Sofie Royer ist gefangen im ständigen Dazwischen: ein Spannungsfeld aus Mainstream und Subkultur, Indie und Pop, gestern und morgen, vorher und nachher. Gegensätze, die die Künstlerin auf ihrem neuen Album „before/after“ verarbeitet.
Am Anfang war die Violine. Gefolgt von einem Studium der klassischen Musik am traditionsreichen Wiener Konservatorium. Danach zieht es sie nach Los Angeles, wo die damals 19-Jährige bei den legendären Boiler Room Sessions tätig ist. Nach Zwischenstationen in London, New York und Berlin ist Sofie Royer mittlerweile wieder in Wien beheimatet. Und seit einigen Jahren auch fest im Indie-Pop, dessen Mix aus organischen Instrumenten und elektronischen Einflüssen in kleinen Clubs ebenso gut funktioniert wie auf großen Festivalbühnen. Eine Gratwanderung zwischen den Polaritäten, die auch ihr gerade erschienenes Album „before/after“ prägt.
Auf Ihren bisherigen Alben haben Sie verschiedene Charaktere verkörpert: Den „Cult Survivor“ (2020), den „Harlequin“ (2022) und schließlich das „Young-Girl Forever“ (2024) –Selbstbespiegelungen und Momentaufnahmen der Auseinandersetzung mit Ihrer Umwelt, während Sie den Blick auf „before/after“ eher nach innen richten …
Alle meine Stücke sind hyperpersönlich. Ich schreibe gerne über das Material, das mir am vertrautesten ist und über das ich sicher bin, ein Urteil fällen zu können: mich selbst. „before/after“ ist ein bewusst breit aufgestellter Plattentitel, den man auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren kann. Genau diesen Deutungsfreiraum habe ich in meiner Musik und in meinen Texten immer als Anspruch verstanden. Wir leben in einem extrem deskriptiven Zeitalter, in dem eine Message eindeutig und unmissverständlich sein muss. Das hat in bestimmten Bereichen seine Daseinsberechtigung, in der Kunst nimmt es mich persönlich nicht mit. Ich finde es spannender, sich eigene Bezugspunkte zu suchen. „before/after“ kann unterschiedliche Zustände, Zeitpunkte oder Perspektiven verbinden und lässt Raum für die eigene Interpretation. Genau diese Vieldeutigkeit macht es für mich so interessant.
Eine naheliegende Interpretation wäre unsere Besessenheit von Veränderung. Von Social-Media-tauglichen Vorher/Nachher-Bildern, von Optimierungswahn, Looksmaxxing und dem perfekten Schein.
Natürlich geht es auch um den Menschen als ein Vorher/Nachher-Konstrukt, doch das ist nur eine winzig kleine Komponente dieses Albums. Statt uns auf den Augenblick zu konzentrieren, wird heute alles am Vorher und Nachher gemessen und bewertet. Es kommt mir so vor, als würden wir uns kaum mit dem Hier und Jetzt beschäftigen, sondern entweder nur zurück oder nach vorne schauen. Es gibt nur die Vergangenheit und die Zukunft, während die Gegenwart völlig übersehen wird. Ich selbst nehme mich davon gar nicht aus und könnte nur schwer sagen, ob ich jemals wirklich im Augenblick bin. Vielleicht, wenn ich auf der Bühne stehe. Wie sieht eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart üblicherweise aus? Anhand von Erfahrungswerten aus der Vergangenheit und Wunschvorstellungen, was man von der Zukunft erwartet. Mich interessieren die Reibungspunkte dazwischen.
Haben wir verlernt, die Gegenwart wertzuschätzen?
Das ist die große Frage, mit der sich schon Philosophen wie Kant oder Proust auseinandergesetzt haben. Wobei die Wahrnehmung selbstverständlich subjektiv ist. Ich führe Tagebuch, seit ich zwölf Jahre alt bin. Von Zeit zu Zeit ist es ganz witzig, zurückzublättern und festzustellen, wie ich damals den Moment erlebt habe, während manche Dinge in meiner Erinnerung völlig anders sind. Einiges wiederholt sich auch. Der Songtitel „Sesquicentennial“ lässt sich mit „alle hundertfünfzig Jahre“ übersetzen. Die Idee zu dem Stück kam mir in Texas, als ich das Wort auf der Rückseite eines Autoaufklebers las. Ich erinnere mich, dass ich diese Formulierung ebenso albern wie aufregend fand und sie mich dazu brachte, über all das Zyklische in unserem Leben nachzudenken. Darüber, was wir schicksalhaft wiederholen müssen.
Ihre Songtexte pendeln oft zwischen Selbstironie und Sarkasmus. Eine Art Selbstschutz?
Möglich. Für mich bedeutet Kunst eine Verarbeitung meiner Erlebnisse. Außerdem geht es mir darum, mich selbst und meine Schwächen zu beobachten. Ich stehe mir manchmal bei einigen Entscheidungen selbst im Weg. Je älter man wird, desto bewusster werden einem bestimmte Verhaltensmuster. Man fragt sich, was passieren muss, um gewisse Routinen zu durchbrechen. Doch dann wird einem klar, dass man die gleichen Fehler immer wieder macht. Das lässt sich oft nur mit Ironie und Sarkasmus verarbeiten.
Welche ungesunden Gewohnheiten würden Sie gern über Bord werfen?
