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Von Goethe zu Glanz und Glamour auf dem roten Teppich: Philipp Hochmair im Interview über seine schauspielerischen Anfänge, Cannes und die Liebe zu Frankreich.

Mit seiner charismatischen Bühnenpräsenz und seinem unverwechselbaren Spiel in Film und Fernsehen hat sich Philipp Hochmair einen festen Platz in den Herzen von Kritikern und Publikum gleichermassen erobert. Mittlerweile dreht der österreichische Schauspieler nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern hat auch in Frankreich Fuß gefasst. Anfang des Jahres stand er für eine französische Serie vor der Kamera, im Mai ist er erneut Gast auf dem Roten Teppich in Cannes. Lisi Brandlmaier spricht mit dem neuen Jedermann von Salzburg“ Philipp Hochmair über seine Liebe zu Frankreich und entlockt dem Ausnahmetalent den einen oder anderen Must-visit-Geheimtipp in Cannes.

Frankreich ist eine Art zweite Heimat für dich. Wie kam die Liebe zu Frankreich?

Die kam sehr früh. Gleich zu Beginn meines Schauspielstudiums am Max Reinhardt Seminar in Wien im Alter von 19 Jahren habe ich von der Möglichkeit erfahren, ein Auslandsemester in Paris zu machen. Daraufhin habe ich sofort begonnen, Französisch zu lernen. Für mich war Frankreich der Inbegriff für experimentelles avantgardistisches Theater. Ich habe damals Ariane Mnouchkine und Peter Brook zutiefst verehrt. Diese beiden Großmeister des Theaters sind mit ihren Truppen regelmässig in Wien bei den Festwochen zu Gast gewesen.

Du hast 1995 bis 1996 in Paris studiert. Was hat dich an dieser Stadt so fasziniert?

Paris ist eine Weltstadt. Die Stadt hat einerseits zwar einen völlig anderen, überwältigenden romantischen Flair als meine Heimatstadt Wien, andererseits musste ich mich in der Fremde in einer ganz anderen Sprache organisieren und durchsetzen. Zudem haben die Franzosen ein komplett anderes Schauspielschulsystem. Ich wohnte in einem neun Quadratmeter großen Chambre de Bonne“, einem Dienstbotenzimmer, in Fußnähe zum CNSAD, wo man nur in der geöffneten Dachluke aufrecht stehen konnte. Das war wahrhaftige Schauspielschulromantik, la vie de bohème.

Und dennoch hat es dich zurück nach Deutschland gezogen?

Ja, für die Zusammenarbeit mit dem Hamburger Theaterregisseur Nicolas Stemann, mit dem ich in Wien studiert hatte. Wir haben damals sozusagen unsere eigene Theatertruppe in Hamburg gegründet und dort für Furore gesorgt. Das, was ich mir bei den Großmeistern in Frankreich abschauen durfte, konnten wir da jetzt einfließen lassen. Zuvor hatte ich aber in Paris noch mit dem Filmregisseur Claude Berri in dem Film Lucie Aubrac“ meine erste Filmerfahrung gemacht. Ich hatte zwei Drehtage und zum ersten Mal den Alltag am echten Filmset erlebt, einer großen Kriegsgeschichte in den 40er-Jahren. Ich war von diesen Eindrücken am Set so überwältigt, dass ich komplett ausgeknockt war und eine Woche im Bett liegen musste, um mich davon ausruhen.

Philipp Hochmair Bad Gastein 3 © Stephan Brückler
Was immer Du kannst, beginne es. Johann Wolfgang von Goethe

Einer deiner ersten Filme, Glanz des Tages“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel lief sogar in Frankreich im Kino. Wie kam es dazu?

Der Film hatte 2013 am Filmfestival in Locarno Premiere und wurde dort auch ausgezeichnet. Danach wurde er beim Filmfestival in Angers Premier Plans“ präsentiert und kam anschliessend unter dem Titel L’Éclat du Jour“ ins französische Kino.

2013 war offenbar ein erfolgreiches Jahr für dich. Immerhin eröffnete auch das Stück Faust“ das Theater La FabricA in Avignon.

Ja, das war eine große Ehre! Eine Produktion des Hamburger Thalia Theaters, von meinem Regisseur Nicolas Stemann inszeniert und mit mir in der Rolle des Mephisto, eröffnete ein ganz neues Theater in Avignon. Hier hat sich dann auch großes Theater ereignet. Wir waren sogar auf der Titelseite von Le Monde.

