricht er über sensible Pferde, Vertrauen, Geduld – und darüber, warum manchmal gerade die Entscheidung gegen einen Start die richtige ist.
Wenn Scott Brash in diesen Tagen in den International Ring von Spruce Meadows reitet, kehrt er an einen Ort zurück, der seine Karriere geprägt hat. 2015 vollendete er hier mit Hello Sanctos als erster – und bis heute einziger – Reiter den Rolex Grand Slam of Show Jumping. 2025 gewann er mit Hello Jefferson erneut das CPKC ‘International’ Grand Prix, presented by Rolex. Jetzt ist er mit dem sensiblen Wallach zurück.
Und diesmal könnte ein anderer Geschichte schreiben. Richard Vogel kommt mit United Touch S als aktueller Anwärter auf den Rolex Grand Slam nach Calgary. Gewinnt er am Sonntag das CPKC ‘International’, wäre er nach Brash erst der zweite Reiter, der drei Majors in Folge gewonnen hat und dem der Grand Slam gelingt.
Brash selbst weiß besser als jeder andere, was dafür zusammenkommen muss. Und dass am Ende nicht allein der Reiter entscheidet.
SIGNATURE: Sie haben den Rolex Grand Slam mit Hello Sanctos gewonnen, einem ruhigen, selbstsicheren Pferd. Spruce Meadows gewannen Sie im vergangenen Jahr mit Hello Jefferson, der sehr sensibel ist. Wie führen Sie zwei so unterschiedliche Charaktere?
SCOTT BRASH: Man muss jedes Pferd als Individuum kennen. Was bei einem funktioniert, funktioniert beim anderen nicht. Hello Jefferson ist viel sensibler als Hello Sanctos. Ich wusste immer, dass er Calgary gewinnen kann.
In einem Jahr war ich relativ früh an der Reihe, und vor dem Springen spielte die Pipe Band bei der Eröffnungszeremonie. Jefferson sah und hörte sie – und das genügte, um seine ganze Entspannung und damit einen großen Teil unserer Vorbereitung zunichtezumachen.
Man lernt daraus. Im vergangenen Jahr hatten wir einen guten Plan. Wir hielten ihn von der Pipe Band und allem fern, von dem wir wussten, dass es ihn aus der Ruhe bringen könnte. Er war sehr entspannt und in Topform. Ich glaube, deshalb hat er gewonnen.
Von den beiden ist Jefferson sicher schwieriger. Entspannung ist bei einem Pferd eines der schwierigsten Dinge überhaupt. Man kann ein Pferd zur Ruhe bringen, aber wenn etwas diese Ruhe stört, dauert es lange, sie wiederherzustellen.
Sie sind in den Scottish Borders aufgewachsen und haben sich schon als Kind für den Reitsport statt für Fußball entschieden. Was davon begleitet Sie heute noch?
Ich bin froh, dass ich mich damals für das Reiten entschieden habe. Ich habe die Arbeit mit Pferden immer geliebt, und das ist bis heute meine Leidenschaft. Sie bringt mich morgens aus dem Bett und sorgt dafür, dass ich besser werden möchte.
Man hört nie auf, von Pferden zu lernen. Was bei einem funktioniert, funktioniert beim nächsten nicht. Genau das liebe ich daran.
Das Beste an den Scottish Borders sind die Hügel, die Berge und die Natur. Es ist großartig für Pferde. Meine jungen Pferde werden noch immer dort gezüchtet und geboren. Wenn ich Pferde für einen großen Wettbewerb wie Spruce Meadows fit mache, gibt es für mich keinen besseren Ort als die schottischen Hügel, dort, wo alles angefangen hat.
Bei der Europameisterschaft 2025 in A Coruña rutschte Ihnen unmittelbar vor der Dreifachkombination der Zügel aus der Hand. Hello Folie sprang trotzdem ohne Zügelkontakt und fehlerfrei durch. Wie entsteht ein solches Vertrauen?
Durch die tägliche Arbeit. Sie vertraut mir wirklich, und ich kenne ihre Fähigkeiten. In dieser Situation hätte ich sie leicht aus der Kombination herausnehmen können, aber ich habe ihr vertraut.
Sie ist eine Kämpferin. Das ist eine ihrer größten Stärken. Sie hat das Herz eines Löwen. Sie will gewinnen und sie will für dich auf die andere Seite des Hindernisses kommen. Dieses Wissen und mein Vertrauen in sie waren der Grund, warum ich weitergeritten bin, obwohl ich wusste, dass wir völlig falsch in die Kombination kamen.
