Mehr als 160 Motorräder, Helme, Archive und 105 Jahre Moto Guzzi: Für das neue Museum in Mandello del Lario entwirft UniFor nicht die Exponate, sondern alles, was sie umgibt. Denn auch ein Museum braucht den richtigen Style.
Seit 1921 baut Moto Guzzi seine Motorräder in Mandello del Lario. Am selben Ort, zwischen Comer See und den Voralpen, entsteht nun ein neues Hauptquartier, das Fabrik, Museum, Archiv, Veranstaltungsräume und Hospitality unter einem Dach zusammenbringt. Die berühmte rote Einfahrt an der Via Parodi bleibt. Dahinter wurde neu gedacht.
Verantwortlich für die Architektur ist der amerikanische Architekt Greg Lynn. Er verbindet die historischen Gebäude mit neuen Strukturen und macht eine zentrale Piazza zum Mittelpunkt des Areals. Interessant ist dabei, woher die Architektur ihre Sprache nimmt: Formen, Materialien und metallische Oberflächen der Moto-Guzzi-Motorräder werden in einen anderen Maßstab übersetzt. Im Museum erinnern konische Strukturen mit großen Öffnungen zugleich an Teile des alten Fabrikkomplexes und an die Felsen der umliegenden Berge.
Und dann müssen die Motorräder irgendwo hin.
One Room, 160 Motorcycles
Mehr als 160 Maschinen erzählt die Ausstellung – vom frühen G.P.-Prototyp bis zu aktuellen Modellen, dazwischen Rennmotorräder und Motorräder aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Eine Sammlung, an der sich nicht nur technische Entwicklung ablesen lässt, sondern auch Veränderungen in Design und Lebensstil.
Für ihre Inszenierung kommt UniFor ins Spiel. Das Unternehmen der Molteni Group hat für das Museum ein eigenes Ausstellungssystem entwickelt und dafür Gestaltung, technische Entwicklung und Produktion übernommen. Die Einrichtung soll sich der Architektur unterordnen und gleichzeitig sehr unterschiedliche Exponate zusammenbringen.
Motorräder stehen auf eigens entwickelten Plattformen und Sockeln in verschiedenen Formen und Größen. Für Memorabilia, Zubehör, Kleidung und Modelle entstanden Vitrinen, Displays und Halterungen. Helme und Archivmaterial bekommen wiederum Systeme mit bekannten Designnamen: das X Shelving von Foster + Partners und das CF System des Architekten Dante Bonuccelli.
Metallkonstruktionen, Aluminiumregale und Oberflächen aus strukturierter Harzbeschichtung in Zementoptik nehmen den industriellen Charakter des Ortes auf. Kein dekorativer Motorrad-Romantizismus also, sondern Materialien, die ohnehin in diese Welt gehören.
Who Designs the View?
Bei einem Museum denkt man zuerst an das, was darin ausgestellt wird. Weniger oft an all jene Dinge, die bestimmen, wie wir es sehen.
Wie hoch steht ein Motorrad? Wie viel Abstand bekommt es? Was befindet sich dahinter? Wie werden 160 Maschinen gemeinsam gezeigt, ohne dass daraus ein Parkplatz wird? Und wie bringt man einen Rennsporthelm, ein historisches Dokument und ein komplettes Motorrad in dieselbe gestalterische Ordnung?
Ausstellungsgestaltung beginnt genau dort.
UniFor hält sich dabei bewusst zurück. Die Systeme sollen die Sammlung strukturieren, ohne mit ihr zu konkurrieren. Gleichzeitig müssen sie flexibel genug sein, um Motorräder, Dokumente, Modelle und andere Objekte mit vollkommen unterschiedlichen Formaten aufzunehmen.
Der Style eines Museums besteht eben nicht zwingend darin, dass man seine Einrichtung zuerst sieht.
Take a Seat
Spätestens außerhalb der eigentlichen Ausstellung wird die Verbindung zur Möbelwelt deutlicher.
UniFor stattet auch Café, Merchandising-Bereich und Teile der Besucherzonen aus. In den Lounges stehen Elemente aus der von OMA entworfenen PRINCIPLES Collection. In den Arbeitsbereichen kommen LessLess Tische, Schubladenelemente und Schränke von Jean Nouvel zum Einsatz. Und in den Wartezonen stehen Paul Sofas von Vincent Van Duysen für Molteni&C.
Damit reicht das Design weit über die klassische Museumseinrichtung hinaus. Es begleitet den Besucher vom Motorrad über das Archiv bis zum Café und verbindet gleichzeitig öffentliche Bereiche mit jenen Räumen, in denen gearbeitet, gesammelt und konserviert wird.
Das passt zu einem Ort, der ohnehin mehr sein will als Museum. In Mandello del Lario wird weiterhin produziert. Gleichzeitig werden dort künftig Besucher durch mehr als ein Jahrhundert Moto Guzzi geführt, Archive bewahrt, Veranstaltungen abgehalten und Gäste empfangen.
Moto Guzzi bekommt damit kein Museum, das seine Vergangenheit hübsch einrahmt. Sondern ein neues Zuhause, in dem Fabrik, Architektur, Möbel und Ausstellung zusammen gedacht wurden.
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