Beige, leise, neutral: In den letzten Jahren hat sich die Hospitality-Welt in eine Ästhetik der Beruhigung eingerollt – oft gut gemeint, manchmal jedoch auch austauschbar. Karim Rashid sieht das anders: Für ihn ist ein Hotel kein „Safe Space“, sondern eine Quelle von Energie, Erneuerung und menschlicher Präsenz.
Im Gespräch erläutert der Industriedesigner seine Ansichten zu Farbe als radikaler Absicht, „Sensual Minimalism“ als empathischem Luxusstandard, Nachhaltigkeit ohne Askese und der Frage, was Räume leisten können, wenn Algorithmen längst alles personalisieren.
Karim Rashid x KARE Design: Farbe, Form, Future Pop
Mit der Kollektion für KARE überträgt Karim Rashid seine Designphilosophie in den Wohnraum – zugänglich, seriell produzierbar und dennoch klar als Handschrift erkennbar. Organische Silhouetten, fließende Linien und eine selbstbewusste Farbpalette prägen Sofas, Sessel, Tische und Accessoires.
Typisch Rashid: die Abkehr vom rechten Winkel. Stattdessen dominieren weiche Rundungen, skulpturale Volumen und eine fast futuristische Leichtigkeit. Pink, Violett, Koralle oder leuchtendes Blau setzen bewusste Kontraste zur verbreiteten Neutralitätsästhetik. Farbe fungiert nicht als Akzent, sondern als Identität.
Materialseitig verbindet die Linie glatte, hochglänzende Oberflächen mit samtigen Textilien und ergonomisch modellierten Polstern. So entsteht jener „Sensual Minimalism“, den Rashid seit Jahren propagiert: reduziert in der Formensprache, aber emotional aufgeladen in Wirkung und Haptik.
Im Kontext von KARE – einer Marke, die für expressives, global inspiriertes Interior steht – wird Rashids Ansatz zu einer demokratischen Übersetzung seines sonst oft hotelgeprägten Designs. Die Kollektion versteht sich als Statement gegen das beige Einheitsinterieur und als Einladung, Wohnen wieder als sinnliche Erfahrung zu begreifen.
Mehr Informationen: kare.de/inspiration/karim-rashid-designs
Karim Rashid im exklusiven Gespräch
Warum ist Farbe jetzt radikaler denn je?
Im Jahr 2026 steht beigefarbener Minimalismus nicht für Neutralität, sondern für Vermeidung und Angst. Das Gastgewerbe ist zu einem globalen Betäubungsmittel geworden, zu einer „Safe-Space-Mentalität“, die Stille mit Fürsorge verwechselt. Aber Menschen reisen nicht, um nichts zu fühlen. Sie reisen, um sich lebendiger, menschlicher und präsenter zu fühlen und um neue, originelle Erfahrungen zu machen. Emotionales Design ist heute dringend notwendig, da unser Alltag bereits durch Bildschirme, Stress und Gleichförmigkeit verflacht ist. Ein Hotel sollte eine Quelle der Erneuerung sein und kein flüsternder Korridor der Angst. Farbe ist radikal, weil sie eine Absicht erklärt. Sie sagt: „Wir heißen Ihre Emotionen willkommen, nicht nur Ihren Koffer.“ In meiner Arbeit ist Farbe niemals kosmetisch. Sie schafft Atmosphäre, sie pulsiert und gibt uns die Erlaubnis zu fühlen. Wärme ist kein Trend, sondern ein menschliches Bedürfnis.
Und was ist dann „sinnlicher Minimalismus“ – im Gegensatz zum sterilen Luxus-Minimalismus?
Sinnlicher Minimalismus ist Minimalismus mit Empathie. Steriler, glatter Minimalismus ist oft ein visuelles Regelwerk: polierte Oberflächen, ruhige Farbpaletten und eine gewisse emotionale Distanz. Sinnlicher Minimalismus ist weich, taktil, geschwungen und einladend. Er ist minimalistisch, aber nicht kalt. Er ist reduziert, aber dennoch großzügig. Er nutzt Form wie eine Geste und Farbe wie eine Stimmung. In der Luxushotellerie wird dies zum neuen Standard, sobald Hotels erkennen, dass „Premium“ nicht gleichbedeutend mit „Stille“ ist. Premium bedeutet Fürsorge, Komfort und Unvergesslichkeit. Premium bedeutet, inspiriert zu werden. In den nächsten drei Jahren erwarte ich diesen Durchbruch zunächst im Lifestyle-Luxussegment, in Resorts, Wellness-Destinationen und bei neuen Boutique-Marken, die Identität statt Imitation suchen. Gewinnen werden die Orte, die sich wie ein Erlebnis anfühlen und nicht wie ein Showroom.
