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Paper reborn: Hanji, Koreas traditionelles Papier, war beinahe in Vergessenheit geraten. Heute wird das jahrhundertealte Material von Künstlern, Designern und Restauratoren neu entdeckt und zum Medium für Kunst, Gestaltung und Erinnerung.

Ein altes koreanisches Sprichwort sagt: ​„Papier überdauert tausend Jahre, Seide nur fünfhundert.“ Und tatsächlich gibt es kaum ein Material, das diesen Satz eindrucksvoller belegen könnte als Hanji. Eines der ältesten Zeugnisse wurde 1966 in der Seokgatap-Pagode des Bulguksa-Tempels in Gyeongju entdeckt: die Mugu jeonggwang dae darani-gyeong, ein buddhistischer Text, der um 704 auf Papier gedruckt wurde, nachdem er mehr als 1.200 Jahre in der Pagode überstanden hatte. Hanji verdankt diese Widerstandsfähigkeit keinem einzelnen Geheimnis. Ausgangspunkt ist Dak, der Papiermaulbeerbaum. Verwendet wird die helle Innenrinde seiner jungen Triebe. Ihre Zellulosefasern können bis zu zehn Millimeter lang sein – ein Vielfaches der Fasern vieler industrieller Holzpapiere – und besitzen nur einen geringen Ligningehalt. Genau dieses Lignin trägt bei gewöhnlichem Papier dazu bei, dass es mit der Zeit vergilbt und spröde wird.

Die Herstellung beginnt im Winter. Die Zweige werden gedämpft und geschält, die dunkle äußere Rinde wird entfernt. Die verbleibenden weißen Fasern kocht man traditionell in einer alkalischen Lauge aus Pflanzenasche, wäscht sie in klarem Wasser und lässt sie in der Sonne bleichen. Anschließend werden sie von Hand geschlagen und mit Wasser und Dakpul, einem pflanzlichen Schleimstoff, vermischt. Entscheidend ist das Schöpfen. Beim traditionellen Oebaltteugi bewegt der Papiermacher sein Bambussieb in unterschiedliche Richtungen durch das Wasser. Die langen Fasern legen sich kreuzweise übereinander und bilden ein dichtes Geflecht ohne ausgeprägte Laufrichtung. Anschließend werden die Bögen gepresst und getrocknet. Beim Dochim wird die Oberfläche durch wiederholtes Klopfen verdichtet und geglättet. Rund hundert einzelne Handgriffe muss ein traditionell hergestellter Bogen durchlaufen. Das Resultat kann dennoch hauchdünn, weich und lichtdurchlässig sein – und gleichzeitig eine enorme Zug- und Reißfestigkeit besitzen.

Papier rostet nicht

Wer heute von handgeschöpftem Papier spricht, denkt schnell an Kalligraphie, Bücher oder kostbare Drucke. In Korea wäre das über Jahrhunderte eine erstaunlich enge Definition gewesen. Hanji gehörte zum Alltag. Im traditionellen Hanok bespannte es Fenster und Schiebetüren, ließ Licht in die Räume und half beim Austausch von Luft und Feuchtigkeit. Dickere Bögen wurden mit Pflanzenöl behandelt und über die beheizten Ondol-Böden gelegt. Hanji wurde zu Tapeten, Körben, Schalen, Matten und Schuhen verarbeitet. In Streifen geschnitten, ließ es sich zu reißfesten Papierkordeln drehen und flechten. Und man fertigte sogar Rüstungen daraus. Mehrere verdichtete und miteinander verbundene Papierschichten wurden während der Joseon-Zeit zu Jigap verarbeitet; dessen Faserstruktur konnte die Energie von Pfeilen und Hiebwaffen aufnehmen. Gegenüber Metall hatte das Material zudem einen ziemlich pragmatischen Vorteil: Papier rostet nicht. Zugleich war es Träger des geschriebenen Gedächtnisses. Staatliche Dokumente, buddhistische Texte und königliche Chroniken wurden darauf festgehalten. 1377 entstand das Jikji, das älteste erhaltene Buch, das mit beweglichen Metalllettern gedruckt wurde – Jahrzehnte vor Gutenberg. Heute befindet es sich in der Bibliothèque nationale de France. Als Frankreich und Korea 1886 diplomatische Beziehungen aufnahmen, war Hanji also kein kostbares Relikt einer alten Kultur – es war Teil des Lebens. Wenige Jahrzehnte später begann sich das zu ändern. Ein Papier, das für die Ewigkeit gemacht ist, musste selbst vor dem Vergessen bewahrt werden. Die japanische Kolonialzeit, der Koreakrieg und schließlich die rasante Industrialisierung Südkoreas veränderten Produktion und Alltag. Industrieware war billiger und schneller verfügbar. Viele traditionelle Werkstätten verschwanden. Was über Jahrhunderte selbstverständlich gewesen war, wurde zur spezialisierten Handwerkskunst, bewahrt von immer weniger Papiermachern.

