In den Pavillons des Jardin des Tuileries fand Anfang März eine Begegnung statt, die in der Welt des Designs Seltenheitswert besaß. Während der Pariser Messe MATTER and SHAPE trat das Wiener Traditionshaus J. & L. Lobmeyr nicht als klassischer Aussteller auf, sondern als Protagonist einer filmischen Raumkomposition. Der Regisseur Luca Guadagnino hatte für wenige Tage die Regie über das Glas übernommen.
Gemeinsam mit dem Architekten Andrea Bonatti verwandelte Guadagnino die Präsentationsfläche in ein begehbares Stillleben. Es war eine bewusste Abkehr von der sterilen Messeästhetik. Gezeigt wurden Ikonen des Hauses Lobmeyr, die in einen Dialog mit privaten Möbelstücken des Architekten Guglielmo Ulrich aus Guadagninos eigener Sammlung traten.
Die Fachpresse zeigte sich fasziniert von dieser persönlichen Note. Das Magazin Elle Decor beschrieb die Atmosphäre rückblickend als einen Ort, der „die Grenze zwischen privatem Interieur und musealer Inszenierung aufhob“. Es war weniger eine Verkaufsschau als vielmehr eine Studie über die Materialität des Lichts.
Das Spiel mit dem Maßstab: „Scale“
Unter dem Messemotto „Scale“ reizte Lobmeyr die Extreme seines Portfolios aus. Die Gegenüberstellung war radikal: Auf der einen Seite die legendären Musselingläser, so hauchdünn, dass sie beim Berühren fast zu zittern schienen; auf der anderen Seite die monumentale Präsenz der Kristalllüster, wie man sie aus der New Yorker Metropolitan Opera kennt.
Monocle konstatierte treffend, dass diese Schau zeigte, wie „Wiener Handwerk durch den Blick eines Cineasten eine neue, fast erotische Taktilität gewann“. Guadagnino nutzte das Glas nicht als bloßen Gebrauchsgegenstand, sondern als Medium, das Licht einfing, brach und den Raum neu definierte.
100 Jahre Art Déco: Kontinuität statt Kopie
Das Jubiläum der wegweisenden Pariser Ausstellung von 1925 bildete den historischen Rahmen. Doch statt nostalgischer Rückschau lieferten Lobmeyr und Guadagnino eine Bestandsaufnahme der Moderne. Die Linienführung von Josef Hoffmann und Adolf Loos wirkte in der Kombination mit den Entwürfen von Ulrich verblüffend zeitgemäß. Es ging um Proportionen, die die Jahrzehnte überdauern.
Die Poesie der Substanz
Die Kollaboration in den Tuilerien bewies, dass wahre Exklusivität heute in der Kuration liegt. Lobmeyr ist es unter der Führung der sechsten Generation – Andreas, Leonid und Johannes Rath – gelungen, das Erbe von 1823 in die visuelle Sprache von 2026 zu übersetzen, ohne die eigene Identität dem Spektakel zu opfern.
Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Resümee festhielt: „Guadagnino hat dem Glas nicht nur eine Bühne bereitet, er hat ihm eine Seele eingehaucht.“ Wer in jenen Tagen in Paris weilte, sah nicht nur Trinkgläser – er sah die Inszenierung einer jahrhundertealten Perfektion, die im flüchtigen Licht der Frühlingssonne für einen Moment stillstand.
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