Die Istanbul Biennale gehört zu den spannendsten Kunstereignissen weltweit – nicht nur wegen der gezeigten Werke, sondern weil sie immer auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei ist. Sie war oft politisch, manchmal provokant, immer komplex. 2024 jedoch wurde es still: Zum ersten Mal seit ihrer Gründung musste die Biennale verschoben werden.
Was nach einem Rückschlag aussah, war in Wahrheit ein Wendepunkt. Interne Konflikte, Proteste aus der Kunstszene und der Rücktritt wichtiger Akteurinnen führten dazu, dass die Institution sich selbst infrage stellen musste. Und sie tat es. Statt einfach zur Tagesordnung überzugehen, wählte die Biennale einen radikalen Weg: Mit der neuen Kuratorin Christine Tohmé, einem dreijährigen Format und dem symbolträchtigen Titel “The Three-Legged Cat” richtet sich die Istanbul Biennale neu aus
Ein Neustart mit Struktur
Christine Tohmé, bekannt für ihre langjährige Arbeit im politisch aufgeladenen Kontext von Beirut, bringt nicht nur kuratorische Erfahrung mit, sondern auch ein tiefes Verständnis für nachhaltige Kunstpraxis. Unter ihrer Leitung wird die Biennale nicht wie gewohnt in wenigen Wochen abgewickelt, sondern in drei Etappen über drei Jahre gestreckt.
Die erste Phase startet im September 2025 mit einer klassischen Ausstellung – allerdings auf einem begehbaren Parcours durch Istanbuls Stadtteile Karaköy und Beyoğlu. 2026 folgt eine Phase, die dem Aufbau langfristiger Kooperationen und einer „Akademie“ für künstlerischen Austausch gewidmet ist. Der Abschluss 2027 soll die gewonnenen Erfahrungen in einer weiteren Ausstellung und Reihe von Veranstaltungen zusammenfassen.
Tohmés Ansatz ist deutlich: weniger Event, mehr Prozess. Weniger Spektakel, mehr Substanz. Das dreijährige Format ist dabei auch eine bewusste Kritik am klassischen Biennale-Rhythmus, der oft internationale Sichtbarkeit über lokales Engagement stellt – Tohmé setzt stattdessen auf nachhaltige Prozesse, gemeinschaftliche Strukturen und langfristige Dialoge.
Warum das Format selbst zur Botschaft wird
Dass die Biennale ihre Struktur überdenkt, ist kein Zufall. Der Konflikt von 2023/24 hatte gezeigt, wie anfällig selbst etablierte Institutionen für politische und kommunikative Fehltritte sind. Die Entscheidung, gegen die Empfehlung eines internationalen Beirats eine Kuratorin zu berufen, führte zu Protesten, Boykotten und personellen Konsequenzen. Die Biennale stand vor einem Vertrauensverlust.
Mit dem neuen Format reagiert die Institution direkt auf diese Kritik. Die Struktur betont Transparenz, Beteiligung und Langlebigkeit. Zum ersten Mal seit Jahren wurde ein Open Call für Künstler ausgeschrieben, auf den fast 1.500 Bewerbungen eingingen. Auch der kostenfreie Eintritt und die Wahl zugänglicher Ausstellungsorte sind Teil dieser neuen Offenheit.
“The Three-Legged Cat” – Ein Symbol für Resilienz
Die erste Etappe wird Werke von 47 Künstlern und Kollektiven aus über 30 Ländern präsentieren. Die Künstlerliste spiegelt eine wahrhaft internationale Perspektive wider, mit Teilnehmern aus Städten wie Berlin, Paris, Johannesburg, Pristina, Beirut, Istanbul, New York und Yogyakarta. Zu den angekündigten Namen gehören Haig Aivazian, Simone Fattal, Khalil Rabah und Akram Zaatari, was auf eine starke internationale Präsenz mit einem besonderen Fokus auf Künstler aus der erweiterten Region hindeutet. Die Auswahl wurde von einem Beirat unterstützt und durch einen offenen Aufruf ergänzt, auf den Einreichungen aus 105 Ländern eingingen. Dieser partizipative Ansatz gewährleistet eine Mischung aus etablierten und aufstrebenden Stimmen und schafft Raum für vielfältige Perspektiven.
Der Titel der Biennale – “The Three-Legged Cat” – mag verspielt klingen, ist aber voller Bedeutung. Er steht für Widerstandsfähigkeit, Unvollkommenheit und Anpassung. Genau das braucht es, wenn Institutionen sich nach einer Krise neu erfinden wollen.
Auch die Stadt Istanbul wird dabei zur Mitspielerin: Die Biennale nutzt historische und urbane Orte, eingebettet in den Alltag der Metropole. Das Publikum soll nicht nur Kunst betrachten, sondern sich durch die Stadt bewegen, sie anders sehen und erleben.
Ausstellungsorte und urbanes Erlebnis
Die Ausstellung wird sich auf einen „begehbaren Rundgang“ mit acht Ausstellungsorten in den Stadtteilen Beyoğlu und Karaköy konzentrieren. Dieser Ansatz, ohne ein zentrales Hauptquartier auszukommen, zielt darauf ab, die Kunst tief in das städtische Gefüge einzuweben und die politische und räumliche Beziehung Istanbuls zu seinen Ausstellungsorten bewusst zu machen. Zu den bestätigten Orten gehören die aufwendig restaurierte Griechische Schule Galata (Galata Greek School), die nach fünfjähriger Sanierung wieder für die Kunst öffnet, und das historische französische Waisenhaus (Fransız Yetimhanesi). Diese Konzentration auf ein fußläufiges Gebiet spiegelt das Engagement der Biennale für Zugänglichkeit wider und ermutigt sowohl Einheimische als auch internationale Reisende, in die kreative Energie der Stadt einzutauchen. Andere wichtige Kunsträume in diesen Vierteln, die das Erlebnis ergänzen können, sind SALT Galata, Arter und die Galerien im Mısır Apartmanı.
Die wichtigsten Informationen auf einen Blick
Daten: 20. September – 23. November 2025
Preview-Tage: Medien-Preview: 16. – 19. September; Fachbesucher-Preview: 18. – 19. September
Eintritt: Für die Öffentlichkeit kostenlos
Öffnungszeiten: 10:00 – 19:00 Uhr (montags geschlossen)
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