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Schwebepavillons, Kirchenbauten, Bahnhofshallen? Eine Tour zu den Museumsikonen Berlins.

Als Mies van der Rohe gefragt wurde, was für Architekten denn am schwersten zu entwerfen sei, lautete die spontane Antwort: Kirchen und Bars. Berlins Neue Nationalgalerie ist nichts von beidem, aber sie gilt als letztes großes Vermächtnis van der Rohes. 50 Meter zum Quadrat, ein lichtdurchfluteter Quader, von einem monumentalen Stahldach überspannt, dessen Schwere die schwebende Konstruktion unterstreicht. Ein Museum ohne Wände, das auf lediglich acht Säulen ruht. Mit raumhohen Glasfenstern an allen Seiten, 1968 eröffnet und bis heute weltweit einzigartig. Schöner als vom Weniger ist mehr“ Meister wurde die Leichtigkeit und Offenheit der klassischen Moderne kaum je hin- und vorgestellt. Vor fünf Jahren begann der Londoner Kollege David Chipperfield mit der Restaurierung dieser Bauikone. Zu tun gab es viel: Die Natursteinplatten an der Fassade hatten im Lauf der Jahrzehnte unschöne Risse bekommen. Stahlelemente rosteten vor sich hin. Das Dach leckte. Glasscheiben waren beschädigt. Vom Fitnessprogramm für die marode Technik gar nicht erst zu reden. Doch Chipperfields eigentlicher Job lautete: Als Architekt unsichtbar bleiben! Nur ja nichts vom großen Mies van der Rohe abzwacken, ergänzen, interpretieren! Dass das hervorragend gelungen ist, zeigte sich spätestens im Rahmen der feierlichen Eröffnung. Das einzige Bauwerk, das der Übervater der Moderne Nachkriegsdeutschland beschert hat und das zwischenzeitlich bis auf den Rohbau entkernt wurde, erstrahlt nun so gut wie neu. Fast möchte man sagen: Das Hauptexponat der Neuen Staatsgalerie ist Mies van der Rohes Bau selbst. Ergänzt wird er durch Skulpturen Alexander Calders sowie die aktuelle Ausstellung Die Kunst der Gesellschaft 1900 – 1945“ (bis 2. 7. 2023) – eine Reise mit 250 Werken durch ein wüstes halbes Jahrhundert. 

Auf zum Umbruch!

Berlin ist noch zu retten! Auch dieser Sager war im Zuge der erfolgreich abgewickelten Restaurierung des Öfteren zu hören. Aus gutem Grund. Kaum eine Museumsstadt in Europa befindet sich so sehr im Umbruch wie die deutsche Hauptstadt. Es ist ein Umbruch auf Berliner Art. Nicht immer so geradlinig wie die perfekt restaurierte Neue Nationalgalerie. Mitunter allzu nah am Unruhepuls der chronisch chaotischen Dauerbaustelle Berlin. Das kann man mögen oder auch nicht. Ansehen sollte man es sich auf jeden Fall. Dann trifft man gleich wieder auf David Chipperfield. Auf dessen Kreativ-Konto geht ja auch der Wiederaufbau des bereits 2009 eröffneten Neuen Museums, in dem man die weltberühmte Nofretete-Büste bestaunen kann, ein Highlight aus vier Jahrtausenden altägyptischer Geschichte, zu der auch die weltberühmte Papyrussammlung zählt. Erst vor zwei Jahren eröffnete wiederum Chipperfields James-Simon-Galerie, eine elegante, zeitgemäße Umsetzung klassischer Kolonnaden, die nun als Besucherzentrum und Verteiler der einzigartigen Berliner Museumsinsel dient. Dazu sollte man wissen: Das aus fünf Museen bestehende Bauensemble gehört zweifellos zu den spannendsten Museumskomplexen Europas. 

Vergangenheit mit Zukunft

Berlin, Babylon, Bohème. Die Uhren der Kunstwelt ticken hier besonders schnell, das Jetzt ist die Vergangenheit der Zukunft. Eröffnung hier, Schließung da, Highlights, wohin man blickt. Der elektrisierende Vibe Kunst-Berlins verebbt am nördlichen Teil der Spreeinsel in ganz anderen Wellenlängen. Dafür sorgen nicht zuletzt stille polyglotte Spaziergänge, die auf der Museumsinsel quer durch die Jahrtausende führen. Das Konzept der Archäologischen Promenade wird nach kompletter Fertigstellung vier der fünf Museumsbauten verbinden – und hält auch jetzt vielfältige Stationen bereit. Sogar eine Reise ins Jenseits findet sich darunter. So lautet das Thema des Ägyptischen Hofs, der in einem kreisförmigen Saal des Bode-Museums eine Art Best of Sarkophag“ kombiniert. Der benachbarte enorm hohe Griechische Hof lässt lieber untergegangene Kulturen unbekannter Turkvölker kongenial auferstehen. In der Antikensammlung des Alten Museums lässt wiederum die Ausstellung Klangbilder – Musik im antiken Griechenland“ (bis 3. 7. 2022) aufhorchen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Unter anderem gelingt das durch den Nachbau antiker Instrumente sowie mittels Medienstationen, die den Original-Sound der Antike näher bringen. Der noch im Umbau befindlichen Dreiflügelanlage des Pergamonmuseums, Berlins meistbesuchter Kulturbau, der neben Antikensammlung und Vorderasiatischem Museum ein Museum für Islamische Kunst beherbergt, wurde wiederum ein temporäres Ausstellungsgebäude zur Seite gestellt – mit 360-Grad-Panorama. Man sieht: Mühelos kann man inmitten der jahrtausendealten Kulturen Kleinasiens, Ägyptens oder Mesopotamiens ganze Tage verbringen – und dabei Berliner Luft atmen. 

