Im Herzen der Kulturachse von Downtown L.A. eröffnet mit Dataland das weltweit erste Museum für KI-Art. Das Refik Anadol Studio unternimmt dabei ein spannendes Experiment: Mithilfe des Large Nature Model trifft der Geist der Maschine auf das Denken der Natur.
Lianen und Linien, manche von Ameisenkolonien in den weichen Boden gezeichnet. Das weiche Licht, das sanft von oben einsickert: vom vielstöckigen Amazonasblätterdach fein gefiltert. Und wie die Feuchtigkeit Gerüche moduliert! Eine komplexe akustische Kulisse gibt es auch, mittags ganz anders als in der schwülen Nacht, und millionenfaches Vogelgezwitscher ist bloß ein Grundton davon. Als Refik Anadol, der Superstar auf dem Gebiet immersiver Medienkunst, zuerst nach Aldeia Sagrada und dann nach Nova Esperança reiste, um im brasilianischen Amazonas-Regenwald mit indigenen Yawanawá zusammenzuarbeiten, schöpfte er aus dem Vollen. „Possible Futures“ hieß die Initiative, in deren Rahmen Anadols Kunstprojekt „Winds of Yawanawá“ entstand.
KI, indigenes Wissen und die spirituelle Essenz des Amazonas-Regenwaldes verwandelten sich in Data Paintings. Echtzeit-Wetterdaten, die changierenden Bilder der Windrichtung und ‑stärke flossen in Anadols Videokunstinstallation ein. Wenig später ging der gebürtige Istanbuler, der gemeinsam mit Efsun Erkılıç 2014 in L.A. das Refik Anadol Studio etablierte, einen Schritt weiter. Die Pioniere auf dem Gebiet der immersiven Kunst entwickelten ihr Large Nature Model (LNM), einen einzigartigen Zugang zum Trainieren Künstlicher Intelligenz. Einzigartig deswegen, weil das Large Nature Model ausschließlich auf die eigenständige Intelligenz der Natur baut. Also auf jene Wege durch das stets präsente Chaos, die durch fortgesetztes Trial and Error die Evolution bestimmen. Damit unterscheidet sich das Large Nature Model auf radikale Weise von allen gängigen KI-Sprachmodellen (LLMs) – die ausnahmslos auf menschlichem Intellekt basieren.
Wie lässt sich das „Denken“ von Ökosystemen visualisieren? Das Large Nature Model bereitet dazu die Basis – und begeisterte auch im Rahmen der Installation „Living Archive: Nature“ am World Economic Forum Davos. Typisch für die interdisziplinäre Arbeit des heute 41-Jährigen, der Mitte Juni die Eröffnungsausstellung eines neuen, einzigartigen Museums bestreitet, ist das allemal. Dataland ist das weltweit erste Museum für AI Art. Und Los Angeles, stets offen für radikale Experimente jedweder Art, das perfekte Biotop zum Ausloten künstlicher Strömungen. Das zunehmend bedeutender werdende Genre Immersive Art findet hier eine hochkarätige Heimat – in perfekter Nähe zu spannenden Kultureinrichtungen wie The Broad, MOCA, The Music Center oder REDCAT. Den großartigen Rahmen dazu besorgte ein ganz anderer Visionär: nämlich der kürzlich verstorbene Pritzker-Preisträger Frank Gehry, auf dessen kreatives Konto die Architektur der in L.A. Downtown gelegenen Kulturstätte The Grand LA geht, in dem Dataland untergebracht ist. Fünf Galerien bespielen nun eine Gesamtfläche von 2.322 Quadratmetern, die in Zusammenarbeit mit dem Architekturstudio Gensler sowie mit Arup, einem weltweit tätigen Büro für nachhaltige Entwicklung, realisiert wurde.