In diesem Moment habe ich etwas Zusätzliches von ihr verlangt – und sie hat mir alles gegeben, was sie hatte. Das hat diesen Moment mit ihr so besonders gemacht.
Ihre Pferde kommen für Sie immer zuerst. Wie schwierig ist es, danach zu handeln, wenn sportlich sehr viel auf dem Spiel steht?
Meine Pferde hatten immer Priorität, und deshalb musste ich in der Vergangenheit einige schwierige Entscheidungen treffen. Der Rolex Grand Slam ist ein gutes Beispiel. Zwei Wochen vor Calgary fanden die Europameisterschaften in Aachen statt, und wir mussten uns als Team noch für die Olympischen Spiele qualifizieren. Ich entschied mich trotzdem dagegen, Hello Sanctos dort zu reiten.
Damals gab es dafür Kritik. Aber solche Entscheidungen muss man treffen. Für Hello Sanctos wäre es meiner Ansicht nach nicht richtig gewesen, zwei Wochen vor Calgary noch eine Europameisterschaft zu springen.
Bei den Olympischen Spielen in Rio war es ähnlich. Ich wäre sehr gerne dabei gewesen, hatte damals aber kein Pferd, das meiner Meinung nach dafür geeignet war. Deshalb nahm ich mich selbst aus der Auswahl.
Ich werde das Pferd immer an die erste Stelle setzen, egal, was das für alle anderen bedeutet. So bin ich, und so war ich immer. Die Pferde müssen bei dem, was wir tun, zuerst kommen.
Was hat sich seit Ihrem Grand-Slam-Sieg am stärksten verändert?
Erfahrung hat mich viel gelehrt. Zum Beispiel zu erkennen, welches Pferd zu welchem Turnierplatz passt. Ich versuche immer, eine gute Gruppe von Pferden aufzubauen, damit nicht der gesamte Druck auf einem einzigen Pferd liegt.
Geduld ist ebenfalls wichtig. Als ich jünger war, wollte ich jedes Mal gewinnen, wenn ich zu einem Turnier gefahren bin. Heute plane ich gezielter für die großen Wettbewerbe. Das hat mich die Erfahrung gelehrt.
Rolex ist bereits seit den 1950er-Jahren im Reitsport aktiv. Was bedeutet es für Sie, Rolex Testimonee zu sein – und wie sehr deckt sich diese Partnerschaft mit Ihrem eigenen Verständnis von Leistung?
An der Seite von Persönlichkeiten wie [Roger] Federer im Tennis zu stehen und in unserem eigenen Sport gemeinsam mit Reitern wie Kent [Farrington] und Steve [Guerdat], die ich alle sehr bewundere, Teil dieser Familie zu sein, ist etwas ganz Besonderes. Wir alle wollen immer noch mehr erreichen. Wir lieben unseren Sport, wir lieben, was wir tun, und wir lieben die Arbeit mit unseren Pferden. Wir alle versuchen ständig, besser zu werden – und genau das verbindet uns als Rolex Familie.
Im Reitsport werden inzwischen immer mehr Daten erhoben. Wie viel lässt sich über ein Pferd messen – und wo beginnt das Gefühl des Reiters?
Je mehr Daten wir über unsere Pferde haben – über Fitness, Gewicht, Blutwerte und all die Faktoren, die man aus anderen Sportarten wie dem Radsport kennt –, desto besser. Wir müssen neue Entwicklungen annehmen, wenn sie im Interesse des Pferdes sind. Gleichzeitig dürfen wir unsere Wurzeln und unser Wissen nicht vergessen.
Bis heute gibt es für mich kein besseres Gefühl als die eigene Verbindung zu einem Pferd, um zu wissen, ob es in guter Verfassung ist – unabhängig davon, was die Daten sagen.
Sie reisen mit dem Sport um die Welt. Welche Rolle spielt Schottland für Sie selbst?
Man muss anpassungsfähig sein, egal wo man gerade ist. Wenn wir beispielsweise in China springen, finde ich die Zeitverschiebung noch immer schwierig. Aber man muss versuchen, sich darauf einzustellen. Darin versuche ich immer besser zu werden.
Natürlich ist es schön, nach Schottland zurückzukommen, abzuschalten und sich zu erholen. Ich glaube, das ist für jeden Menschen wichtig. Danach weiß man wieder, was man beim nächsten Mal braucht und woran man arbeiten muss. Und dann arbeitet man härter und macht weiter.
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