„Im Jahr 2026 steht beigefarbener Minimalismus nicht für Neutralität, sondern für Vermeidung und Angst. Das Gastgewerbe ist zu einem globalen Betäubungsmittel geworden, zu einer ‚Safe-Space-Mentalität‘, die Stille mit Fürsorge verwechselt.“ – Karim Rashid
Wenn Farbe ein Werkzeug ist: Wie setzt man sie konkret ein – wie einen „Code“?
Es gibt durchaus eine Methode. Ich betrachte Farbe als emotionale Navigation. Der Eingang ist der erste Satz der Geschichte. Der Gast, der einen Raum betritt, soll sich nicht unentschlossen fühlen, sondern an die Hand genommen. Ich arbeite mit einer Abfolge: Zunächst eine Ankunftsfarbe, die das Nervensystem anregt, dann ein Übergangston in den Durchgangsbereichen und schließlich eine persönlichere Farbpalette im Bett- und Loungebereich. Ich bringe Sättigung und Weichheit in Einklang. Hohe Farbsättigung in kontrollierten Dosen wirkt energie- und optimismusfördernd, niedrigere Farbsättigung und sanfte Verläufe wirken beruhigend und stärken Intimität. Außerdem kombiniere ich Farbe mit Lichttemperatur und Materialreflexion, denn Farbe ist nie nur Pigment, sondern immer auch Licht, das auf einer Oberfläche wirkt. Der Code ist einfach: Entscheiden Sie sich für das emotionale Ziel und komponieren Sie dann Farbe, Licht, Textur und Silhouette zu einer gemeinsamen Sprache. Farbe ist der schnellste Weg, um ohne Worte zu kommunizieren. Ich bin Farbe.
Sie stehen für „demokratisches Design“ – und arbeiten zugleich im Premium-Segment. Ein Widerspruch?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Demokratie ist nicht Billigkeit. Demokratie ist Würde. Kunststoff wurde für mich edel, weil er ehrlich, anpassungsfähig und fähig zur Freude ist. Er ist die einzige Möglichkeit, demokratische Objekte für den Alltag zu schaffen. Im besten Fall bedeutet Luxus keine Ausgrenzung, sondern Exzellenz, Langlebigkeit und Sorgfalt für die Sinne. Eine Premium-Kollektion kann dennoch demokratisch sein, wenn sie Ideen vorantreibt, die später in die breitere Kultur einfließen. Luxus kann ein Labor für ein besseres Leben sein. Die Spannung verschwindet, wenn man aufhört, Luxus als Statussymbol zu definieren, und beginnt, ihn als Qualität der Erfahrung zu verstehen. Ich sage den Marken, dass wahrer Luxus nicht in seltenen Materialien besteht, sondern in seltenem Denken – ein nahtloser Übergang.
„Sinnlicher Minimalismus ist Minimalismus mit Empathie. Steriler, glatter Minimalismus ist oft ein visuelles Regelwerk, sinnlicher Minimalismus ist weich, taktil, geschwungen und einladend.“ – Karim Rashid
Und wenn KI alles personalisiert – was bleibt dem Raum?
Algorithmen können Vorlieben vorhersagen, aber sie können keine Bedeutung schaffen. Eine Maschine kann die Temperatur einstellen, eine Playlist abspielen und ein Duftprofil liefern, aber sie kann keine Seele erschaffen. Emotionales Design bleibt relevant, weil der Körper auf Räume reagiert, bevor der Verstand sie erfasst. Die Rundung eines Stuhls, die Weichheit einer Kante, das Leuchten einer Oberfläche oder die Farbtemperatur einer Wand sind keine Datenpunkte, sondern Empfindungen. Die Überraschung liegt nicht in der Individualisierung, sondern in der Poesie. Der überraschende Moment entsteht, wenn ein Gast auf etwas stößt, von dem er nicht wusste, dass er es braucht. Eine verspielte Form, eine mutige Farbe, ein taktiles Detail oder eine menschliche Geste können diesen Moment auslösen. Das Hotel der Zukunft ist keine perfekte Vorhersage, sondern eine wohltuende Unterbrechung. Dennoch muss ein Hotel sehr funktional und das Material langlebig sein. Hier liegen die meisten Luxushotels falsch – viel Show, aber wenig Substanz.