Hier wird Kunst gehobelt

Elf Jahre dauert die Sanierung des spektakulären Pergamonmuseums bereits. Optimisten rechnen mit einer Fertigstellung Ende 2031 – ziemlich fix angesichts diverser Exponate, die aus sumerischer Zeitrechnung stammen. Und klar: Wo Kunst gehobelt wird, fliegen auch Berliner Späne. Das beweisen gegenwärtig weitere Schauplätze der Berliner Museumsszene. Gleich mit der aktuellen Eröffnung des Humboldt Forums hinter den rekonstruierten Fassaden des neu errichteten Berliner Schlosses – unter anderem zeigt es im Ethnologischen Museum Exponate aus Asien, Ozeanien, Afrika und Amerika – entbrannte eine Restituierungsdebatte um kolonialen Kunstraub. Am Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – entspann sich zuletzt ein Disput um Abriss oder eben Fortbestand der ergänzenden Rieck-hallen. Ein Grund mehr, dieser weltweit einzigartigen Präsentation zeitgenössischer Kunst einen Besuch abzustatten. Denn die spektakuläre, mit Werken von Joseph Beuys, Andy Warhol, Cy Twombly oder Bruce Nauman bestückte Location wird in einem Atemzug mit dem MOMA New York oder Londons Tate Modern genannt. 

Kunst mit Overkill

Ohnehin droht auch zähesten Kulturtigern früher oder später der Overkill. Berlin bietet mit 175 Museen praktisch für jeden zweiten Tag im Jahr eine neue Option. Die übrigen Abende ließen sich indessen mühelos mit Theaterbesuchen füllen. Mit drei Opernhäusern und mehr als 150 Bühnen ist die Berliner Theaterszene ähnlich hyperaktiv – wobei Adressen wie das Deutsche Theater, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, das von Brecht gegründete Berliner Ensemble oder die innovative Schaubühne am Lehninger Platz eine enorme Bandbreite abdecken.

Keine Angst vor Beton

Zurück zur schönen Allianz von Weltarchitektur und Museumskultur. Daniel Libeskinds dekonstruktivistischer Bau für das Jüdische Museum Berlin bietet ein gutes Beispiel, ebenso wie weit schrägere Locations. Der obenauf mit Bäumchen bewachsene ehemalige Reichsbahnbunker Friedrichstraße ist eine besonders solide: Hier hat die private zeitgenössische Kunstsammlung des Medienunternehmers und Kunstmäzens Christian Boros ein 3.000 Quadratmeter großes Zuhause gefunden. Ähnlich wenig Angst vor Beton bewies die König Galerie, die ihre Wechselaus-stellungen im brutalistischen Rahmen der umgewidmeten Kreuzberger St.-Agnes-Kirche inszeniert. Oder der wunderschöne Martin-Gropius-Bau von 1881, Host von Ai Weiwei oder Dennis Hopper – welch traumhafte Kombination! Klasse hat auch der 1969 errichtete und rundum verglaste Schinkel Pavillon – er verbindet Traumblicke mitten im historischen Zentrum Berlins mit moderner Kunst.

Absteigen & Auftischen

art’otel berlin mitte
Wallstraße 70 – 73, 10179 Berlin, radissonhotels​.com
Das elegante Haus liegt unweit der Museumsinsel und bietet mit Werken von Georg Baselitz einen Vorgeschmack.

Sir Savigny Hotel
Kantstraße 144, 10623 Berlin, sirhotels​.com
Das Boutiquehotel in Charlottenburg punktet mit Public Library und organisiert Local Culture Tours“.

25 Hours Hotel Bikini Berlin
Budapester Straße 40, 10787 Berlin, 25hours​-hotels​.com
Viel jugendliches Flair im denkmalgeschützten Bau, originelle Dschungelsauna und Blick auf den Zoo Berlin. 
Design vom Berliner Stardesigner Werner Aisslinger.

Villa Kellermann in Potsdam
Mangerstraße 34, 14467 Potsdam, villakellermann​.de
Der Berliner Spitzenkoch Tim Raue und Günther Jauch servieren in einer 1914 für den königlichen Zeremonienmeister erbauten Prachtvilla bodenständige Kreationen.

Paris Bar
Kantstraße 182, 10623 Berlin,
parisbar​.net
Das legendäre Restaurant in Berlin- Charlottenburg zelebriert für die Kunstszene französische Küche.

Nobelhardt & Schmutzig
Friedrichstraße 218, 10969 Berlin, nobelhartundschmutzig​.com
Innovative 10-Gänge-Gourmetmenüs aus ausschließlich (!) lokalen Zutaten. Ziel des Michelin-Sternerestaurants ist es, Produzenten im Berliner Umland zu unterstützen.

Mehr erfahren
visitberlin​.de
smb​.museum