Wolfgang, Christoph und Florian Köchert über die Geschichte des Wiener Hofjuweliers, das über 200-jährige Archiv, die berühmten Sisi-Sterne und Schmuck als lebendige Familientradition.
Seit 1814 prägt A.E. Köchert die Wiener Juwelierkunst. Das Haus verbindet kaiserliche Geschichte mit einem Selbstverständnis, das bis heute auf Handwerk, Familie und persönlicher Verantwortung beruht. Der ehemalige k.u.k. Hofjuwelier ist eng mit der Geschichte Wiens verbunden – von den legendären Sisi-Sternen bis zu historischen Diademen, die noch immer neue Kapitel schreiben.
Im Gespräch erzählen Wolfgang, Christoph und Florian Köchert, wie das Archiv des Hauses die Wirren des Zweiten Weltkriegs überstand, warum Heritage hier keine Marketingformel ist und wie historische Motive zeitgenössisch weitergedacht werden, ohne ihren Ursprung zu verlieren.
Ein Gespräch mit Wolfgang, Christoph und Florian Köchert
Wer das Haus Köchert heute betrachtet, trifft auf ein Archiv, das weit mehr ist als eine historische Sammlung. Es ist ein lebendiger Inspirationsraum, in dem sich die über 200-jährige Geschichte des Hofjuweliers mit dem Blick zeitgenössischer Künstler kreuzt. Dass das Haus diese Brücke zur Kunst schlägt – etwa durch die Kooperationen mit Persönlichkeiten wie Xenia Hausner, Hubert Schmalix, Boris Podrecca oder Elke Silvia Krystufek – zeugt von großer Offenheit, die den Schmuck immer wieder neu definiert.
Hier trifft die strenge architektonische Disziplin des Goldschmiedehandwerks auf die freie Vision der Kunst. Dieser ständige Austausch ist es, der die Stücke aus dem Hause Köchert nicht zu musealen Objekten erstarren lässt, sondern sie als tragbare Skulpturen in die Gegenwart überführt.
Gibt es etwas, das Sie gerne vorweg über das Haus Köchert sagen möchten?
Wolfgang Köchert: Köchert ist bis heute ein Familienbetrieb – und genau das macht uns wohl auch aus. Mittlerweile wird das Unternehmen in sechster Generation geführt; die siebte steht bereits in den Startlöchern. Wir sind ein privat geführtes Haus im Familienbesitz, was heute beinahe eine Seltenheit ist. In unserer Branche ist es außergewöhnlich, dass Wissen, Werte und das Verständnis von Handwerk und Kundenbeziehungen über Generationen weitergegeben werden.
Das Archiv ist das Herzstück jedes Traditionsunternehmens. Wie hat Ihr Archiv die Wirren des Zweiten Weltkriegs überlebt – und vor allem auch die Schmuckstücke?
Christoph Köchert: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Rote Armee im Haus. Es wurde alles durchsucht, der damalige Prokurist musste kommen – und aus Ärger darüber, keine Schmuckstücke gefunden zu haben, wurden sämtliche Dokumente des Archivs kurzerhand aus den Fenstern auf die Straße geworfen. Glücklicherweise wurde ein großer Teil gerettet: Ein Professor der Universität für angewandte Kunst ging zufällig vorbei, sah, was geschah, und mobilisierte spontan Studierende. Sie sammelten die Blätter ein und brachten sie zurück. Ein Teil der Schmuckstücke wurde damals vorsorglich im Salzkammergut vergraben. Dass vieles erhalten blieb, grenzt an ein Wunder.
Für die Ausstellung in Gödöllő hat Beatrice Austerlitz intensiv für das Haus Köchert recherchiert. Die Ergebnisse waren beeindruckend.
Wolfgang Köchert: Beatrice hat intensiv im Staatsarchiv recherchiert und einige Rätsel gelöst, auf die wir lange keine Antworten hatten. Ein Beispiel ist der berühmte Sisi-Stern von Kaiserin Elisabeth. Wir vermuteten, dass die 27 von Alexander Emanuel Köchert angefertigten Diamantsterne der Kaiserin anlässlich ihres 27. Geburtstags geschenkt wurden. Ihre Recherchen haben diese Theorie nun weiter bekräftigt. Viele neue Erkenntnisse kamen ans Licht. Gleichzeitig stehen wir bis heute in Kontakt mit Familien, die seit Generationen Schmuckstücke von uns besitzen und sie zur Reparatur bringen. So haben wir einen recht guten Überblick, wo sich viele unserer historischen Arbeiten befinden.