Und es ging so erfolgreich weiter – 2014 folgte die Tournee mit deinem Monolog Goethes Werther“ in Frankreich!

Ja, 2014 war die Premiere einer zweisprachige Version meines Monologs Werther!“ nach Goethes Briefroman am Théâtre Vidy-Lausanne“. Von dort aus sind wir im gesamten französischen Sprachraum auf Tour gewesen. So kam ich dann als zweisprachiger Schauspieler aus Frankreich zurück …

Du warst Ensemble-Mitglied am Wiener Burgtheater und am Hamburger Thalia Theater und bist mit dem Werther durch Frankreich getourt – inwieweit unterscheidet sich das Leben am Theater in Frankreich von dem im deutschen Sprachraum?

Ich habe den französischen Theaterbetrieb als familiärer wahrgenommen und somit auch als weniger institutionell. Ich hatte beispielsweise eine engere Verbindung zu den Bühnentechnikern. In Frankreich wurde ich immer von derselben Gruppe von Technikern betreut, mit denen ich schliesslich auch auf Tour ging. So hat sich dieses persönliche, fast schon freundschaftliche Verhältnis aufgebaut. In Hamburg und am Burgtheater war alles deutlich anonymer.

Philipp Hochmair JM 2 © Stephan Brückler

Die Maske des Charismas: Das Schauspiel zwischen Charme und Grauen / Hinter dem Vorhang der charmante Schauspieler, vor dem Vorhang ein Massenmörder – wie geht das?

Auch der französische Film unterscheidet sich vom deutschsprachigen. Letztes Jahr kam Die Wannseekonferenz“, die bei uns im TV zu sehen war, in Frankreich in die Kinos. Wieso, denkst du, wurde der Film hier im Kino gezeigt und was macht ihn so besonders?

In Deutschland hat der Film eine große historische Bedeutung und sollte einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Da sich am 20. Januar 2022 der Tag der Wannseekonferenz zum 80. Mal jährte, sollte der Film über das Fernsehen und die Mediathek jedem und immer zugänglich sein.

Im Ausland war der Film meist im Kino zu sehen und somit auch aus einer künstlerischen Perspektive zu erleben. Ich habe den Kinostart 2023 in Frankreich aufgrund meiner Französischkenntnisse begleitet.

Heydrich war sicher eine der herausforderndsten Rollen meiner bisherigen Schauspielarbeit.

Heydrich, den du hier verkörperst, ist einer der schlimmsten Massenmörder aller Zeiten. Gibt es eine französische Persönlichkeit, die dich als Schauspieler besonders reizen würde?
Es gibt eine tolle Verfilmung von Ariane Mnouchkine von Molières Leben – Molière als Filmcharakter, als Phänomen und seine Zeit waren für mich immer schon sehr attraktiv. Die Konfrontation des Freigeists Molière mit dem strengen höfischen Leben ist etwas, was mich immer schon angezogen hat. Ebenso der Film Hotel de France“ von Patrice Chéreau – inspiriert von Tschechows Stück Onkel Vanja“ – fasziniert mich, weil sich hier auch Film und Theater auf geniale Weise mischen.

Die Netflix-Serie La Révolution“ von Aurélien Molas zeigt, wie das heute funktionieren kann: ein historisches Drama in ganz modernem Stil erzählt. Umso mehr freut es mich, dass ich mit Aurélien Molas Anfang des Jahres in Nantes in sechs Wochen die Serie Deep“ gedreht habe.

Worum geht es in dieser Serie?

Ich würde es als avantgardistischen Nazi-Western bezeichnen. Der Titel Deep“ bezieht sich auf ein Super-U-Boot, mit dem Zeitreisen möglich sind und die Protagonisten sind in diversen Zeitschleifen im Zweiten Weltkrieg gefangen. Ich spiele den Bad Guy“ dieser Serie, einen kaltblütigen Befehlshaber der SS.

Wie bereitest du dich auf so eine Rolle vor?

