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Im Project Space des Palazzo Strozzi entwickelt Jean-Marie Appriou eine skulpturale Reise durch Mythos, Literatur und Metamorphose.

In Florenz zeigt der Palazzo Strozzi mit CANTO INFINITO“ eine neue Einzelausstellung von Jean-Marie Appriou. Der französische Künstler, 1986 in Brest geboren und in Paris lebend, zählt zu jenen Stimmen der zeitgenössischen Skulptur, die das Material nicht glätten, sondern seine Unruhe sichtbar machen. Für den Project Space des Palazzo Strozzi hat Appriou neue Arbeiten entwickelt, kuratiert von Arturo Galansino.

Der Titel CANTO INFINITO, also unendlicher Gesang“, verweist auf einen Fluss ohne klaren Anfang und ohne fixes Ende. Die Ausstellung ist als Abfolge von Passagen angelegt. Sie erinnert lose an Dantes Göttliche Komödie“, ohne sie zu illustrieren. Es geht um Schwellen, Zustände und Verwandlungen: zwischen Körper und Geist, Dunkelheit und Licht, Erde und Wasser, Mythos und Gegenwart.

Appriou arbeitet mit Materialien wie Bronze, Aluminium, Glas, Ton und Wachs. Daraus entstehen Figuren, die sich eindeutigen Kategorien entziehen. Menschen, Tiere, Pflanzen, Pferde, Schlangen, Meereswesen und hybride Körper bevölkern ein symbolisches Terrain, das archaisch wirkt und zugleich an Science-Fiction erinnert. Die Skulpturen haben oft etwas Monumentales, bleiben dem Betrachter aber körperlich nah. Gerade diese Nähe macht ihre Präsenz so eigenartig: vertraut, fremd, manchmal leicht beunruhigend.

Portrait JMA creedit photo Claire Dorn
Claire Dorn ©
Jean-Marie Appriou

Ein zentrales Werk ist The Mills of Perception“. Die patinierte Bronze nimmt die Idee eines Tors auf und setzt sie in Dialog mit berühmten Türen der Kunstgeschichte, von Lorenzo Ghiberti bis Auguste Rodin. Eingefügte Zylinder erinnern an tibetische Gebetsmühlen, während die Bildwelt zwischen Paradies und Hölle pendelt. Auf der einen Seite erscheint ein fragiles Eden, auf der anderen eine infernalische Landschaft mit Figuren aus mittelalterlicher Kosmologie und gotischer Imagination.

Auch die Arbeiten Apophis“ und Mandjet“ führen mythologische Motive in den Raum. Ein Radiator wird zur Skulptur des Fließens, ein bronzener Leuchter nimmt die Form einer Sonnenbarke an. Appriou verbindet häusliche Objekte mit kosmologischen Bildern und löst sie aus ihrer Funktion. Was vertraut beginnt, kippt in ein System aus Zeichen, Strömen und unsichtbaren Kräften.

Mit The Key“ verdichtet sich diese Logik am stärksten. Die Ofenskulptur zeigt Engel und Drache als ineinander verschlungene Figuren. Feuer wird hier zum Bild für Verwandlung, Konflikt und fortgesetzte Bewegung. Daneben steht eine bronzene Kaminplatte mit Dantes berühmter Inschrift Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate“ – ein Satz, der im Palazzo Strozzi weniger als Drohung erscheint denn als Eintritt in einen Raum, in dem Gewissheiten nachgeben.

CANTO INFINITO“ zeigt Skulptur als etwas Bewegliches: Materie, die Geschichten trägt, aber keine eindeutige Deutung erzwingt. Im historischen Kontext von Florenz gewinnt diese Idee zusätzliche Spannung. Appriou nutzt Kunstgeschichte, Mythos und Literatur nicht als Kulisse, sondern als Material für eine Gegenwart, die selbst nach neuen Formen des Übergangs sucht.

Jean-Marie Appriou, CANTO INFINITO
von Arturo Galansino
22. Mai bis 23. August 2026
Project Space des Palazzo Strozzi, Florenz
palazzostrozzi​.org


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