In meinen Augen ist es ein toxisches Nebenprodukt dieser Gesellschaft, alles an sich zu akzeptieren und chronisch zufrieden sein zu müssen. Ein Beispiel: Ich bin seit fünfzehn Jahren Raucherin. Dennoch bin ich weit davon entfernt, das zu akzeptieren. Es ist einfach ein ekelhaftes Laster, das ich trotz aller guten Vorsätze nicht ablegen kann. Beispiel Nummer 2: Eigentlich bin ich sehr selbstkritisch und habe einen hohen Anspruch an mich und an das, was ich vermitteln möchte. Doch möglicherweise bin ich in manchen Augenblicken auch zu hart zu mir; vielleicht aus einer anarchistischen Haltung heraus.
Passen eine klassische Ausbildung am altehrwürdigen Wiener Konservatorium und Anarcho-Punk-Nonkonformismus zusammen?
Klassische Musik und Punk sind gar nicht so weit voneinander entfernt, wie man vielleicht annehmen würde. Russische Komponisten wie Schostakowitsch haben ihre Märsche als Werkzeug benutzt, um gesellschaftliche und politische Entwicklungen abzubilden. Das hat in meinen Augen eine sehr anarchistische und punkige Note.
Nach Ihrem klassischen Studium waren Sie bei den Boiler Room Sessions tätig und fühlen sich heute im Indie-Pop zuhause. Ebenfalls eine Art anarchistische Ausdrucksfreude?
Vielleicht. Auch was meine musikalische Arbeit angeht, gibt es bei mir kein Before und After. Ich habe nie wirklich aufgehört, Geige zu spielen oder aufzulegen. Stattdessen kommen immer neue Ausdrucksarten dazu, die sich zu einer einzigen Schaffenswelt vereinen. Wobei ich zugeben muss, dass es Außenstehenden schwerfällt, mich einzuordnen. Ebenso wie mir selbst, wenn ich meine Musik beschreiben muss oder die Art von Konzerten, die ich spiele. Aber ein eigener Stil lässt sich wohl immer schwer in Kategorien pressen.
Ein stilistisches Dazwischen, das Sie auf Songs wie „Keep On Keeping On“ und „Sold Out The Jazz Club“ verarbeiten, auf denen es um Selbstzweifel und Resilienz geht …
Ich selbst stelle mir nie Fragen nach Zugehörigkeit oder künstlerischer Verortung. Es hat eher damit zu tun, wie Musik heute konsumiert wird. Ich mache Popmusik, werde aber auf der Bühne von einer Band mit echten Instrumenten begleitet. Das lässt sich scheinbar für viele nicht vereinen. Kürzlich wurde ich von Konzertveranstaltern als zu poppig für Underground-Festivals und als zu „Indie“ für Mainstream-Events beschrieben. Gerade der Underground verlangt ständig nach einer gewissen Pseudo-Subversität; wird dann auf einmal tatsächliche Subversität geliefert, herrscht oft Überforderung. Die Kunst ist, trotzdem weiterzumachen.
Wie entstehen eigentlich Ihre wunderbar chiffrierten Songtexte?
Jeder Song ist wie eine Schneeflocke: Keiner ähnelt dem anderen. Manchmal habe ich eine Akkordfolge im Kopf, die mich zu einem Text inspiriert. Bei anderen Liedern reizen mich einzelne Wörter oder Phrasen, um die ich herumschreibe. Vor ein paar Jahren habe ich ein Interview mit Jonathan Meese über seine Experimental-Oper „Mondparsifal“ gesehen. Er sprach darüber, dass ihn gerade das Unvorstellbare fasziniert. Darin habe ich mich sehr wiedergefunden. Es geht mir nicht darum, meine Lyrics bewusst verschleiern zu wollen. Ich finde diese Spannungsmomente des Surrealen viel interessanter als etwas, das eine explizite Aussage hat. Davon gibt es in meinen Augen schon genug. Die Charts sind voll mit Songs, die unzweideutig und sehr offensichtlich sind. Bis hin zur Banalität. Ohne Wortspiele, ohne Raffinesse und ohne jede Reibung. Ich suche nach dem, was sich der Vorstellungskraft entzieht.
So wie der Song „Actress“, in dem es in der Eröffnungszeile geheimnisvoll heißt „I’m just a girl in a pilot season trying out“?
Ich liebe das Kino und referenziere gern Regisseure wie David Lynch, Bernardo Bertolucci, Federico Fellini oder Sofia Coppola in meinen Videoclips. Eine Anlehnung an Sofia Coppolas „Lost In Translation“ findet sich beispielsweise im Clip zu „Sesquicentennial“, den ich in China gedreht habe. „Actress“ hat noch eine andere Ebene: Es geht um meine Liebe zum Handwerk des Musikmachens und zur Kunst. Jeder Künstler sucht beim Publikum nach Anerkennung. Livekonzerte fühlen sich für mich oft wie ein Filmcasting an, bei dem man versucht, die Leute von sich zu überzeugen. Deshalb die Schauspielmetapher. Es gibt auf dem neuen Album aber auch sehr viel deutlichere Texte wie in „Auto“, das von einer verflossenen Sommerromanze handelt.
Sofie Royer Live
Nach dem Auftritt ist vor dem Auftritt: Im Herbst ist Sofie Royer mit ihrem neuen Album live in concert auf „before/after“-Tournee zu sehen.
Tourdaten: sofie.info/live
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