Comeback des Faser-Wunders

Heute ist es ausgerechnet die besondere Alterungsbeständigkeit von Hanji, die international neues Interesse geweckt hat. Restauratoren nutzen seine langen, kreuzweise angeordneten Fasern, um sehr dünne und dennoch belastbare Papierbögen herzustellen. Zudem verändert Hanji beim Trocknen seine Dimension nur gering – ein wichtiger Vorteil bei bestimmten konservatorischen Arbeiten. Auch der Louvre setzt darauf. 2017 kam Jeonju-Hanji bei der Restaurierung eines europäischen Prunkmöbels zum Einsatz. Feinste Papierstreifen stabilisierten empfindliche Bereiche und sicherten Risse. Später wurde Hanji unter anderem für eine Gruppe französischer Pastellporträts verwendet. Im Louvre hilft Hanji also, Geschichte zu bewahren.

Seine Renaissance reicht allerdings weit über Restaurierungsarbeiten hinaus: Hanji wird zu Textilien, Leuchten und dreidimensionalen Objekten verarbeitet; selbst für Lautsprechermembranen wird mit seiner Faserstruktur experimentiert. Und Künstler haben den Werkstoff längst aus seiner traditionellen Funktion gelöst. Park Seo-Bo, einer der prägenden Vertreter der koreanischen Dansaekhwa-Bewegung, integrierte feuchtes Hanji in seine ​„Écriture“-Arbeiten und formte daraus Linien, Furchen und Reliefs.

Chun Kwang Young wiederum umhüllt in seinen ​„Aggregation“-Arbeiten Tausende kleiner dreidimensionaler Formen mit bedrucktem Hanji aus alten Büchern und fügt sie zu großformatigen Reliefs zusammen.

Ein Kunstwerk schlägt Wurzeln

Noch unmittelbarer ist die Beziehung von Jeong-Han Yun und Choon-Hyang Yun zum Material. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeiten die beiden gemeinsam mit den Fasern des Dak-Baums. Ihre Kunst beginnt nicht mit einem fertigen Bogen Papier – sie beginnt beim Baum. Die Yuns ernten wild wachsende Dak-Bäume, lösen und kochen die Rinde, schlagen die Fasern von Hand und färben sie. Daraus entstehen abstrakte Werke, in denen sich Fasern verdichten, wieder voneinander lösen und Linien, Schichten und unregelmäßige Oberflächen bilden. Der Prozess, aus dem Hanji hervorgeht, bleibt im fertigen Werk sichtbar. Damit führen die Yuns eine jahrhundertealte Technik weiter und verändern gleichzeitig deren Zweck. Was einst geschaffen wurde, um Schrift zu tragen, Fenster zu schließen oder Gegenstände zu formen, braucht keine weitere Funktion. Die Faser selbst wird zum Bild.

Einen anderen Weg nimmt der koreanische Fotograf Chang Ki Chung. Nach Jahren in Mode‑, Werbe- und Porträtfotografie wandte er sich zunehmend der künstlerischen Fotografie zu; seit 2011 lebt und arbeitet er in Paris. Für seine großformatigen Schwarz-Weiß-Arbeiten nutzt er Hanji als Bildträger. Die matte, unregelmäßige Oberfläche ermöglicht besonders tiefe Schwarztöne. Analoge Fotografie, digitale Bearbeitung und ein jahrhundertealtes Material treffen in einem Bild zusammen.

French Connection

Im September 2026 bekam diese Geschichte einen passenden Schauplatz. 140 Jahre nachdem Frankreich und Korea 1886 diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten, zog Hanji während der Paris Design Week in das Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde ein. ​„Hanjimania“, kuratiert von Catherine Lurault und An KangEun und gemeinsam mit der Provinz Gyeongbuk organisiert, brachte französisches Design und koreanisches Handwerk zusammen. Studio KO, Pierre Yovanovitch, Constance Guisset, Aline Asmar d’Amman, Harry Nuriev und Jérémy Pradier-Jeauneau interpretierten Hanji gemeinsam mit koreanischen Künstlern und Handwerksmeistern neu. Mit Kim Sam-shik aus Mungyeong und Lee Byung-seop aus Andong sind auch zwei Meister jener Papierherstellung vertreten, auf der all diese zeitgenössischen Experimente beruhen. Dak, Pflanzenasche, Dakpul und Bambussieb gehören noch immer zu ihrem Handwerk. Dass ​„Hanjimania“ ausgerechnet im Hôtel de la Marine stattfand, passt zur Geschichte. Ende des 18. Jahrhunderts war das Gebäude Sitz des Garde-Meuble de la Couronne, zuständig für die kostbaren Möbel und Objekte der französischen Krone. In seinen historischen Appartements treffen nun französische Gestalter auf koreanische Künstler und Meister eines jahrhundertealten Handwerks. Hanji ist heute nicht mehr das selbstverständliche Papier des koreanischen Alltags: Im Louvre stabilisiert es historische Objekte, Künstler nutzen es als Medium, Designer entdecken seine besonderen Eigenschaften. Und noch immer beginnt jeder traditionell gefertigte Bogen mit der Rinde des Papiermaulbeerbaums.

Ende 2026 könnte ein weiteres Kapitel hinzukommen: Korea hat die traditionellen Kenntnisse und Fertigkeiten der Hanji-Herstellung und die damit verbundenen kulturellen Praktiken für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO nominiert. Die Entscheidung ist für Dezember 2026 vorgesehen. Mehr als tausend Jahre nach den frühesten erhaltenen Dokumenten wird Hanji wieder geschöpft, gefaltet, geflochten, bedruckt, fotografiert und neu interpretiert. Die Anwendungen haben sich verändert, die Faser ist geblieben. Papier überdauert tatsächlich tausend Jahre.


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