Die Schwierigkeit in dieser Geschichte war, das Geflecht der Zeitreisen zu begreifen und trotz der Sprünge in der Erzählung die Leichtigkeit zu behalten. Ich bin vor Drehbeginn bereits nach Nantes gefahren, um mir die historischen Schauplätze anzuschauen. Das war sicher ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitungen. Wenn man in einem echten Kriegsschiff dreht, in einem echten U‑Boot-Hafen der Nazi-Zeit, schlüpft man automatisch in die Rolle hinein …

Philipp Hochmair 2 © Stephan Brückler

Geheimtipps für Cannes

Aus Frankreich geht es nach Frankreich. Du bist da zum vierten Mal in Folge am Festival in Cannes – was macht das Cannes Filmfestival im Vergleich zu anderen europäischen Festivals so einzigartig?

Das, was ich mit Peter Brook und Ariane Mnouchkine in Paris als Schauspiel-Student erlebt habe, erlebe ich jetzt 30 Jahre später in Cannes – das Epizentrum des internationalen Kinos. Hier sieht man internationale und französische Filme höchster Qualität im Festivalprogramm vereint.

Wie sieht bei dir ein Tag in Cannes aus?

Sehr früh aufstehen und statt dem Frühstück gibt es gleich den ersten Film. Über den Tag verteilt schaue ich drei bis fünf Filme und dementsprechend richten sich Essen und Schlafen nach dem Rhythmus des Spielplans. Es ist ein atemloses Jagen nach Tickets zu allen möglichen Premieren. Und dazwischen finden Meetings mit Kollegen, Regisseuren und Produzenten statt. Und wenn es die Zeit zulässt, springt man kurz ins Meer, um im Kopf Platz zu schaffen für die nächsten Filme.

Warum sind derartige Festivals so wichtig für die Filmbranche?

Der direkte Kontakt mit Leuten aus der Branche ist bei solchen Festivals einzigartig. Das Schönste ist es, dort ein Gefühl für das aktuelle Weltkino zu erhaschen.

Dein Lieblingsspruch auf Französisch?

Quand les poules auront des dents“ – Wenn die Hühner Zähne haben“ – (lacht), bedeutet Jaja, irgendwann, also praktisch nie“.

Du kochst gerne und gut. Was fasziniert dich an der französischen Küche am meisten?

Die für uns doch sehr ungewöhnlichen Speisen, die im Zeitalter von Veganismus und der vegetarischen Ernährung vollkommen aus der Zeit gefallen sind, wie etwa Schweinsfüße. Vor allem aber die französische Esskultur interessiert mich ganz besonders. Also die Art, gemeinsam das Essen zu zelebrieren. Alleine, wie der Kellner die Speisen ankündigt, ist ein Erlebnis. In fast jedem Restaurant nimmt sich der Kellner die Zeit, das Gericht bis ins kleinste Detail zu erklären. Das schafft Ruhe für echten Genuss.

Was ist dein Lieblingscafé in Cannes?

La Californie – da sieht man direkt auf das Festival-Palais, kann entspannt dem wilden Treiben zuschauen und dazu klassische Bistro-Küche auf hohem Niveau geniessen.

Und dein absolutes Lieblingslokal?
Das ist das Hotel Eden Roc in Antibes. Es ist eine Hotel-Legende (fünf Sterne), die für ihre exklusive Lage an der Côte d’Azur und ihre erstklassigen Service bekannt ist. Der exklusive Treffpunkt der Filmschaffenden.

Hast du, als Cannes-Experte, absolute Geheimtipps für die Stadt?

Das wäre einmal Île Sainte-Marguerite: Diese Insel vor der Küste von Cannes ist ein ruhiges Paradies mit unberührten Stränden, Pinienwäldern und einem historischen Gefängnis, das sogar besichtigt werden kann.

Oder der Marché Forville: Dieser überdachte Markt im Zentrum von Cannes ist ein beliebter Treffpunkt für Einheimische. Authentisch und sehr angenehm für ein schnelles Mittagessen!

Aber auch das Musée de la Castre: Dieses Museum befindet sich in einer mittelalterlichen Festung auf dem Hügel von Le Suquet – dem ältesten Teil von Cannes mit seinen charmanten Kopfsteinpflasterstraßen, historischen Gebäuden und einem atemberaubenden Blick auf die Stadt und das Meer. Das Museum beherbergt eine beeindruckende Sammlung von Kunstwerken, ethnografischen Objekten und antiken Artefakten.

Philipp Hochmair Red Carpet © Getty Images
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21. November 2022 Qatar

Urbane Lesezeichen

Bücher sind Freunde: Extravagante Bibliotheken liegen im Bautrend. So entstehen weltweit demokratische, offene Räume mit Designfaktor der Extraklasse. Ebenfalls eingeladen: die Multimedia-Kumpels Film, Video, Gaming, Werkstatt, Tontechnik und Co.

