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Jahrelang dominierte makellose, kontrollierte Schönheit das Bild – Haut wie gefiltert, Haare perfekt, nichts dem Zufall überlassen. Jetzt kippt die Ästhetik: Das Messy Girl ersetzt Perfektion durch Persönlichkeit, Anmut durch Attitude. Ein Beauty-Trend, der weniger optimieren will – und mehr ausdrücken.

Makellose Haut, strenge Sleek-Buns, perfekt gebürstete Brauen, präzise Nude-Töne – der Clean Girl Look wirkte wie ein Hochglanzfilter im echten Leben. Alles saß, nichts verrutschte, jedes Detail war kontrolliert aber wirkte leicht. Gleichzeitig stand der Look zunehmend in der Kritik: Viele der ikonischen Bilder orientierten sich an sehr spezifischen Schönheitsidealen – helle, perfekte und gleichmäßige Haut, glattes Haar sowie feine Züge – und sie verlangten oft einen hohen, aber nicht selten kostspieligen Produktaufwand. Das mühelos wirkende Ergebnis, war selten nur einfach erreichbar.

Und wie immer, wenn etwas zu lange durchlebt wird, kommt 2026 auch hier die Gegenbewegung: der Messy Girl Look. Der Kajal ist weich verwischt, die Lippenfarbe liegt blurry außerhalb der Kontur, die Haut wirkt mitsamt ihrer Makel völlig natürlich. Es ist die Morning-after“-Ästhetik, wie man sie aus der 90er-Grunge-Ära kennt – von Courtney Loves verschmiertem Lippenstift bis zu den leicht verlebten, dunklen Augen von Winona Ryder. Ein Look, den Dance-Pop-Ikone Charli xcx heute wieder unfassbar cool macht.

Während man sich in der Clean-Girl-Zeit auf Hochglanz polierte, funktioniert das Messy Girl völlig anders. Hier zählt nicht, ob alles richtig sitzt. Es geht nicht darum, besonders schön auszusehen, sondern darum, etwas auszudrücken. Ein bisschen Revoluzzer-Energie und ein Hauch von Ich habe die Nacht durchgemacht“ sowie Es ist mir vollkommen egal, was andere denken“.

Und genau deshalb funktioniert der Look oft schon mit wenigen Produkten. Ein dunkler Kajal, ein Lippenstift in Bordeaux oder Pflaume, pechschwarte Mascara. Auch beim Teint verschiebt sich der Fokus. Der Concealer wird punktuell eingesetzt, Sommersprossen, Pigmentflecken oder kleine Unreinheiten bleiben sichtbar. Glanz wird nicht komplett mattiert. 

Aber wie bei vielen Gegenbewegungen bleibt auch dieser Trend nicht frei von Kritik. Die Nähe zu 90er-Grunge-Referenzen weckt bei manchen Erinnerungen an die Ära des sogenannten Heroin Chic – extrem schmale Körper, müde Gesichter, bewusst fragile Inszenierungen. Auch der egal“-Look kann schnell als Ungepflegtheit missverstanden werden. Gleichzeitig zeigt genau diese Diskussion, wie stark Schönheit weiterhin mit gesellschaftlichen Erwartungen verknüpft ist: Zwischen Kontrolle und Loslassen, Perfektion und Imperfektion.

Die Ästhetik erinnert an das, was Make-up-Ikone Inge Grognard seit Jahrzehnten prägt. Die belgische Artistin, eng verbunden mit Martin Margiela und der radikalen Modeavantgarde, steht für eine rohe, ungeschönte Bildsprache. Dunkle Töne, sichtbare Texturen, Gesichter, die nicht perfektioniert, sondern individualisiert werden. Make-up soll für sie Spuren einer Geschichte hinterlassen“ – etwas, das erlebt aussieht, nicht inszeniert.

Das Messy Girl unterläuft damit die alte Logik der permanenten Optimierung. Es ist kein Chaos, sondern eine bewusste Lockerung der Disziplin. Weniger perfekt funktionieren, mehr existieren. Vielleicht ist das keine große Revolution. Aber es ist ein kleines Aufmucken. Make-up war schon immer auch Freiheit – die Möglichkeit, Rollen zu wechseln, sich neu zu definieren, mit Identität zu spielen.

Und vielleicht liegt genau darin die Stärke dieser neuen Phase: wählen zu können. An einem Tag geschniegelt, am nächsten verwischt. Diszipliniert oder spontan. Clean oder messy. Beides darf existieren. Aber nichts davon ist mehr Pflicht.


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