Sie arbeiten bis heute für Königshäuser, während gleichzeitig zeitgemäße Entwürfe entstehen. Wie entscheiden Sie, was neu interpretiert wird?
Florian Köchert: Wir schlagen nicht einfach ein altes Buch auf und produzieren Entwürfe eins zu eins nach. Unser Erbe dient als Inspirationsquelle, um etwas Neues entstehen zu lassen. Ein Beispiel ist die Masche beziehungsweise Schleife – ein klassisches Motiv, das wir anlässlich unseres 200-Jahr-Jubiläums 2014 wieder aufgegriffen haben. Auch das Thema Knoten, historisch mit maritimen Bezügen verbunden, haben wir gemeinsam mit einer Designerin neu interpretiert.
Gab es Fälle, in denen ein historischer Entwurf exakt reproduziert werden sollte?
Wolfgang Köchert: Ja, das kommt vor – wenn auch selten. In der Ausstellung in Gödöllő war ein Diadem zu sehen, das genau so ein Fall war. Jemand kam mit dem Wunsch auf uns zu, dieses Stück für eine Hochzeit eins zu eins nachfertigen zu lassen. Grundsätzlich versuchen wir aber, historisches Design zeitgenössisch zu interpretieren.
Sind Diademe wieder in Mode?
Christoph Köchert: Ich war einmal zu einer Veranstaltung eingeladen, auf deren Einladung stand: „Diadem-si-possible“. Tatsächlich erschienen alle Damen mit Diadem. Das hatte etwas sehr Schönes.
Gibt es eine Signatur, die typisch für Köchert ist?
Wolfgang Köchert: Ein roter Faden ist die Wandelbarkeit. Schon früh haben wir Schmuckstücke geschaffen, die sich zerlegen ließen – ein Diadem war nicht nur ein Diadem; einzelne Elemente konnten abgenommen werden. Man investierte in ein großes Stück und gewann daraus mehrere Möglichkeiten. Diese Idee findet sich bis heute wieder, etwa in unserer Kollektion der „X‑Changeables“.
Christoph Köchert: Es gibt zudem eine eigene Formensprache: Wer auf einen Ball geht, erkennt oft sofort, welche Stücke von Köchert stammen. Ich habe das erlebt, als ich in Kanada war, um Habsburger-Diamanten zu begutachten – da lag ein Schmuckstück, bei dem ich sofort wusste: Das ist Köchert.
Bedeutet das auch, dass Köchert über Generationen hinweg begleitet?
Wolfgang Köchert: Absolut! Wir sind kein Gasthaus – wir sind ein Wirtshaus. Ein Ort, an dem jemand aus der Familie hinter dem Vorhang steht. Wenn etwas ist, kann man kommen, und jemand kümmert sich. Wir expandierten bewusst nicht international wie andere, weil bei uns immer ein Köchert im Geschäft stehen soll. Dieses Vertrauen begleitet viele Kunden ein Leben lang – von der Verlobung bis zur Bewertung von Verlassenschaften. Erst kürzlich kam eine Kundin mit einem Armband zu uns, das in einer Boutique als „mögliche Kopie“ abgetan wurde. Wir haben es selbstverständlich repariert. Wir denken lösungsorientiert und fühlen uns verantwortlich – genau darin liegt der Unterschied zwischen einem familiengeführten Haus und einem Konzern.
Ihr Heritage spielt heute eine größere Rolle. Ist das etwas, das Sie bewusst wahrnehmen?
Florian Köchert: Ja, sehr stark. Marketingverantwortliche großer Luxusmarken sprechen heute davon, wie sehr Heritage an Bedeutung gewinnt, um den Markenkern zu definieren. Bei uns ist dieses Erbe glücklicherweise nie konstruiert worden – es war immer da. Wir müssen diese Geschichte nicht neu erzählen, sondern leben sie seit Generationen.
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