Fast modisch sieht er aus, der gestreckte ­sandgelbe Baukörper der neuen Bibliothek Oodi im Herzen Helsinkis: Organische Schichten aus Holz, Glas und Stahl erinnern an mehrlagige Säume eines Kleides. Weiche Wellen umspülen Grüppchen junger Finnen und türmen sich wie ein schützender Überhang über dem verglasten Eingang auf. Im dritten Geschoß verschmilzt ein milchig weißes Dach zum intimen Zelt-Look. Dass ALA Architects hier weit mehr geschaffen haben als bloß eine neue Städtische Bibliothek, spürt man auf Anhieb. Dezidiert non­commercial“ ist die neue Architekturikone im kulturellen Gravitationszentrum Helsinkis, eher ein ­Werkzeugkasten für Kreativität. 

So überrascht es auch nicht, dass Skandinaviens span­nendste Flagship ­Library eine Gemeinschaftsküche aufweist, ent­spannte Sitz­­stu­fen, die zum Plaudern einladen, ferner Workshop-Räume für Audio-Tech­nologien, den Kinosaal Regina, eine eigene Zone für Pop-up Events, Säle für Performan­ces oder Lectures und, und, und. In Summe lotet dieses vielfältige Angebot neue Sichtweisen auf den ­Gebäu­de­ty­pus Bibliothek aus. Oodi will User mit Kenntnissen versorgen, neue Fähigkei­ten vermitteln, ein Ort des Lernens, Ar­­beitens und Entspannens sein – so cha­rakterisieren die Planer die Bibliothek. Weil sie in Finnland steht, der demokratische Musterschüler mit den guten PISA-Noten und eine ­eifrige Bücherleser-Nation überdies, wurde die Bevölkerung bereits vor der Planung an­geregt, eigene Wünsche einzubringen. Das beschert Oodi nun Gaming Rooms, Studios für Musik‑, Foto- und Videoaufnahmen. Und hinter einer versteckten kleinen Tür in einem Bücherregal ganz am Nordende des dritten Gescho­ßes einen kuscheligen, orange­far­be­­­­­­­nen, gut gepolsterten Geheimraum für kluge Kinder. Wie ein Lesenest sieht er aus. 

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01. April 2021 Arsenale

Schöne Aussichten

Wie werden wir in Zukunft zusammen­leben? Die Architektur Biennale in Venedig gibt Antworten.

Wie werden wir in Zukunft zusammenleben? Dieser Frage widmet sich die Architektur Biennale Venedig ab 22. Mai. Das wichtigste Festival seiner Art weltweit verschob die 17. Ausgabe von 2020 auf dieses Jahr. Nun werden sich mehr als 100 Teilnehmer mit der Frage auseinandersetzen, welche spannenden Tendenzen und Veränderungen es in Sachen Lebensraum und Koexistenz gibt. Ist die Dichte der Stadt erstrebenswert? Wie adaptiv sind unsere aktuellen Wohnformen? Der österreichische Beitrag von Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer beschäftigt sich mit Plattform-Urbanismus und hinterfragt, wie sehr wir im Alltag auf Plattformen angewiesen sind – ein Thema, das gerade durch Corona an Brisanz gewonnen hat. Die berühmte Kunstbiennale wurde ihrerseits von 2021 auf 2022 verschoben. Venedig, Architektur Biennale, 22. 5. – 21. 11. 2021, labiennale​.org

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20. April 2021 Cutecircuit com Soundshirt 2

Jeden Ton fühlen

Klangvolle Innovation: Dieses Shirt macht Musik für Gehörlose erlebbar.

Der Genuss von Musik ist leider nicht ­allen Menschen vergönnt. Gehörlose können den einen oder anderen Ton zwar auf der Haut spüren, aber eine komplette Melodie bleibt ihnen verwehrt. Das Sound Shirt von Cutecircuit soll das in Zukunft ändern. Dieses Kleidungsstück kann musikalische Schwingungen an den Träger weitergeben und macht so das Musikhören möglich. Die notwendige Mikroelektronik ist angeblich so dünn, dass der Träger sie nicht spüren kann. Was er spürt, sind Impulse, die von einer Software generiert werden – jedes Instrument ist an einer anderen Stelle des Körpers zu spüren. Mit Sicherheit ein einmaliges Erlebnis. 

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