Die Wiener Künstlerin Val Wecerka verwandelt Buchstaben, Erinnerung und biografische Brüche in vielschichtige Bildobjekte. Aktuell ist sie in der Ausstellung „Attersee rundum“ in der Galerie 422 in Gmunden vertreten.
Was bleibt von Sprache, wenn sie nicht mehr gelesen, sondern gesehen wird? In den Arbeiten von Val Wecerka wird Schrift zum Material. Buchstaben lösen sich aus ihrer ursprünglichen Funktion, werden Linie, Relief, Struktur, Ornament, manchmal fast Landschaft. Was auf den ersten Blick abstrakt wirkt, trägt Spuren von Biografie, Herkunft und Erinnerung in sich.
Wecerka, in Burgas in Bulgarien geboren, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Wien. Ihre künstlerische Ausbildung führte sie von der Kunstschule in Sliven über das Modekolleg Herbststraße an die Universität für angewandte Kunst Wien, wo sie Malerei, Grafik und Tapisserie bei Christian Ludwig Attersee sowie freie und experimentelle künstlerische Gestaltung bei Barbara Putz-Plecko studierte. Diese Verbindung von Malerei, Textil, Objekt und Raum prägt ihr Werk bis heute.
Ein zentraler Ausgangspunkt ist die Frage nach Zuhause. Was bedeutet Heimat, wenn sie nicht nur ein geografischer Ort ist? Wie verändert sich Erinnerung, wenn sie über Sprache, Papier und Distanz vermittelt wird? In ihrer Serie „(Un)geschriebene Briefe“ greift Wecerka auf eine Erfahrung zurück, die eng mit ihrer Übersiedlung nach Wien verbunden ist. In einer Zeit vor selbstverständlicher digitaler Kommunikation wurden Briefe zur wichtigsten Verbindung zur Familie. Aus diesem persönlichen Archiv entwickelte sich eine künstlerische Sprache, in der Schrift nicht erklärt, sondern verdichtet.
Ihre Arbeiten entstehen häufig aus Schichten. Karton, Papier, Acryl, Strukturpaste, Holz oder textile Elemente bilden Oberflächen, die zwischen Zeichnung, Relief und Objekt changieren. Werke wie „Freud’s Letter“, „Anne Frank“, „Hommage an Lassnig“ oder „Lines from the past“ zeigen, wie Schrift historische und persönliche Ebenen miteinander verschränkt. Es geht dabei nicht um Lesbarkeit im klassischen Sinn. Entscheidend ist der Moment, in dem Sprache körperlich wird.
In jüngeren Werkgruppen verschiebt sich der Blick stärker in Richtung Landschaft und organische Form. In „Poesie in der Geometrie“ treffen rhythmische Linien auf topografische Strukturen. Arbeiten wie „Mountain Lines“, „Hommage an Monet“ oder „The Wave in Blue and Yellow“ erinnern an Höhenlinien, Wasserbewegungen, textile Gewebe und geologische Schichten. Die Geometrie bleibt bei Wecerka nie kühl. Sie ist durchlässig, bewegt, manchmal fast atmend.
Auch die floralen Arbeiten der Serie „We don’t hate flowers“ erweitern diesen Ansatz. Blüten werden hier nicht dekorativ gedacht, sondern als hybride Zeichenkörper. In der Serie „Viva“ verbindet Wecerka die politisch aufgeladene Geste der erhobenen Faust mit Alltagsobjekten und floralen Formen. Das Ergebnis bewegt sich zwischen Pop, Protest und semantischer Verschiebung: Ein vertrautes Zeichen verliert seine Eindeutigkeit und öffnet neue Bedeutungsräume.
Aktuell ist Val Wecerka in der Ausstellung „Attersee rundum“ in der Galerie 422 in Gmunden vertreten. Christian Ludwig Attersee tritt dort mit ehemaligen Studierenden in einen Dialog, der über Generationen, Materialien und künstlerische Temperamente hinweg geführt wird. Für Wecerka ist dieser Kontext naheliegend: Attersee war nicht nur ihr Lehrer an der Angewandten, sondern steht auch für eine Kunst, die Bild, Sprache und Zeichenlust immer wieder neu verbindet.
Val Wecerkas Werk passt in keine enge Kategorie. Es ist Malerei und Objekt, Schriftbild und Erinnerungsspur, Oberfläche und Raum. Ihre Arbeiten erzählen von biografischen Übergängen, ohne sich in Erzählung aufzulösen. Sie zeigen, wie viel in einem Zeichen liegen kann, bevor es wieder zum Wort wird.
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