Um das Verständnis von kreativen Anwendungen von Künstlicher Intelligenz weiter zu vertiefen, lanciert das neue Museum künftig ein Artist Residency Program in Partnerschaft mit dem Sponsor Google Arts & Culture. „Machine Dreams: Rainforest“ heißt die durchaus programmatisch zu verstehende erste Dataland-Präsentation, die sich auf gewohnt spektakuläre Art und Weise in das künstlerische Wirken des Refik Anadol Studio einfügt. Anadol untersucht die Ästhetik von Datenströmen und Machine Learning und wandelt algorithmische Daten in immersive Media Art um. Das bezeugen Projekte in über siebzig Städten und auf sechs Kontinenten, die eines gemeinsam haben: Stets geht es darum, das kreative Potential an der Schnittstelle von Mensch und Maschine auszuloten. Das eingangs beschriebene Large Nature Model zeigt eine besondere Facette dieser Arbeit, für die der Umgang mit riesigen Datenmengen eine Voraussetzung ist. Im Rahmen von Projekten wie „Machine Hallucination“ wurde etwa das komplette digitale Gedächtnis verfügbarer Bilder New Yorks in eine neue Vorstellung der Großstadt von morgen umgewandelt. Im Falle von „Quantum Memories“ verschmelzen 200 Millionen Bilder der Erde, der Ozeane und der Atmosphäre und erzeugen die Visualisierung einer alternativen Realität von Natur.
Vor allem aber erweitern Anadol und sein Team die Grenzen von Media Art. Denn sie setzen das Rohmaterial der algorithmischen Daten auf innovative Weise ein, malen mit einem „denkenden“ Pinsel und visualisieren eine stets vorhandene, in der Regel freilich unsichtbare Umgebung. Die um uns flutenden Daten werden als primäres Material und das neuronale Netzwerk eines computerisierten Geistes als Partner genutzt. Davon zeugen sitespezifische KI-Datenskulpturen: Kunstwerke, die KI und Daten in digitale Strukturen übersetzen und auf diese Weise direkt auf spezifische Standorte oder deren Geschichte reagieren. Wetterdaten, soziale Medien oder historische Archive werden visuell erlebbar. Im Projekt „Infinity Room“ wird die für Anadol typische, latent hypnotisch anmutende Verbindung von immersivem Datenflow und Soundeffekten um eine zusätzliche sensorische Ebene erweitert: KI-generierte Düfte ergänzen dann das Spiel der unvorhersehbaren Formen und Farben.
Der Dataland-Trip durch den Amazonas, der seit 20. Juni ins The Grand LA einlädt, stellt den Wald als das vor, was er ja auch ist: eine riesige denkende Form von Intelligenz. Licht, Feuchtigkeit und Zeit schaffen einen steten Strom an neuer Materialisierung. Doch das bunte Wuchern markiert zugleich den Ausgangspunkt spannender Fragestellungen entlang Anadols zentraler künstlerischer Leitlinie: dem Zusammenwirken von maschineller Intelligenz und jener der Natur. Fragen sind zum Beispiel: „Was, wenn Maschinen die Sprache der Natur erlernen?“ Oder: „Lässt sich AI auf eine Weise trainieren, die das digitale Gedächtnis der Erde nicht bloß in Form von Bildern abruft, sondern eine Form von Empathie entwickelt?“ Salvator ex machina? Wurzeln zur Weltenrettung, die mit Hilfe von KI besser wuchern? Der Umstand, dass hier sogenannte World Models zum Einsatz kommen – eine weiterentwickelte Form von generativer KI, die in der Lage ist, physikalische Grundprinzipien in räumliche Dynamik umzusetzen – unterstreicht nicht zuletzt die Ausnahmestellung, die Dataland innerhalb des musealen Geschehens anstrebt. Systeme, die interne, neuronale Repräsentationen ihrer Umgebung erstellen, die physikalische Gesetze oder kausa- le Beziehungen von Ursache und Wirkung sowie Dynamiken und deren Konsequenzen vorausblickend verstehen, sind auch in der KI ein relatives Novum – und in der digitalen Kunst ohnehin.
Was sich dann in explosionsartigen Turbulenzen vor den Augen der Besucher auftut, tobt, schäumt, wächst und dreidimensional in sich zusammenfällt, ist eine Weltmaschine, die in der Lage ist, Folgen von Handlungen zu simulieren. Das ist, gelinde gesagt, kein Klecks. Eher ein wilder Garten der Natur. Wohin der sich ausbreitet? Mitunter in eine Vergangenheit, die Besucher traurig stimmt. Im Dataland Gallery Infinity Room, einem von fünf Ausstellungsbereichen, wird das im unbeantworteten Gesang des letzten aufgezeichneten Kauai-Krausschwanz erfahrbar – einem nun ausgestorbenen Singvogel. Anadols „Machine Dreams: Rainforest“ ist freilich ein Abgesang ganz anderer Art. Hier hört (und sieht) man auch den Hauch der Zukunft.
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