James Turrell muss man sich als einen Mann vorstellen, der die Welt meist von oben betrachtet hat. Bevor er einer der einflussreichsten Lichtkünstler unserer Zeit wurde, war er Pilot. Wer hunderte Stunden allein im Cockpit verbracht hat, versteht, dass der Himmel keine eindimensionale Fläche ist, sondern ein begehbarer Raum.
Für Turrell ist Licht kein Werkzeug, um Dinge sichtbar zu machen – das Licht selbst ist die Substanz. „I have no message“, sagt er oft über seine Arbeit, „I am just preparing the light for you to stand in.“
Auf der Suche nach dem „inneren Licht”
Geboren 1943 in Los Angeles, wuchs Turrell in einer Quäker-Familie auf. In diesen Gemeinden ist das Schweigen heilig. Die Suche nach dem „inneren Licht“ war für ihn keine Metapher, sondern tägliche Übung. Diese spirituelle Prägung spürt man in jedem seiner Werke: Sie fordern Zeit und Stille. Seit den 1970er-Jahren arbeitet er an seinem monumentalen Lebenswerk, dem Roden Crater in der Wüste von Arizona – ein erloschener Vulkan, den er in ein gigantisches Observatorium verwandelt. Turrell ist kein Künstler für schnelle Effekte; er denkt in astronomischen Zyklen und geologischen Zeiträumen.
Ein neuer Horizont in Aarhus
Das nächste Kapitel dieser lebenslangen Erforschung des Sehens findet nun im dänischen Aarhus statt. Am 19. Juni 2026 eröffnete das ARoS Kunstmuseum mit „As Seen Below – The Dome“ Turrells bisher ambitioniertesten Skyspace in einem musealen Kontext. Es ist der krönende Abschluss der Museumserweiterung The Next Level, die in enger Zusammenarbeit mit Schmidt Hammer Lassen Architects entstanden ist.
Die Dimensionen dieses Entwurfs entziehen sich der herkömmlichen Vorstellung von Ausstellungsräumen. Eine unterirdische, lichtdurchflutete Passage führt die Besucher zunächst aus der Hektik des Alltags heraus, bevor sie das Innere einer gewaltigen Kuppel von 40 Metern Durchmesser und 16 Metern Höhe betreten. In der Mitte dieser monumentalen Struktur klafft eine kreisrunde Öffnung zum freien Himmel. Es ist ein Ort der radikalen Entschleunigung. Durch präzise kalibriertes Licht im Innenraum verändert Turrell unsere Wahrnehmung dessen, was wir über uns sehen: Der Himmel scheint zum Greifen nah, während sich die Farben des Abends so intensiv verdichten, dass das Licht fast wie eine Temperatur auf der Haut spürbar wird.
Der Himmel zum Greifen nahe
„The Dome“ wurde pünktlich zur Sommersonnenwende fertiggestellt – ein bewusster Termin für einen Künstler, für den die Astronomie der wichtigste Taktgeber ist. Wer diesen Raum betritt, sieht kein Kunstwerk an einer Wand; er wird Teil eines atmosphärischen Ereignisses. Turrell beschreibt es als einen Prozess, bei dem die Architektur den Himmel so nah hält, dass man erkennt, dass der Akt des Hinsehens selbst das eigentliche Werk ist. In Aarhus trifft diese Vision auf das Erbe der Moderne und schafft einen Raum, der Turrells radikalem Credo folgt: „Here light isn’t description; it’s the substance you stand within.“ Das Licht beleuchtet nicht mehr nur die Umgebung, es wird zur greifbaren Materie. Es ist ein Geschenk an die Öffentlichkeit – ein Tresor für die Stille, mitten in der Stadt.
Nichts mehr verpassen – wir halten Sie auf dem Laufenden!
Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an.
Arts & Culture — Juli 2026
Adam Lambert im exklusiven Interview zum neuen Album
Der Sänger kehrt als liebeshungriger Dancefloor-Vampir zur Musik zurück
Arts & Culture — Juli 2026
FOUNDERS: Die Dokumentation über Helena Rubinstein
Die Frau, die Schönheit neu dachte
Arts & Culture — Juli 2026
Wo Weltklasse und Nachwuchs gemeinsam auf der Bühne stehen
Verbier Festival 2026
Arts & Culture — Juni 2026
Van Cleef & Arpels: Das Gedächtnis der Place Vendôme
Alexandrine Maviel-Sonet über die Kunst des Bewahrens
Arts & Culture — Juni 2026
250 Jahre USA: Best of West Coast
Neue Museen, Kunstprojekte und Hotels an der Westküste
Arts & Culture — Juni 2026
250 Jahre USA: Weitere Highlights
Neue Museen, Architektur und Kulturhighlights im ganzen Land