Während Tourismusmagneten des Kalibers Paris, London, Amsterdam oder Mailand unter Overtourism stöhnen, laden die kleinen Brüder dieser Coverstars zum entspannten Besuch ein. Das gilt auch für den nächsten Türkei-Urlaub: Statt Istanbul ist Izmir ein feiner Kandidat für die Kategorie “Zweite Reihe — Erster Platz”. Die Stadt im Porträt.
In Eric Amblers Krimi „Die Maske des Dimitrios“ verlieren sich die Spuren im alten Smyrna – wie Izmir lange Zeit hieß. Kein Wunder: In den wilden Zwanziger Jahren glänzte die kosmopolitische „Perle der Levante“ in einer Liga mit dem glamourösen Berlin oder Paris. Griechen, Armenier, Glücksritter aus ganz Europa, Osmanen und Juden machten den dreitausend Jahre alte Handelshafen der östlichen Ägäis zur schillernden Bühne für Spione und Selfmade-Millionäre, für Bordellbesitzer, Schwarzhändler und Intellektuelle. Der legendäre Reeder Onassis stammt von hier. Lange zuvor war das von ionischen Griechen groß gemachte Smyrna die Heimatstadt von Homer. Ziemlich viel Geschichte auf dem alten Buckel und zugleich offen für Neues — diese Eigenschaft prägt Izmir auch heute. Der Ruf als weltoffenste, westlichste Stadt der Türkei zieht wie ein Magnet liberal Gesinnte aus allen Landesteilen an, darunter nicht wenige aus Istanbul.
City-Check
Wie ein großes Amphitheater öffnet sich Izmir zur Ägäis. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen nahe der Promenade: Im höher gelegenen Namazgah beeindruckt die Agora aus dem 4. Jh. v. Chr., die Marc Aurel mit korinthischen Kolonnaden ausbauen ließ. Historische Schätze zeigt auch das Archäologische Museum, etwa die Marmorstatue des Flussgottes Kaystros aus Ephesos. Lebhaft geht es in der „Kızlarağası“-Karawanserai von 1744 zu, dem Herz des Basars, wo sich rund um das einstige Warenlager Café an Café reiht – darunter das berühmte „Şükrü Bey’in Yeri“ mit über Holzkohle gebrühtem Kaffee, ideal für eine Partie Backgammon. Wer hinaus will, erreicht die Strände und Naturschönheiten der Çeşme-Halbinsel schneller als von Istanbul aus. Zudem ist Izmir das Tor zum UNESCO-Welterbe Ephesos. Noch weniger besucht: das nördlich gelegene Pergamon mit Oberer und Unterer Akropolis, dem eindrucksvollen Serapis-Tempel und dem legendären antiken Medizinzentrum Asklepieion.
Frischer Fisch
Sechs Kilometer ist Izmirs Uferpromenade lang. Der zentrale Teil heißt Kordon und wartet mit Sundowner-Lokalen und zwei der besten Restaurants der Hafenstadt auf: Das elegante „Kordon Yengeç“ ist ein Favorit für frischen Fisch; einige Schritte weiter findet sich das für Lammgerichte berühmte anatolische Traditionslokal „Tavaci Recep Usta“. Kellner in Trachten servieren hier herzhafte Gerichte wie Kaburga Dolmasi – gefüllte Rippchen – und frisch gequirlten Ayran.
Epizentrum des turbulenten Nachtlebens ist aber der Stadtteil Alsancak, zugleich eines der trendigsten Bar-Viertel Kleinasiens. Rechts und links der zentralen Kibris-Şehitleri-Straße gehen kleine Gässchen mit traditionellen Holzhäusern ab, die sich in originelle Szene-Cafés und Bars verwandelt haben. Vintage-Kneipen wie das „Gülizar Kafe“ an der 1483. Sokak Nr. 13 kombinieren sehenswerten Retro-Trödel und alte Kaffee-Traditionen. Sundowner-Location der schön in der Meeresbucht gelegenen „zweiten“ Stadt der Türkei? Am Ende der Barzeile Dario Moreno Sokaği wartet der 1907 gebauten Aufzug „Asansör“ (von franz. Ascenseur) auf Nachtschwärmer – er führt zu einer darüber liegenden Pano-ramaterrasse.
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