Mit Lonely Planet hat Tony Wheeler das unabhängige Reisen geprägt wie kaum ein anderer. Im Gespräch erzählt der Reisepionier, warum Neugier, Respekt und langsames Reisen heute wichtiger sind denn je.
Tony Wheeler, geboren 1946 in England, gründete Anfang der 1970er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau Maureen den Verlag Lonely Planet. Aus einem selbstverlegten Buch über eine Reise durch Asien entstand der weltweit einflussreichste Reiseführerverlag. Die „Lonely Planets“ prägten Generationen von Reisenden und veränderten die Art, wie die Welt bereist und wahrgenommen wird. Heute ist Wheeler nicht mehr im operativen Geschäft tätig, reist aber weiterhin leidenschaftlich. Wir treffen ihn an einem Dezemberabend in Melbourne an – tiefenentspannt und mit einem Glas Weißwein in der Hand.
Tony, Sie sind 79 – werden Sie des Reisens nicht langsam müde?
Nein, überhaupt nicht! Wenn ich auf ein Jahr zurückblicke, stelle ich fast immer fest, dass es ein sehr gutes Reisejahr war. Besonders freue ich mich über Orte, an denen ich noch nie zuvor war – es fühlt sich an, als würde man einem Land innerlich einen Haken hinzufügen.
Wo waren Sie zuletzt?
In Algerien. Ich wollte schon seit Jahren dorthin reisen, doch lange galt das Land als unsicher; ein Bild, das sich bis heute hält. Ich war einige Wochen dort, und mir wurde immer wieder gesagt, wie sehr sich die Situation in den letzten zehn Jahren verbessert hat. Ich war wirklich begeistert.
Worüber im Besonderen?
Algier ist eine faszinierende Stadt. Nachdem Haussmann Paris umgestaltet hatte, arbeitete er auch in Algier, weshalb es dort eindrucksvolle französische Architektur gibt. Dazu kommen hervorragende römische Ruinen – mit die besten im Mittelmeerraum – und im Süden, in der Sahara, außergewöhnliche prähistorische Felsmalereien. Das Land bietet eine enorme Vielfalt.
Gibt es eine Art von Glück, die Sie nur auf Reisen finden?
Vielleicht eher eine Form von Klarheit. Reisen relativiert vieles. Man erkennt, dass die eigene Sicht auf die Welt nur eine von vielen ist. Dieses Gefühl begleitet mich seit meinen ersten Reisen. Für mich ist Reisen eine Form von Bildung, die nicht theoretisch, sondern erfahrungsbasiert ist.
Viele Menschen führen Listen mit bereisten Ländern. Tun Sie das auch?
Ich versuche, nicht in Häkchen zu denken, aber natürlich weiß ich, wo ich noch nicht war. In diesem Jahr war ich neben Algerien etwa zum ersten Mal in Jamaika, Mauritius, den Seychellen und auf Réunion – wobei Réunion streng genommen kein eigenes Land ist. Entscheidend ist aber natürlich etwas anderes als die Anzahl der Länder, die man bereist: Es ist die Intensität der Begegnung. Ein Ort erschließt sich selten beim ersten Besuch vollständig.
Reisen Sie noch mit Reiseführern?
Ja, unbedingt! Meist digital, manchmal gedruckt. Ein guter Reiseführer ersetzt keine eigenen Erfahrungen, sondern gibt Kontext. Geschichte, Einordnung, Hintergrund – all das findet man nicht immer zuverlässig online.
Sind Reiseführer heute noch zeitgemäß?
Es gab eine Phase, in der sie an Qualität verloren hatten, weil man annahm, alles ließe sich online nachschlagen. Die Rückmeldungen der Leser zeigten jedoch, dass fundierte Informationen fehlten. Reiseführer sind heute anders, aber weiterhin wertvoll: Sie bieten kuratiertes Wissen, unabhängig von Technik und Akkulaufzeit.
