Ein Parfüm beginnt nicht erst mit dem ersten Sprühstoß. Bevor ein Duft seine Wirkung entfaltet, begegnet uns zunächst ein Objekt. Der Flakon kann Skulptur, Verpackung, Designstatement und haptisches Erlebnis zugleich sein und die Haltung einer Marke sichtbar machen.
Lutz Herrmann, Creative Director von J.F. Schwarzlose Berlin, kennt dieses Zusammenspiel wie kaum ein anderer. Als Designer zahlreicher Parfümflakons und Kenner der Parfümerie beschäftigt er sich seit Jahrzehnten mit der Verbindung von Duft und Gestaltung. Vor mehr als zehn Jahren stieß er auf die historische Berliner Marke J.F. Schwarzlose Söhne und begann, ihr Erbe für die Gegenwart neu zu interpretieren. Ein Talk über ikonisches Flakondesign, die Bedeutung von Haptik und Material und darüber, warum die Zukunft des Parfüms vielleicht wieder näher an seiner Vergangenheit liegt.
Ein Gespräch mit Lutz Herrmann
Was ist bei einem Parfüm zuerst da: der Duft, die Form des Flakons oder ein übergeordnetes Bild der Marke?
Zunächst kommt die Idee der Marke: Wofür steht sie, was soll sie ausdrücken und was soll der neue Duft transportieren? So beginnt der Prozess meist. Anschließend werden Duft und Design parallel entwickelt. Beide beruhen auf derselben Grundidee, sodass Hülle und Inhalt am Ende eine harmonische Ausdrucksform bilden.
Ein Parfümflakon muss zugleich Objekt, Verpackung und Erlebnis sein. Welche dieser Ebenen ist für Sie beim Entwurf die wichtigste – und welche Rolle spielt dabei das Material?
Die Form des Objekts ist entscheidend. Ebenso wichtig ist es, ein haptisches Erlebnis zu schaffen. Oberflächen und ihre Gestaltung können viel über einen Duft erzählen. Mattierte Oberflächen vermitteln beispielsweise Kühle wie bei „Jil Sander Woman Pure“. Glatte und weiche Formen stehen für Femininität; facettierte Formen eher für klassische Düfte. Kantige Formen finden sich häufig bei maskulinen Kompositionen wie „Cool Water“ oder „One Million“ von Paco Rabanne. Weiche Rundungen, etwa bei „Cosmic“ von Kylie Jenner, „Laura Biagiotti Forever“ oder „Dior J’adore“, sind dagegen eindeutig weiblich konnotiert.
Auch die Verpackung spielt eine wichtige Rolle. Sie schützt das Produkt beim Transport und ist zugleich der erste Kontakt mit dem Kunden. Haptik, Farbe und Oberfläche müssen Neugier auf den Inhalt wecken. Gelingt das nicht, ist das Ziel verfehlt. Deshalb ist zunächst die Umverpackung wichtig, danach folgen Flakon und Kappe.
Was macht ein ikonisches Flakon-design aus? Welche Elemente muss ein Flakon unbedingt haben, und was empfinden Sie als überflüssig?
Ein ikonisches Design überdauert Moden. Es ist so eigenständig und kraftvoll, dass es unabhängig vom zeitlichen Kontext Bestand hat. Trendgetriebene Entwürfe empfinde ich dagegen als überflüssig.
Gibt es für Sie einen All-time-Lieblingsflakon – unabhängig davon, ob er von Ihnen stammt oder historisch ist? Was macht ihn so besonders?
Es gibt mehrere Flakons, die ich besonders schätze: die aus dem surrealistischen Geist geborenen historischen Entwürfe von Elsa Schiaparelli, frühe Arbeiten von Lalique wie „Coty L’Ambre Antique“ sowie den historischen Schwarzlose-Flakon für „1A-33“, der vermutlich von Wilhelm Wagenfeld entworfen wurde. Aus der Gegenwart gehört „Dior J’adore“ für mich zu den gelungensten Flakondesigns.
Wie viel darf ein Flakon über einen Duft verraten – und wie viel sollte er offenlassen?
Das hängt immer von der jeweiligen Marke ab. Es gibt Marken, die ihre Düfte bewusst nicht über ein expressives Flakondesign vermitteln möchten. Chanel ist dafür ein gutes Beispiel. Gerade die historischen Chanel-Flakons erzählen nur wenig über den Duft. Man sollte nicht vergessen, dass der Flakon von „Chanel No. 5“ ursprünglich ein Standardflakon der Cristallerie Saint-Louis war und nicht eigens für Chanel entworfen wurde. Coco Chanel und die Familie Wertheimer entschieden sich gerade wegen seiner Schlichtheit für ihn. Den gleichen Flakon nutzte übrigens auch Schwarzlose für einige Lancierungen. Dass dieser Flakon heute nach über 100 Jahren eine solche Aura besitzt, ist vor allem der außergewöhnlichen Duftkomposition von „Chanel No. 5“ und seiner Botschaft zu verdanken: ein Duft für die emanzipierte Frau, die nicht nach Blumen, sondern nach abstrakter Femininität duften wollte. In diesem Fall transportiert der funktionale und handwerklich hervorragend gemachte Flakon die Haltung der Marke, ohne den Duft selbst erzählerisch vorwegzunehmen. Viele Nischenmarken verfolgen heute einen ähnlichen Ansatz. Ihre Flakons sind bewusst schlicht und transportieren in erster Linie die Markenwerte. Die eigentliche Duftgeschichte erschließt sich erst beim Tragen. Wie viel ein Flakon verraten sollte, hängt deshalb immer von der Identität der jeweiligen Marke ab.
