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Energie, Mobilität, Arbeit, Migration: Vieles, was unseren Alltag bestimmt, bleibt erstaunlich unsichtbar – bis etwas nicht mehr funktioniert. Genau hier setzt POWER LINES in Budapest an. Die neue Ausstellung der Mercedes-Benz Art Collection im ehemaligen Merlin Theater widmet sich jenen Infrastrukturen, die Gesellschaften prägen, Räume verbinden und politische wie wirtschaftliche Entwicklungen oft stärker beeinflussen, als wir im Alltag wahrnehmen.

Vom 28. Mai bis 30. August 2026 treffen hier Werke international renommierter Künstlerinnen und Künstler auf Positionen aus Ungarn sowie Mittel- und Osteuropa. Namen wie David Hockney, John M. Armleder, Robert Longo, Sylvie Fleury oder Oskar Schlemmer stehen neben regionalen Stimmen wie Rita Süveges, Ilona Németh, Sung Tieu, Doruntina Kastrati oder Monika Sosnowska. Kuratiert wurde die Ausstellung von Krisztián Gábor Török, der bewusst keinen klassischen White-Cube-Parcours geschaffen hat, sondern einen Dialog zwischen industrieller Geschichte, gesellschaftlichem Wandel und zeitgenössischer Kunst eröffnet.

Besonders spannend erscheint bereits der Ort selbst. Das zweigeschossige Gebäude des Merlin Theaters war einst ein Umspannwerk – ein Relikt jener industriellen Infrastruktur, die auch thematisch im Zentrum der Ausstellung steht. Energie wird hier nicht nur gezeigt, sondern beinahe körperlich spürbar gemacht. Gerade in einer Zeit, in der Europa intensiv über Versorgungssicherheit, Ressourcen und technologische Abhängigkeiten diskutiert, wirkt dieser Rahmen erstaunlich präzise gewählt.

Die Ausstellung entfaltet sich entlang von fünf Themenfeldern: Industrialisierung und Maschine, Migration, Moderne, Energie und Landschaft. Dabei folgt sie keiner linearen Dramaturgie, sondern funktioniert eher wie ein Netzwerk aus Ideen und Perspektiven. Besonders eindrücklich erscheint etwa Randomroutines’ Luddite Automaton“, eine monumentale Stahlkonstruktion, deren Figuren auf frühe Arbeiterbewegungen verweisen – angetrieben ausgerechnet von einer Windturbine. Eine Arbeit, die Fortschritt und Widerstand gleichzeitig erzählt. Ebenso faszinierend wirkt Sung Tieus The Ruling“, eine Installation aus Hunderten von Holzlinealen, die koloniale Machtstrukturen über scheinbar neutrale Maßsysteme sichtbar macht. Plötzlich wird klar, wie tief selbst Ordnungssysteme in gesellschaftliche Realität eingreifen können.

Spannend ist auch die Verbindung unterschiedlicher künstlerischer Generationen und Blickwinkel. Während David Hockney oder Benedikt Partenheimer industrielle Oberflächen und Mobilität aus einer beinahe ästhetischen Perspektive betrachten, thematisieren Künstlerinnen wie Doruntina Kastrati oder Rita Süveges die physischen und ökologischen Folgen wirtschaftlicher Systeme – von repetitiver Fabrikarbeit bis zu petrochemischen Landschaften, die lange Spuren hinterlassen. Monika Sosnowska wiederum arbeitet mit verbogenen Stahlstrukturen, die wie unter Druck geraten wirken – fast so, als würden selbst modernistische Ideale an der Realität scheitern.

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Rita Süveges, Foto: A. Tóth Dávid ©
Rita Süveges, Twilight of Petroleum, 2021

Dass eine Ausstellung dieser Art ausgerechnet von einer Unternehmenssammlung ausgeht, macht sie zusätzlich interessant. Die Mercedes-Benz Art Collection, gegründet 1977, zählt heute mit rund 3.000 Werken von über 800 Künstlerinnen und Künstlern zu den bedeutendsten Corporate Collections Europas. Ihr Schwerpunkt liegt auf abstrakt-konstruktiver Kunst, gesellschaftlich relevanten Positionen sowie Arbeiten zu Mobilität, Design und Zukunftsfragen. POWER LINES wirkt dabei weniger wie Markeninszenierung als wie der ernsthafte Versuch, Kunst als Raum für gesellschaftliche Reflexion zu öffnen.

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Agnieszka Polska ©
Agnieszka Polska, The Thousand-Year Plan (Videostill), 2021

Gerade deshalb macht die Ausstellung neugierig. Nicht nur wegen der großen Namen, sondern weil POWER LINES verspricht, Zusammenhänge sichtbar zu machen, die unseren Alltag prägen – oft, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Kunst also nicht als Rückzugsraum, sondern als Möglichkeit, Gegenwart besser zu verstehen. Vielleicht ist genau das heute relevanter denn je.


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