Nachhaltigkeit ist 2026 gesetzt – aber oft wirkt sie „beige“. Wie geht Öko-Luxus farbenfroh, ohne Greenwashing?
Nachhaltigkeit erfordert keine Langeweile. Die Natur ist nicht beige. Sie ist elektrisierend. Denken Sie an Korallen, tiefes Ozeanblau, Zitrusfrüchte, Sonnenuntergänge, Moos, Obsidian und den Himmel nach dem Regen. Der Schlüssel liegt in Ehrlichkeit und funktionierenden Systemen, nicht in einer Palette von Ausreden. Ich würde Öko-Luxus als Gesamtnarrativ gestalten: mit intelligent eingesetzten lokalen Materialien, umweltschonender Fertigung, langlebigen Oberflächen, modularen Komponenten, Reparaturfähigkeit und transparenter Beschaffung. Dann würde ich Farbe über intelligente Schichten einbringen – pigmentierte Keramik, recycelte Textilien, biobasierte Verbundwerkstoffe, Hochleistungsbeschichtungen mit verifizierten Standards und digitale Farbverläufe, die integraler Bestandteil des Materials sind und nicht bloß aufgetragen. Es gibt kein Greenwashing, denn Nachhaltigkeit wird nicht vorgespielt, sondern bewiesen. Die emotionale Palette wird zum sichtbaren Ausdruck eines verantwortungsvollen Systems.
Nach 40 Jahren und 4.000 Entwürfen: Woher kommt die Energie – und gibt es etwas, das Sie bereuen?
Mein Geheimnis ist, dass ich immer noch neugierig bin. Ich wiederhole keine Projekte, sondern mein Bekenntnis zum Staunen. Jeder Auftrag ist eine Chance, eine weitere Schicht der Konvention zu entfernen und ein originelleres Werk zu schaffen. Ich bleibe voller Energie, weil ich aus Optimismus heraus entwerfe und nicht aus Nostalgie. Außerdem bewahre ich mir das Spielerische. Spielen ist nicht kindisch, sondern der Motor der Originalität. Bereue ich ein Projekt? Ja, jeden Moment, in dem Angst in den Prozess eingedrungen ist und Kompromisse die Emotionen ausgelaugt haben. Nicht, weil es visuell gescheitert ist, sondern weil es nicht das Gefühl vermittelt hat, das es versprochen hat. Aber selbst diese Erfahrungen lehren dich etwas. Du lernst, wo deine Grenzen liegen. Und du kehrst zu dem zurück, was wirklich wichtig ist: Menschen ein gutes Gefühl zu geben. Die Welt lebendiger zu machen. Menschen ihre Erfahrungen lieben zu lassen.
Hospitality-Trends 2026 nach Karim Rashid
- Emotionales Design statt Beige-Minimalismus: Hotels als „restorative charge“, nicht als neutrale Safe Spaces.
- Sinnlicher Minimalismus als Luxusstandard: weich, taktil, geschwungen – „Minimalismus mit Empathie“.
- Farbe als Navigationssystem: Ankunftsfarbe → Übergangston → persönliche Palette, abgestimmt mit Licht & Material.
- Luxus als demokratisches Labor: Exzellenz & Langlebigkeit statt Status; Ideen diffundieren in den Mainstream.
- KI + menschliche Poesie: Personalisierung ja – aber Wert entsteht über Überraschung, Haptik, Geste, Form.
- Nachhaltigkeit ohne Beigetöne: „Nature is electric“ – Farbe als Ausdruck eines überprüfbaren Systems.
Karim Rashid (1960 in Kairo geboren, aufgewachsen in Kanada) zählt zu den einflussreichsten Designern der Gegenwart und arbeitet von New York und Miami aus. Mit über 4.000 realisierten Entwürfen und Projekten in mehr als 40 Ländern prägt er Produkt‑, Interior- und Hospitality-Design. Seine Haltung nennt er „sensual minimalism“: reduziert, aber emotional aufgeladen – mit organischen Formen, kräftigen Farben und digitaler Bildsprache. Bekannt ist er auch als Verfechter von „demokratischem Design“: gutes Design soll für viele zugänglich sein. Zu seinen Hospitality-Referenzen zählen u. a. Semiramis Hotel (Athen), Myhotel Brighton, nhow Berlin, Prizeotel und Temptation ResortCancun.
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