Parfümflakons bewegen sich oft zwischen Skulptur, Gebrauchsgegenstand und Luxusobjekt. Wie stark beeinflussen Haptik, Gewicht und Proportion die Gestaltung?
Haptik, Gewicht und Proportion sind wichtige Gestaltungselemente. Allerdings gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, was Luxus bedeutet. Manche Marken setzen auf schwere Glasböden und einen sehr offensichtlichen Ausdruck von Wertigkeit. Andere, wie Chanel, verfolgen den gegenteiligen Ansatz und arbeiten mit besonders dünnwandigem Glas, das höchste Präzision in der Herstellung erfordert. Entscheidend ist letztlich, welches Verständnis von Wertigkeit die Gestaltung vermitteln soll.
Früher standen Parfümflakons und Zerstäuber sichtbar auf der Frisierkommode oder im Boudoir, wurden nachgefüllt und über lange Zeit benutzt. Ist diese Vorstellung des Flakons als dauerhaftes Objekt heute wieder relevant?
Ja – dieser Gedanke ist heute aktueller denn je. Im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit wird es immer wichtiger, Flakons so zu gestalten, dass sie langfristig genutzt und wiederbefüllt werden können.
Muss der Parfümflakon in Zeiten von Refill, Nachhaltigkeit und reduzierter Verpackung neu gedacht werden – oder führt genau diese Entwicklung zurück zu einer älteren Idee von Wertigkeit und Wiederverwendung?
Diese Entwicklung ist notwendig und hat bereits begonnen. Die Haltung, eine leere Flasche einfach wegzuwerfen und eine neue zu kaufen, ist überholt. Wiederverwendung und langlebige Gestaltung werden künftig eine immer größere Rolle spielen.
Sie haben J.F. Schwarzlose Berlin aus der Geschichte heraus neu entwickelt. Wie interpretiert man ein historisches Markenarchiv neu, ohne seine Identität zu verwässern?
Am sinnvollsten orientiert man sich an den grundlegenden Ideen der Gründer. Schwarzlose stand historisch für Innovation im Duft- und Kosmetikbereich. Wir konzentrieren uns heute auf die Duftgeschichte des Hauses, analysieren historische Inhaltsstoffe und interpretieren die überlieferten Düfte für die heutige Zeit neu. Dabei geht es nicht um eine Kopie, sondern um eine zeitgemäße Übersetzung für moderne Nasen. Schwarzlose gehörte damals zu den wenigen deutschen Häusern der Haute Parfumerie und war dadurch auch international bekannt. Den Gründern ging es um hochwertige Produkte mit innovativen Inhaltsstoffen. Daran knüpfen wir bis heute an. Unsere Düfte enthalten mindestens 20 Prozent Duftöl. Das ist ein hoher Anteil und sorgt für ein lang anhaltendes Dufterlebnis – genau das ist ein wesentlicher Bestandteil der Haute Parfumerie. Historisch war Schwarzlose in vielen Bereichen wegweisend: Das Haus setzte früh synthetische Veilchenduftstoffe ein, brachte den ersten Heuduft auf den Markt und entwickelte die Fougère-Note bereits vor Houbigant. Diese Geschichten bilden die Grundlage unserer heutigen Neuinterpretationen. Darüber hinaus war Schwarzlose auch technisch innovativ, etwa bei Haarfarben, der Oxidationstechnologie sowie bei Zerstäubern und Pumpflakons.
Schwarzlose war also schon früh erstaunlich modern. Welche Elemente dieser frühen Modernität waren für das heutige Design besonders relevant?
Für das heutige Design habe ich einige historische Gestaltungsansätze übernommen, insbesondere das Logo, das ich behutsam modernisiert habe. Auch die Idee, alle Düfte in einem einheitlichen Flakon mit eigener Kappe anzubieten, wird fortgeführt. Damit greifen wir den fortschrittlichen Geist des Hauses auf, der bereits in den 1930er-Jahren vom Bauhaus geprägt war. Ob wir künftig auch Refill- und Zerstäubersysteme zeitgemäß neu interpretieren können, wird sich zeigen. Der Wille dazu ist auf jeden Fall vorhanden, auch wenn wir als vergleichsweise kleines Dufthaus nur begrenzte Möglichkeiten haben.
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