Wann wurde Ihnen klar, dass Ihre Bücher mehr als praktische Hilfsmittel waren?
Sehr früh. Schon in den ersten Jahren, nachdem wir unseren Verlag gegründet hatten, meldeten sich Leser, die sich ernsthaft verstanden fühlten. Es entstand eine Gemeinschaft von Menschen, die ähnlich reisen wollten: offen, neugierig, respektvoll. Damit kam natürlich auch Verantwortung.
Wann haben Sie erkannt, dass es überhaupt einen Bedarf für Ihre Art von Reiseführer gibt?
Unmittelbar nach unserer ersten Reise durch Asien. In Sydney wurden wir ständig gefragt, wie wir unterwegs gewesen waren. Erst später wurde mir bewusst, wie viele Menschen zur gleichen Zeit ähnliche Routen bereisten, ohne voneinander zu wissen.
Gab es Orte, die durch Ihre Bücher stark beeinflusst wurden?
Ja, besonders Vietnam und China. Als Vietnam sich öffnete, nutzten fast alle denselben Reiseführer. Empfahlen wir ein Restaurant, war es sofort überlaufen. Uns wurde bewusst, wie groß unser Einfluss war, und wir begannen, bewusster und zurückhaltender zu empfehlen. China war vermutlich besonders schwierig. Der erste China-Reiseführer erschien 1984. Reisen war kompliziert, Genehmigungen waren unübersichtlich, vieles lief informell. Gerade deshalb war Orientierung dort besonders wichtig.
Hat sich Reisen für Sie verändert, als es auch Arbeit wurde?
Ja, aber im positiven Sinne. Selbst schwierige Orte waren interessant, weil man sie genau beobachten und dokumentieren musste. Viele unserer Autoren sagen bis heute, es sei der beste Job ihres Lebens gewesen.
Welches Buch war die größte Herausforderung?
Die Sowjetunion. Kaum war das Buch fertig, existierte das Land nicht mehr. In China dagegen erschien eine neue Ausgabe kurz vor dem SARS-Ausbruch, und der Tourismus brach vollständig ein.
Konnten Sie Reisen und Arbeit jemals trennen?
Eigentlich nicht. Auch privat habe ich mir Notizen gemacht. Das genaue Hinsehen hat das Reisen für mich eher intensiviert.
Welche Rolle spielt Langsamkeit beim Reisen?
Eine entscheidende! Zu Fuß oder mit dem Fahrrad erlebt man Orte anders. Langsames Reisen schafft Nähe – zu Landschaften, aber auch zu Menschen. In einer beschleunigten Welt ist das fast ein Gegenentwurf.
Übertourismus ist heute ein großes Thema. Welche Orte bereiten Ihnen Sorgen?
Venedig, Barcelona, Amsterdam – und überraschenderweise Albanien. Innerhalb weniger Jahre ist das Land vom Geheimtipp zur überlaufenen Destination geworden. Am besten, man reist nicht nur an die Küste. Das Landesinnere bietet viel, und man sollte sich dafür Zeit nehmen.
Welchen Rat geben Sie heute jungen Reisenden?
Wenn möglich, reisen Sie früh! Ein längerer Aufenthalt unterwegs vermittelt mehr Verständnis für die Welt als viele Jahre formaler Bildung. Reisen lehrt Selbstständigkeit, Empathie und Gelassenheit.
Welche Art des Reisens wünschen Sie sich für die Zukunft?
Reisen, das nicht nur konsumiert, sondern versteht. Lesen und Reisen gehören für mich zusammen. Wer sich vorbereitet und reflektiert, reist nicht nur weiter, sondern tiefer.
Und was kommt als Nächstes?
Kurzfristig die Scilly-Inseln vor der englischen Küste. Langfristig hoffe ich auf Venezuela oder die Guayanas – einige der wenigen Orte in Südamerika, die mir noch fehlen. Neugier kennt kein Ablaufdatum!
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