In Fjorden, Wäldern, Weinbergen und auf schwimmenden Plattformen erlebt die Sauna ein heißes Comeback – als kleine Architektur zwischen Hitze, Landschaft und Gemeinschaft.
Ridiculously Good-Looking Saunas versammelt 36 Projekte und zeigt, wie konsequent Architekten weltweit den archetypischen Schwitzraum neu denken.
Wenn die Sauna Teil der Landschaft wird
Es ist vielleicht das einfachste Versprechen der Architektur: ein kleiner Raum, Holz, Steine, Hitze. Und doch entfaltet die Sauna eine Wirkung, die weit über den klassischen Wellnessbereich hinausgeht. Sie ist Rückzugsort, Ritualraum, Mikroarchitektur und immer öfter ein bewusst gestalteter Dialog mit der Landschaft.
Weltweit entstehen derzeit kleine, freistehende, schwimmende oder mobile Saunabauten: am Fjord, im Wald, auf dem See, in Weingärten oder an felsigen Küsten. Sie stehen nicht für Eskapismus, sondern für eine neue Form von Präsenz. Für Langsamkeit in einer beschleunigten Welt. Für Körperlichkeit in einer digitalen Kultur. Und sie stehen für das Glück, für eine Weile nichts anderes zu tun, als zu schwitzen, zu atmen und wieder abzukühlen.
Ein Bildband über Wärme, Raum und Langsamkeit
Der Berliner Verlag gestalten widmet diesem Phänomen nun einen Bildband: Ridiculously Good-Looking Saunas versammelt 36 außergewöhnliche Projekte aus aller Welt – von Norwegen bis Japan, von Lettland bis Australien. Herausgegeben wurde das Buch von gestalten gemeinsam mit Christopher Selman, Saunadesigner, Erbauer und Mitgründer des britischen Studios Out of the Valley in Devon. Selman besuchte auf einer einjährigen Reise über 100 Orte, die sich der Wärme verschrieben haben, und kuratierte daraus ein Kompendium, das die Saunaarchitektur nicht als Lifestyle-Trend, sondern als kulturelles und räumliches Phänomen betrachtet.
Die Sauna selbst ist eines der ältesten Rituale der Menschheit. In Finnland ist sie bis heute Alltagskultur, sozialer Ort, Reinigungsritual und Rückzugsraum zugleich. Ihr poetisches Zentrum ist das Löyly, jener Dampf, der entsteht, wenn Wasser auf heiße Steine trifft und mehr als nur Temperatur bedeutet. Es geht um Atmosphäre, Stille, Verdichtung. Um einen Moment, in dem Raum, Körper und Wahrnehmung zusammenfallen.
Warum die Sauna gerade ein Comeback erlebt
Dass die Sauna derzeit eine Renaissance erlebt, ist kein Zufall. In einer Zeit permanenter Erreichbarkeit wirkt sie wie ein analoges Gegenmodell. Kein Screen, kein Unterhaltungsprogramm, kein Konsumversprechen. Nur Hitze, Kälte und Ruhe. In Großbritannien wird die Sauna bereits als „neuer Pub“ bezeichnet – als sozialer Ort ohne Alkohol, Lärm und Inszenierung. Das Buch beschreibt eine globale Bewegung hin zu Langsamkeit, Einfachheit und gemeinsamer Wärme.
Architektonisch besonders spannend sind jene Projekte, die die Sauna aus dem abgeschlossenen Spa-Kontext lösen und wieder in die Landschaft integrieren. Dort wird sie zur sorgfältigen architektonischen Intervention: ein kleiner Baukörper, der Wind, Wasser, Licht und Material nicht ausschließt, sondern integriert.
Von Norwegen bis Naoshima: Saunen als Mikroarchitektur
In Norwegen etwa steht Soria Moria von Feste Landscape / Architecture auf Stelzen über dem Bandak-See. Die kristalline Dachform nimmt die umliegenden Berge auf, goldene Schindeln verweisen auf die regionale Folklore und das nahegelegene, historische Dalen Hotel. Ein Märchenobjekt – aber eines, das seine Landschaft sehr genau reflektiert.
In East Sussex übersetzt The Drying Shed von Built Works den Typus des traditionellen landwirtschaftlichen Trockenschuppens in eine kleine, rote Waldsauna. Lärchenschindeln, Erlenholz im Inneren und eine Bank aus sturmgefällter Silberbirke prägen das Design. Hier wird die Landschaft nicht spektakulär gerahmt, sondern materiell weitergeführt.
Auf Naoshima wiederum entwarfen Kengo Kuma & Associates mit SAZAE eine spiralförmige Holzskulptur aus Hinoki-Zypresse, die nach einer japanischen Meeresschnecke benannt ist. Der Raum zieht sich nach innen zum zentralen Ofen und macht den Saunagang zu einer fast meditativen Bewegung durch Material, Wärme und Licht.
Kleine Baukörper mit großer Wirkung
Solar Egg von Bigert & Bergström funktioniert ganz anders: Es ist eine mobile, spiegelnde Sauna in Ei-Form, die ursprünglich für Kiruna in Nordschweden entwickelt wurde. Ihre goldenen Edelstahlpaneele reflektieren Schnee, Himmel, Stadt und Körper und machen die Sauna so zu einem sozialen Kunstwerk, dessen Bedeutung sich mit jedem Standort verändert.
Auch Ästad Vingård in Halland zeigt, wie eng Sauna, Landschaft und Gastfreundschaft heute zusammengedacht werden können. Die teilweise unter Wasser gesetzte Sauna im Sinnenas Spa bringt Badende auf Augenhöhe mit der Wasseroberfläche und schafft so einen stillen, fast filmischen Moment zwischen Holzraum, See und Buchenwald.
In Lettland interpretiert das Ziedlejas Nature Spa von Open AD die traditionelle Pirts neu. „Smoke”, „Glass” und „Wool” heißen die drei Saunaräume, die die Elemente Rauch, Transparenz und textile Geborgenheit jeweils anders interpretieren. Das Ensemble wirkt weniger wie ein Resort als wie ein zeitgenössisches Ritualfeld.
Schwitzräume für Stadt, Garten und Fjord
Die MFG Mobile Sauna aus Deutschland denkt die Sauna als bewegliches Objekt: Sie ist leicht, transluzent und transportabel – eine Mikroarchitektur, die nicht an einen Ort gebunden ist, sondern das Ritual selbst mobil macht.
In Tschechien zeigt What a Hut, wie Gartensaunen mit runden Bullaugen oder großen Glasflächen zu kleinen Aussichtsarchitekturen werden können – eine Verbindung von traditioneller Gemütlichkeit und zeitgemäßer Ästhetik.
Und in Oslo setzt Trosten von Estudio Herreros ein eigenes Zeichen: Die direkt am Fjord und nahe dem Munch-Museum gelegene, schwimmende und öffentlich zugängliche Sauna versteht Wellness nicht als Privatangelegenheit, sondern als Teil urbaner Kultur.
Wenn Architektur sich zurücknimmt
Was all diese Projekte verbindet, ist nicht eine gemeinsame Formensprache. Es ist eine grundsätzliche Haltung. Die neue Saunaarchitektur sucht nicht das Spektakel, sondern die Verdichtung. Sie zeigt, wie wenig ein Raum braucht, um viel zu leisten: Wärme, Material, Aussicht, Stille – und die Möglichkeit, für einen Moment ganz im eigenen Körper anzukommen.
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